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Kultur

In der verbotenen Zone von Tschernobyl

Seit dem GAU in dem Kernkraftwerk von Tschernobyl wurde rund um den Ort der Katastrophe eine 30-Kilometer-Sperrzone eingerichtet. Doch die ist keineswegs menschenleer. Eine Reportage aus der verbotenen Zone.

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Der Zugang zur Sperrzone wird streng kontrolliert

Den mürrischen Kontrollposten haben wir hinter uns gelassen. Das Auto rumpelt über eine schnurgerade Betonpiste durch Schlaglöcher, an einzelnen verfallenen Häusern vorbei. Gras wuchert wild über die Straße. Wir sind in der verbotenen Zone von Tschernobyl. 30 Kilometer ist sie rund um den Reaktor gezogen, auch zwanzig Jahre danach noch immer hochverstrahlt. Jurij Tartaschuk, mein Begleiter, hält an. Direkt am Wegesrand - eine Art Zwischenlager für radioaktiven Müll, erklärt er: "Hier wurden die Häuser eines Dorfes begraben. Die großen Teile links, die anderen Teile wurden von Baggern zerkleinert und dann in eine Grube geworfen und mit Schichten aus Lehm überdeckt." Zu sehen ist unweit vom Straßenrand ein lang gestreckter Hügel, über den Gras gewachsen ist. Irgendwann werde man alles wieder ausgraben müssen, sagt Jurij.

Wie ein schlafender Riese


Tschernobyl - Sarkophag, Nordwand

Der schützende Sarkophag wird langsam porös

Je näher wir dem Reaktorblock vier kommen, desto weniger lässt sich das Knacken des Dosimeters ignorieren. Durch den Nebel, der über dem Gebiet hängt, wird der Koloss schemenhaft sichtbar. Wie ein schlafender Riese steht der Betonsarkophag da. Darunter befindet sich der strahlende Reaktor. Das Dosimeter warnt, dass es besser wäre, nicht hier zu sein. Jurij scheint meine Gedanken zu erraten. Ob ich an Radiophobie leide, fragt er fast belustigt: "Wenn der Geigerzähler anfängt zu steigen, dann werden die Menschen nervös. Einige sagten, sie hätten einen metallischen Geschmack im Mund gespürt und es hat in der Kehle gekratzt. Das kann aber nicht sein, das ist nichts anderes als Radiophobie."

Seit acht Jahren fährt Jurij jeden Tag am explodierten Reaktorblock vier vorbei, führt Experten-Gruppen oder auch mal Journalisten durch die Zone. Ob er keine Angst verspürt, frage ich ihn. "Im Prinzip ist die Dosis während unseres Aufenthaltes genauso groß wie während eines Fluges über den Atlantik innerhalb von zwei Stunden. Nur, dort ist es kosmische, hier ist es künstliche Strahlung", antwortet er. Man könne hier auch leben - nur eben nicht lange.

3800 Menschen arbeiten noch in der Sperrzone


Dennoch - in der Region leben und arbeiten Menschen, so wie die Männer, die uns entgegenkommen. Schichtwechsel, sagt Jurij, als wäre es eine ganz normale Fabrik. 3800 Menschen arbeiten hier noch. "Sie kümmern sich um die Abwicklung und die Entsorgung des radioaktiven Mülls. Und sie sind für die Sicherheit des Kraftwerkes zuständig." Auch westliche Firmen sind vertreten. Sie sind am Bau eines Zwischenlagers beteiligt und an der Planung des neuen Sarkophags, der Schutzhülle für den explodierten Reaktor. Dieser soll das radioaktive Material im Inneren für mindestens 100 Jahre fest einschließen. Denn der jetzige Beton-Mantel gilt als porös, erklärt Julia Marositsch im Informationszentrum gleich neben dem Reaktorblock. Zurzeit werde der jetzige Bau noch stabilisiert. Das werde circa im Jahr 2007 beendet sein. Erst dann könnten die Projektierungsarbeiten für den neuen Sarkophag beginnen.

"Das Leben war gut in Pripjat"


Tschernobyl verlassene Stadt in der Sperrzone

Auch der Zugang zur Stadt Pripjat wird überwacht

Stille herrscht auf dem Platz neben einem verrosteten Riesenrad und einigen alten Autoscootern - nur das Dosimeter knattert unaufhörlich. Wir sind einige Kilometer weitergefahren, nach Pripjat, in die Stadt, in der die meisten der Kraftwerksarbeiter lebten - nur vier Kilometer vom Reaktor entfernt. Pappeln säumen die zentrale Lenin-Allee der ehemaligen sozialistischen Vorzeigestadt. Das Leben hier sei gut gewesen, erzählt Jurij. "Hier lebten vor allem junge Menschen. Sie haben gut verdient, die Infrastruktur war gut", erzählt Jurij weiter. Es gab Zentralheizung, ein Kino, Restaurants. Jetzt sind die Fenster der achtgeschossigen Plattenbauten leer. Bäume wachsen auf den Dächern.

Am Tag, nachdem das Feuer im Reaktor ausgebrochen war, passierte zunächst gar nichts, erinnert sich Jurij. Man habe eine Panik verhindern wollen und setzte die Evakuierung einen Tag später an. "Man sagte den Menschen, sie sollten Sachen für drei Tage einpacken. Niemand wusste, dass es für immer sein würde." Sie mussten weg, obwohl doch augenscheinlich alles in Ordnung war. Und es waren nicht nur die 47.000 Einwohner von Pripjat. Auch aus den Dörfern rundherum wurden die Menschen evakuiert, darunter auch Maria und Michail. Doch nach drei Tagen hielten die beiden heute 70-Jährigen es nicht mehr aus. Sie wollten zurück. Heimlich machten sie sich nachts auf den Weg.

Marias Mann Michail erinnert sich nur ungern an die Ereignisse vor zwanzig Jahren. Doch dann erzählt er, dass er Kapitän war auf einem der Schiffe, die das Kraftwerk damals mit Baumaterial belieferten. Am Morgen nach der Explosion habe man ihnen gesagt, sie müssten das Feuer löschen. "Ich wollte da nicht hingehen, aber es hat niemanden interessiert", schildert Michail. "Drei Tage haben wir Säcke mit Sand gefüllt, die dann von Helikoptern aus auf den Reaktor geworfen wurden."

Viele leiden unter den Spätfolgen


Dabei hatte er wohl noch Glück. Er musste nicht ins brennende Herz des Reaktors, wie Tausende andere, die direkt am Reaktor arbeiteten und von denen heute viele an den Spätfolgen leiden. Die Ärzte im Krankenhaus von Tschernobyl sehen seit zwanzig Jahren wie sich der Gesundheitszustand der Menschen verschlechtert. "Die Krankheiten sind angestiegen. Das betrifft den Krebs, die Vergrößerungen der Schilddrüse, Schilddrüsenkrebs, Fibromyome (Tumore) und Erkrankungen der weiblichen Geschlechtsorgane", sagt Nina Alexandrowna, Ärztin im Krankenhaus von Tschernobyl.

Kein Geld für Medikamente


Tschernobyl verlassenes Haus in der Sperrzone

Die meisten Häuser in der Sperrzone sind verlassen

Nicht nur die Jugend, auch die gut 300 Alten, die wie Maria und Michail seit Jahren von den Behörden geduldet in der verbotenen Zone leben, leiden unter den Folgen, doch sie gehen nicht zum Arzt, erzählt Alexandrowna. Maria und Michail, die auch mit 70 Jahren noch ihren kleinen Hof bewirtschaften, müssten Medikamente bekommen - für die Augen, die Beine, den Rücken. Alles schmerzt, was sicher zum Teil auch am Alter liegt. Doch die kleine Rente reicht gerade für das Nötigste. Und so kümmern sie sich auch nicht weiter um die Strahlen, die sie nicht sehen können. Sie haben genug damit zu tun, ihr Leben zu organisieren. Denn was sie auf ihrem Feld nicht anbauen, ist nur schwer zu bekommen. Wer in der verbotenen Zone wohnt, kann nicht mal eben auf einen Markt oder in Geschäfte gehen. Früher habe ein Auto Lebensmittel gebracht, erinnert sich Maria. Aber das komme nicht mehr regelmäßig.

Das Wichtigste für Maria aber ist, dass sie noch auf ihrem Land wohnen, auch wenn die meisten Häuser um sie herum verlassen sind. Sie sagen, mit 70 Jahren sind sie die Jüngsten in der Gegend. Nach ihnen wird hier niemand mehr leben. Doch so sicher wie Maria und Michail ist sich Jurij bei dieser Frage nicht. Er meint, irgendwann werden hier wieder Menschen angesiedelt.

Das Auto rumpelt über die Straße, vorbei an den Kontrollposten. Das Knacken des Dosimeters lässt nach. Gleichzeitig bleiben meine Gedanken zurück. Vielleicht lässt die Zeit die Menschen schneller vergessen, als es gut wäre. Vielleicht wird die Strahlung, wie Jurij meint, überschätzt. Vielleicht aber, werden erst spätere Generationen die Dimensionen dieser Katastrophe wirklich begreifen können.

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