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Kultur

Umwelt weiter durch Tschernobyl belastet

Auch 20 Jahre nach der Kernschmelze in Tschernobyl sind Auswirkungen auf die Umwelt spürbar. Besonders betroffen sind Belarus, Russland und die Ukraine. In Deutschland sind vor allem Pilze und Wild noch kontaminiert.

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In der 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor ist die Strahlung am höchsten

In den letzten 20 Jahren nach dem Reaktorunfall im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl in der heutigen Ukraine ist aus der 30-Kilometer-Sperrzone rund um den Reaktor sozusagen ein Naturschutzgebiet geworden: Luchse, Wölfe, Adler, Wildpferde und andere seltene Tierarten tummeln sich in dem fast menschenleeren Gebiet. Von 400 Tierarten - darunter 280 Vogelarten und 50 vom Aussterben bedrohte Arten - sprechen die Experten des internationalen Radioökologie Labors Tschernobyl. Entgegen aller Befürchtungen handelt es sich bei diesen Tieren nicht um entstellte Mutanten. Tiere mit Mutationen seien alle schnell gestorben, erklärt der Ornithologe Sergei Gashak. Die Natur habe sich über die letzten Jahre langsam regenerieren müssen, aber jetzt sei sie mit voller Kraft zurück.

So positiv diese Entwicklung auch sein mag, ist unstrittig, dass die Katastrophe von Tschernobyl auch heute noch Auswirkungen auf die Umwelt hat. Besonders betroffen sind Gebiete in Weißrussland, Russland und natürlich der Ukraine.

Wasser verbreitet radioaktive Elemente

In Weißrussland gelten heute noch 21 Prozent des Bodens als verstrahlt. Dabei hat sich radioaktives Cäsium-137 besonders in den oberen fünf Zentimetern des Erdreichs abgelagert. Strontium hingegen ist leichter in Wasser löslich als Cäsium und daher mobiler. Obwohl sich dieses Element nach dem Unfall zunächst in den Böden in der Sperrzone und in den Gebieten rund um Gomel und Mogiljow im Süden Weißrusslands konzentrierte, gehen Experten davon aus, dass bis zu 80 Prozent des Strontiums bereits über Regen und Flüsse in den Naturkreislauf gelangt sind.

Während in den großen und mittleren Flüssen Weißrusslands die Belastung mittlerweile unter die Grenzwerte von zehn Becquerel pro Liter gesunken ist, ist die Radioaktivität des Flusswassers in der Ukraine nach wie vor ein großes Problem. Um die Ausbreitung der Strahlung zu bremsen sind beispielsweise entlang des Flusses Dnjepr Schutzdämme errichtet worden. "Doch vor allem bei Hochwasser wird nach wie vor Radioaktivität vom Festland ausgewaschen", erklärt die staatlich ukrainische Agentur Tschernobyl Interinform. Dies sei vor allem eine Bedrohung für die 30 Millionen Menschen, die ihr Trinkwasser aus dem Gebiet des Dnjeprbassins bezögen.

Tschernobyl - Eisfischer Dnjepr

Eisfischen im verseuchten Dnjepr

Messungen haben zudem ergeben, dass sich in beiden Ländern besonders in den Sedimenten von stehenden Gewässern - in Schlamm und Boden also - Radioaktivität konzentriert. Dennoch wird auch in den hoch belasteten Gebieten um Gomel und Mogiljow, wo die Werte bis zu einer Million Becquerel pro Kubikmeter Schlamm erreichen können, geangelt, so dass sich die Menschen über den Verzehr von Fisch extrem hohe Radioaktivitätsdosen zuführen.

Landwirtschaftliche Flächen und Wälder verseucht

18.000 Quadratkilometer landwirtschaftlicher Fläche wurden allein in Weißrussland durch den Tschernobylunfall radioaktiv verseucht, während in der Ukraine vor allem der Wald betroffen war. Dort wurden 40 Prozent der Forste verstrahlt. Am stärksten belastet sind nach Informationen des weißrussischen Tschernobyl-Komitees typische Waldpflanzen wie Beeren, Pilze, Heidekraut, Flechten und Farne. Welche Auswirkungen die Radioaktivität jedoch auf das Erbgut der Pflanzen hat, ist umstritten. Zwar habe sich die Mehrzahl der Pflanzen nicht verändert. Es sei aber festgestellt worden, dass die Samen der Pflanzen nicht mehr so keimfähig seien.

Mit den Pflanzen - unter anderem Futterpflanzen - geht auch die radioaktive Belastung von Haus- und Hoftieren einher - und damit in Milch und Fleisch, die wiederum den Menschen belasten. In kontaminierten Waldgebieten sind auch Wild und Raubtiere wie Wolf und Fuchs stark verstrahlt.

Vorsicht bei Wild und Pilzen aus Bayerischem Wald

Das gilt in abgeschwächter Form auch für bestimmte Waldgebiete und ihre Flora und Fauna in Deutschland. So könne in Bayern und Baden-Württemberg bis heute Wild und alles, was im Wald wächst, radioaktiv belastet sein, sagt Edmund Lengfelder, Strahlenbiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Am stärksten betroffen seien Wildschweine, die Eicheln, Bucheckern und Pilze oft zusammen mit Nadelstreu vom Waldboden fressen. Darin stecke noch immer reichlich Cäsium-137, erklärt Lengfelder. Das Bundesamt für Strahlenschutz rät daher: Wer seine Strahlenbelastung so gering wie möglich halten möchte, sollte auch heute noch auf den Verzehr von vergleichsweise hoch kontaminierten Pilzen und Wild etwa aus dem Bayerischen Wald verzichten.

Dieser Verzicht dürfte für viele der betroffenen Menschen in den kontaminierten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion nicht so einfach zu bewerkstelligen sein. Als Risikogruppen gelten nach Einschätzung von Experten in allen drei Ländern Menschen, die sich mit selbst produzierten und gesammelten Lebensmitteln versorgen, das heißt, vor allem Menschen in ländlichen Gebieten. Die Verstrahlungsdosis könne die durchschnittliche Dosis der sonstigen Bevölkerung um ein Mehrfaches übertreffen, fasst das Tschernobyl-Komitee zusammen. Die Praxis habe aber gezeigt, dass Angel- oder Jagdverbote in den verseuchten Territorien wenig effektiv seien. Und so sollen breit angelegte Aufklärungsprogramme den Menschen helfen, ihre Lebensweise zu verändern. (kih)

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