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Politik

In Thailand verschwinden immer mehr Menschen

Im muslimisch dominierten Süden Thailands kämpfen Separatisten für die Unabhängigkeit; die Regierung reagiert mit aller Härte. Immer mehr Menschen in der Region verschwinden spurlos.

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Gut bewacht: Treffen von Imamen in Südthailand

Unruhen in Thailand, Entschärfung einer Bombe

Entschärfung einer Bombe in Südthailand am Freitag (25.11.2005)

Für die Menschen gibt es keine Ruhe: Jeden Tag berichten die heimischen Medien über tödliche Schüsse, Bombenattentate und Enthauptungen. Mittlerweile sind über 1000 Menschen in dem blutigen Konflikt ums Leben gekommen, bei dem Separatisten für die Unabhängigkeit der Region kämpfen. Die Regierung versucht mit harter Hand, die Unruhen in den Griff zu kriegen. Nach einem Überfall mutmaßlicher Separatisten auf ein Armeecamp im vergangenen Jahr hatte die Regierung das Kriegsrecht verhängt, jetzt regiert sie mit Notstandsgesetzen in drei südlichen Regionen. Diese erlauben es den staatlichen Autoritäten, mutmaßliche Verdächtige bis zu 30 Tage zu inhaftieren.

Menschenrechtlern macht vor allem Sorge, dass immer mehr Menschen im Süden spurlos verschwinden.

Prominentester Fall ist der des Muslim-Anwalts Somchai Neelaphaijit: Dieser hatte sich einst für die Aufhebung des Kriegsrechts in den Südprovinzen stark gemacht. Auch hatte er öffentlich angeprangert, dass einige seiner Klienten in Polizeigewahrsam gefoltert worden waren. Der landesweit anerkannte Anwalt verschwand kurz darauf am Abend des 12. März 2004 in Bangkok.

"Befehl von höherer Stelle"

Bis heute fehlt von dem mutmaßlich Entführten - und wahrscheinlich Ermordeten - jede Spur. Fünf Polizeioffiziere stehen derzeit vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, in den Fall Somchai verwickelt zu sein. Seine Frau Anghkana Neelaphaijit glaubt hingegen, dass der Befehl, ihren Mann verschwinden zu lassen, von höherer Stelle kam. Für sie ist klar, dass die Entführung Somchais mit dessen Engagement für den Süden des Landes zusammenhängt.

"Die Bevölkerung im Süden Thailands ist überwiegend arm und oft auch nicht gut ausgebildet. Wenn die Menschen dort mit Anschuldigungen oder gerichtlichen Klagen konfrontiert werden, hatten sie sonst niemanden, der sie verteidigte", sagt Anghkana Neelaphaijit. In seiner Zeit als Anwalt hat Somchai niemals nach Geld oder Anwaltsgebühren gefragt." Vor der UN-Menschenrechtskommission in Genf hatte Angkhana Neelaphaijit vor wenigen Monaten beklagt, dass die Untersuchungen zum gewaltsamen Verschwinden ihres Mannes keinerlei Fortschritte gemacht hätten.

Schweigen und Lügen

Wie viele Menschen bis heute in Thailand spurlos verschwunden sind, ist nicht bekannt. Thailands Nationale Menschenrechtskommission hatte einmal geschätzt, dass es sich seit Januar 2004 um mehr als 200 Betroffene allein im Süden handelt. Aufklärung ist nicht in Sicht, moniert Sunai Phasuk von der Organisation "Human Rights Watch": "Alles, was wir als Antwort bekommen, ist Schweigen, Lügen und eine Verzerrung der Wahrheit", sagt Phasuk. "Und dann schauen wir uns doch mal die einfachen Dorfbewohner im Süden an, denen das gleiche Schicksal widerfahren ist und die ebenfalls verschwunden sind. Niemand beschäftigt sich mit deren Fällen. Für mich ist das eine Art doppeltes Verschwinden."

Von der Regierung allein gelassen, haben sich viele der Hinterbliebenen zu Netzwerken zusammengeschlossen. Das "Women Network for Peace" zum Beispiel wurde nach blutigen Vorfällen im April 2004 gegründet. Damals waren mehr als einhundert junge Muslime, die mit Messern und Macheten bewaffnet waren, vom Militär getötet worden.

Einsatz für die Angehörigen

Die mutmaßlichen Rebellen hatten Sicherheitsposten von Polizei und Militär attackieren wollen. Doch die Einsatzkräfte waren zuvor gewarnt worden. Und eben deshalb seien die vielen Toten vollkommen unnötig gewesen, kritisierte eine Untersuchungskommission später. Siriporn Lerdtanongsak vom "Women Network for Peace" setzt sich vor allem für die Angehörigen der Getöteten ein. "Die meisten Diskussionen drehen sich um die Frage wie die Zukunft für ihre Kinder und ihre Familien aussieht", berichtet sie. "Wir versuchen, die Frauen bei der Arbeitssuche zu unterstützen und den Kindern zu einer besseren Erziehung zu verhelfen."

Auch Angkhana Neelaphajit, die Frau des verschwundenen Anwalts Somchai, versucht, in die Zukunft zu blicken: "Meine einzige Frage ist, wo Somchai ist, doch es gibt keine Antwort seitens der thailändischen Regierung." Sie will das Andenken an ihren Mann lebendig halten, damit auch das Schicksal all der anderen Verschwundenen nicht vergessen wird.

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