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Welt

Letzter Zufluchtsort Kurdistan

Hunderttausende Bewohner von Mossul suchen in den kurdischen Gebieten Schutz vor den militanten ISIS-Kämpfern. Die Flüchtlinge berichten von Panik und Chaos im Nordirak. Für die Kurden ist der Zusturm eine Belastung.

Immer noch fliehen viele Menschen aus der von Aufständischen kontrollierten Stadt Mossul, um sich vor weiteren Kämpfen in Sicherheit zu bringen. Schon seit Tagen bilden sich lange Fahrzeugschlangen am Checkpoint Khazair, der nach Erbil führt, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion im Norden Iraks. Hunderte kommen jeden Tag zu Fuß dort an. "Wir haben keine Angst vor den Militanten", sagt ein Mann. "Wir haben Angst, dass die Regierung anfängt, die Stadt zu bombardieren, wie sie es schon in Falludscha getan hat."

Bereits vergangene Woche hatten Kämpfer der Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien" (ISIS), eine Al-Kaida-Splittergruppe, die irakischen Sicherheitskräfte in Mossul - der Hauptstadt der nördlichen Provinz Ninive - überwältigt. Die Schockwellen der dramatischen Ereignisse sind im gesamten Nahen Osten spürbar. Nach Angaben der in Genf ansässigen Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben die Eroberungen der radikalen Islamisten "mehr als 500.000 Menschen in der Stadt und im umliegenden Gebiet obdachlos gemacht".

Droht eine humanitäre Katastrophe?

Berichten zufolge müssen Hilfsorganisationen nun unter enormem Druck humanitäre Unterstützung organisieren, weil niemand damit gerechnet hatte, dass Mossul so plötzlich fallen würde. Der Führer der kurdischen Regionalregierung im Irak, Nechirvan Barzani, hat in einem Aufruf das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR offiziell um Hilfe gebeten.

Irakische Soldaten fliehen vor den ISIS-Kämpfern. Foto: SAFIN HAMED/AFP/Getty Images

Sogar irakische Soldaten fliehen vor den ISIS-Kämpfern

Die Kämpfe haben in der Region Panik und Chaos ausgelöst. Unter den Menschen, die in die autonomen Kurdengebiete geflohen sind, war auch eine Gruppe von fünf oder sechs irakischen Militärangehörigen: Sie hatten ihren Posten verlassen und waren zu Fuß und in Zivilkleidung die 90 Kilometer bis zur kurdischen Grenze gelaufen. Ihre Armeeabzeichen hatten sie weggeworfen für den Fall, von Militanten gestoppt zu werden. "Unsere Kommandanten waren auch weg", sagt ein Soldat, der sich Ahmet nennt. "Wie sollen wir kämpfen, wenn uns keiner Befehle gibt?"

Eine Frau, die mit ihren sechs Kindern am Checkpoint wartet, erzählt, dass sie fliehen musste, weil ISIS-Kämpfer direkt vor ihrem Haus ein Lager aufgeschlagen und von ihr gefordert hatten, sie mit Essen zu versorgen. "Ich hatte Angst, also sind wir geflohen. Aber jetzt hänge ich hier fest und habe kein Essen, kein Wasser - ich weiß nicht, was ich tun soll."

Flüchtlinge als Sicherheitsrisiko

Schon jetzt bietet Kurdistan über 230.000 Syrern Zuflucht, die vor dem syrischen Bürgerkrieg über die Grenze geflohen sind. Laut einer Schätzung des UNHCR sind in den vergangenen Tagen zusätzlich über 320.000 Vertriebene aus Mossul in den kurdischen Gebieten angekommen: Sowohl für die kurdische Regionalregierung als auch für die Hilfsorganisationen stellt dieser Ansturm eine enorme Belastung dar.

Flüchtlingscamp bei Erbil. Foto: EPA/KAMAL AKRAYI

Mit Sack und Pack über die Grenze: Flüchtlingscamp bei Erbil

Der Flüchtlingszustrom verstärkt aber auch Befürchtungen, dass sich die Sicherheitslage in der Region verschlechtern könnte. Bisher zählt sie zu den wenigen friedlichen und sicheren Gegenden im Irak. Im Gegensatz zu großen Teilen der irakischen Armee sind die kurdischen Sicherheitskräfte gut ausgebildet, äußerst loyal und sehr effektiv darin, Terroristen fern zu halten. Teil ihrer Strategie ist und war es bisher, Menschen arabischer Abstammung zu überprüfen, bevor diese Kurdistan betreten dürfen. Die aktuelle Flüchtlingswelle nicht-kurdischer Iraker aus Mossul erhöht nun die Gefahr, dass auch terroristische Kräfte in die Region geschleust werden.

"Wir wollen nur sicher sein"

In der Nähe des Checkpoints wurde notdürftig ein Camp errichtet, in dem 100 Familien Platz finden. Auch in weiteren Ortschaften in der Region sind mittlerweile provisorische Zelte aufgestellt worden. Eine Familie kommt bereits voll ausgerüstet in Khazair an, der kleine Transporter ist bepackt mit Bettzeug und Kochgeschirr. "Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben werden. Wenn es wieder sicher ist, kehren wir zurück nach Mossul", erzählt der Vater der Familie und zeigt auf ein 15 Monate altes Baby, seine Tochter Roya. "Wir wollen einfach nur sicher sein."

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