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Kultur

Ingeborg-Bachmann-Preis, Sommertreffen des Literaturbetriebs

Der Bachmann-Preis gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. 2015 müssen sich dafür 14 Autoren drei Tage lang einem harten Lesewettbewerb stellen - darunter zehn starke Frauen.

Es gibt nur wenige – manche bitter enttäuschte Autoren vielleicht –, die vom Bachmann-Wettbewerb nichts mehr wissen wollen. Die Gruppe der anderen hingegen, die Jahr für Jahr zum österreichischen Wörthersee aufbricht, ist allemal ansehnlich. Nicht umsonst gilt die Reise nach Klagenfurt seit Jahren schon als schönster sommerlicher Ausflug des Literaturbetriebs – hin zu dem See – der tatsächlich Wörthersee heißt, wenngleich mit einem "h" in der Mitte.

Was macht den Aufenthalt so anziehend – mal abgesehen vom Wasser vor dem Panorama der Berge? Warum kommen neben den Vorlesern und der Jury, den Pflichtanwesenden also, Jahr für Jahr in großer Zahl Verlagsleute und Literaturagenten zum Klagenfurter Wettlesen – auch dann, wenn keiner ihrer Autoren auftritt? Das Buch-Geschäft ist ein "People-Business", sagt man, und vielleicht lässt sich das nirgends so schön beobachten wie im südlichen Österreich. Wobei es weniger ums Business geht in Klagenfurt, sondern ums Grundsätzliche, um Sprache und Dichtung.

Saskia Hennig von Lange Autorin

Längst keine Unbekannte mehr: Autorin Saskia Hennig von Lange

Bekannte Namen

Dabei hat sich im Laufe von mittlerweile fast vier Jahrzehnten einiges geändert. In seinen Anfängen wurde der seit 1977 ausgetragene Lesewettstreit noch zur Plattform für vielfach unbekannte Autoren. Von Klagenfurt aus gelang zumindest einigen, den Preisträgern zumal, der Sprung in die Programme etablierter Verlage. Doch diese Zeiten sind passé. Dieser Tage kommen auch viele bekannte Namen nach Klagenfurt, um einen noch unveröffentlichten Text vorzulesen. Das, was der Bachmann-Wettbewerb einmal war, ist mittlerweile der Open Mike in Berlin – ein Katapult heraus aus der literarischen Anonymität. Wer heutzutage in Klagenfurt liest, hat solche Ambitionen, wie gesagt, häufig schon hinter sich gelassen. Weniger aufregend und spannend ist das Wettlesen deshalb nicht. Die Erwartungen jedenfalls sind auch 2015 keineswegs klein.

Weibliche Dominanz

Denn im modernen Theater des ORF-Landesstudios gastieren Anfang Juli einige Schriftstellerinnen, auf die man besonders gespannt sein darf. Männer kommen auch nach Klagenfurt, aber wohl nie war das weibliche Element so dominant wie in diesem Jahr, da zehn von vierzehn Bewerbern Frauen sind.

Teresa Präauer Künstlerin

Teresa Präauer, eine der Favoritinnen

Vorab von Favoriten zu sprechen ist immer heikel; manch einer kam schon mit allerlei Vorschusslorbeeren nach Klagenfurt und fuhr traurig wieder heim. Trotzdem konzentriert sich die Aufmerksamkeit vorab stets auf einige Namen. Zu ihnen gehört in diesem Jahr zweifellos die Österreicherin Teresa Präauer, deren zuletzt erschienener Roman "Johnny und Jean" über zwei abenteuerbereite junge Männer bereits für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war.

"Furchtbare und kränkende Dinge"

Die Grazerin Valerie Fritsch hat sich mit ihrem sprachmächtigen zweiten Roman "Winters Garten", der ganz in der Tradition österreichischer Todessehnsucht steht, gerade erst in eine Mitfavoritenrolle geschrieben. Sie selbst rechnet allerdings damit, dass in Klagenfurt, "viele schöne, eigenartige, aber vielleicht auch furchtbare und kränkende Dinge passieren". Ein wenig überspitzt hat sie in einem Interview das Wettlesen gar als "Hunger Games" des Literaturbetriebs apostrophiert.

Freuen darf man sich auch auf Saskia Hennig von Lange. Zwei Titel gibt es bislang von der Frankfurterin, die Novelle "Alles, was draußen ist" und den im vergangenen Herbst erschienen Roman "Zurück zum Feuer". Es sind schmale Bücher, doch beides zugleich Werke von literarischem Gewicht. Keineswegs Unbekannte sind auch die Lyrikerin Nora Gomringer und der schon 1997 als Romanautor hervorgetretene Tim Krohn.

Bachmann-Preis 2015 Juryvorsitzender Hubert Winkels

Der neue Juryvorsitzende Hubert Winkels

Neue Jury

Die Qualität eines 'Bachmann-Jahrgangs' wird selbstverständlich in erster Linie von den vorgetragenen Texten bestimmt. Ob aber ein Wettlesen am Ende als gelungen oder eher missraten bewertet wird, hängt ganz entschieden auch von der Jury ab, mithin davon, wie auf der ORF-Bühne über Prosa nachgedacht und debattiert wird. Schon jetzt ist klar: In diesem Jahr wird manches anders werden, denn in der Jury 2015 gibt es eine ganze Reihe neuer Gesichter, Stefan Gmünder vom "Standard" und den Grazer Literaturwissenschaftler Klaus Kastberger etwa. Erstmals als Jurorin dabei ist auch die Kritikerin Sandra Kegel, die bislang für die "FAZ" regelmäßig über den Wettbewerb geschrieben hat. Nach dem Rückzug von Burkhard Spinnen debütiert zudem der Klagenfurt-Erfahrene Hubert Winkels als neuer Vorsitzender. Dass sich neben Spinnen auch die österreichische Germanistin Daniela Strigl verabschiedet hat, ist gewiss als bedauerlicher Verlust für eine lebendige Diskussionskultur zu verbuchen.

In Klagenfurt lässt sich immer wieder erleben, mit welcher Leidenschaft und Intensität, mit wie viel Ernsthaftigkeit und Gedankenschärfe über Literatur geredet werden kann. Und zuweilen wird das ORF-Theater zum Ort für besondere Auftritte. Das war so, als vor zwei Jahren Katja Petrowskaja mit ihrer erschütternden Familienrecherche dafür sorgte, dass für einen Augenblick alle im Saal den Atem anhielten und zugleich wussten, dass es 2013 nur eine Preisträgerin geben konnte.

Ingeborg Bachmann-Preis

Die Eröffnungsrede hält der Bachmannpreisträger von 2010, Peter Wawerzinek

Oder 2010 – als Peter Wawerzinek, der vergessene, einstige Star der alternativen Ostberliner Literaturszene, mit seiner wuchtigen Mutterklage eine triumphale Rückkehr auf die literarische Bühne erlebte. Der unorthodoxe Wawerzinek ist seither als Zuhörer Stammgast in Klagenfurt. In diesem Jahr wird er die Bachmann-Tage eröffnen. Seine Rede zur Literatur trägt den schönen Titel "Tinte kleckst nun einmal".

Die "Tage der deutschsprachigen Literatur" finden von 1. bis 5. Juli im ORF-Theater des ORF-Landesstudio Kärnten statt. Der 39. Ingeborg-Bachmann-Preis wird am 5. Juli 2015 vergeben.

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