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Nahost

In Bagdad steigt die Spannung

Die Lage in der irakischen Hauptstadt bleibt gespannt. Plötzliche Hausdurchsuchungen und Straßenkontrollen - das ist der Alltag für die Menschen angesichts der Bedrohung durch die Terrorgruppe ISIS.

Sie kamen früh am Morgen ohne anzuklopfen. Sieben Männer in Uniformen gingen ohne Gruß festen Schrittes ins Haus und durchsuchten es. Mohammed Dhia, seine Frau und die drei Kinder hatten gerade erst gefrühstückt. Im oberen Stockwerk fanden sie eine alte Armeeuniform aus der Zeit Saddam Husseins, zu der Dhia seinen Wehrdienst leisten musste. Das reichte, um dem Hausherrn anzudrohen ihn mitzunehmen. Draußen stand ein Minibus bereit, in dem bereits einige Festgenommene saßen. Als Dhia seinen Ausweis der Vereinten Nationen, für die er arbeitet, vorzeigte, ließen die Soldaten von ihm ab und inspizierten das Nachbarhaus.

Mohammeds Haus liegt im Bagdader Stadtteil Mansour, direkt an der schwer bewachten Grünen Zone, dem Regierungsviertel. Den ganzen Tag über wurden Razzien in Häusern durchgeführt, die nahe an der Mauer liegen, die die Zone umgibt. Die Betonstehlen sind so hoch, dass kaum jemand drüberklettern kann. Außerdem sind sie oben noch mit Stacheldraht versehen. Doch die Spannung in Bagdad steigt.

Razzien in Bagdad

Nuri al-Maliki Ministerpräsident Irak, Foto: epa

Nuri al-Maliki lässt ganz Bagdad kontrollieren

Premierminister Nuri al-Maliki ist nervös und lässt das alle sechs Millionen Einwohner der irakischen Hauptstadt spüren. Seitdem das Parlament ihm am vergangenen Donnerstag die Ausrufung des Notstands verweigerte, schafft er sich seine eigenen Notstandsbestimmungen. Die Kontrollposten in Bagdad wurden verstärkt, überall patrouillieren Soldaten und Polizisten, werden Razzien durchgeführt. Speziell in den sunnitischen Bezirken der Stadt, wie in Adamija, bekommen die Einwohner die geballte Nervosität ihres Regierungschefs zu spüren. Jede Straße, jedes Haus wird durchkämmt, die Zufahrtstraßen streng kontrolliert wie schon lange nicht mehr. Mohammed Dhias Viertel Mansour ist zwar ein gemischter Bezirk. Sunniten, Schiiten und Christen leben hier zusammen. "Aber sie vermuten Schläferzellen von sunnitischen Rebellen, die aufwachen und Maliki attackieren, wenn ISIS einrollt", sagt der 54-jährige sunnitische Kurde sarkastisch. Eines sei jedenfalls sicher: Freunde schaffe sich Maliki mit diesen Maßnahmen nicht. Im Gegenteil.

Doch Freunde braucht der schiitische Regierungschef dringend, denn seine sunnitischen Landsleute proben gerade den Aufstand gegen ihn und seine Zentralregierung. Und dabei hilft ihnen die Terrororganisation

ISIS

, die in den nördlichen Provinzen Iraks einen islamischen Staat nach dem Vorbild Saudi-Arabiens errichten will. Im Eiltempo haben sie Iraks zweitgrößte Stadt Mosul erobert, ebenso Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit, und bewegen sich nun auf Bagdad zu. Die Provinz Anbar, nordwestlich von Bagdad, haben sie schon seit Januar fest im Griff. Ein Jahr lang haben dort die mehrheitlich sunnitischen Einwohner der Provinz friedlich für mehr Rechte im neuen Irak demonstriert, mahnten eine größere Teilhabe am politischen Prozess an, eine Verbesserung der öffentlichen Einrichtungen und weniger Korruption. Geschehen ist nichts. Nun hat ISIS Tatsachen geschaffen und Maliki mit dem Rücken zur Wand gestellt.

ISIS führt "Krieg gegen alle"

Dieser hat nun im Staatsfernsehen dazu aufgerufen, sich gegen die Terroristen zu stellen. Ihre Aktionen seien nicht gegen Sunniten oder Schiiten gerichtet, sagte er versöhnend. "Das ist Krieg gegen uns alle." Man müsse gemeinsam handeln. Eine Offensive mit Freiwilligen und Mitgliedern der irakischen Armee soll ISIS aufhalten. Dafür ist Maliki eigens nach Samarra gefahren, weil die Bombardierung der schiitischen Moschee dort im Jahre 2006 einen blutigen Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten ausgelöst hatte. Viele Iraker befürchten eine Neuauflage dieser vernichtenden Konfrontationen. In den letzten beiden Tagen soll die Terrororganisation dort Fahrzeuge und technisches Gerät zusammengeführt haben mit der Absicht nun auch Samarra einzunehmen. Die Stadt liegt 110 Kilometer nördlich von Bagdad.

Einen Freund hat Nuri al-Maliki bereits gefunden: Irans Präsidenten Hassan Rohani. Auf einer Pressekonferenz in Teheran sagte dieser seinem Kollegen in Bagdad

Unterstützung zu. Der Iran sei bereit zu helfen

, wenn er darum gebeten werde. Allerdings sei noch nicht entschieden, wie diese Hilfe aussehen wird. Die Meldung der amerikanischen Tageszeitung "Wall Street Journal", wonach bereits drei Bataillone der Kuds-Brigaden, Irans Eliteeinheit der Revolutionsgarden, im Irak operieren, dementierte Rohani. US-Präsident Barack Obama dagegen will noch einige Tage darüber nachdenken, welche Unterstützung er dem Irak zuteil werden lässt.

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