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Kultur

Im Namen des Hasen

"Andere Bilder als gewöhnlich" wollte Regisseur Christoph Schlingensief dem "Parsifal"-Publikum in Bayreuth zeigen. Das hat er geschafft und damit die Festspiel-Zuschauer gehörig irritiert.

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Polarisiert: Schlingensiefs "Parsifal" in Bayreuth

Die "Parsifal"-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen ist für Christoph Schlingensief die erste Opern-Arbeit in seinem Leben. Der Regisseur ist bekannt als Berufs-Provakateur - doch bei der Eröffnung der 93. Festspiele am Sonntag (25. Juli 2004) kam es nicht zum ganz großen Schock. Schlingensief häuft in seiner Parsifal-Version Symbole und Bilder aufeinander, setzt auf ein mit Details vollgestopftes Bühnenbild und baut Videosequenzen ein. Das brachte ihm bei der Premiere zwar heftige Buh-Rufe ein, aber auch lautstarken Applaus. Prominente hatten viel Lob für die Inszenierung übrig, und auch Wolfgang Wagner, Enkel von Richard Wagner und derzeitiger Festspielchef, sprach beim anschließenden Staatsempfang von einer "geglückten Aufführung". Andere waren eher verwirrt.

Musik ertrank fast in Bildern

Jose Manuel Durao Barroso in Bayreuth

Auch der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, links, und Jose Manuel Durao Barroso, der neue Präsident der EU-Kommission, kamen zur Premiere

Schlingensief interpretiert Richard Wagners Spätwerk als heidnisch-christliches Kultstück um Geburt, Tod und Erlösung. Dabei bedient er sich alter Mythen genauso wie afrikanischer Traditionen. Die Gralsburg zeigt er als Schmelztiegel aller Religionen, vom buddhistischen Mönch über den evangelischen Pastor bis zum islamischen Mullah. Blut ist im Spiel, eine nackte Urmutter mit den Formen einer Venus von Willendorf, Behinderte - und am Ende stirbt ein Hase auf ganzer Bühnenbreite. Den ließ Schlingensief zuvor immer wieder einblenden, als Symbol für Fruchtbarkeit und Friedenssehnsucht. Offenbar hatte er es also doch geschafft, die Hasen-Idee bei Wolfgang Wagner durchzusetzen. Immerhin befreite der 43-jährige Regisseur damit die Festspiele von dem Vorwurf, nicht offen für wirklich Neues zu sein.

Mit dieser Wagner-Sichtweise waren jedoch nicht alle glücklich. Schon vor der Erstaufführung hatte sich der Sänger des Parsifal, Erik Wottrich, bitter über die Arbeit des Regisseurs beklagt. Bei der Aufführung hatte Wottrich allerdings mit seiner Partie auch ziemlich zu kämpfen. Doch nicht nur er kam ins Stolpern: Manchmal geriet die Musik generell angesichts der vor Bildern und Aktion strotzenden Aufführung ins Hintertreffen. Am Ende bekamen die Sänger aber demonstrativen Beifall. "Standing Ovations" erhielt der Dirigent Pierre Boulez, der sich für ausgesprochen schnelle Tempi entschieden hatte.

Theater oder Schrebergarten?

Christoph Schlingensief

Regisseur Christoph Schlingensief: Der Parsifal ist seine erste Opern-Inszenierung

Künstler und Intellektuelle zeigten sich beeindruckt. "Eine wunderbare Zeichen- und Märchenoper ganz im Sinne Wagners", sagte der Filmemacher Alexander Kluge. Filmproduzent Bernd Eichinger nannte die Aufführung "fantastisch und mehr als gelungen". Auch Star-Regisseur Dieter Wedel sprach von "toll-spannendem Theater".

Mancher Politiker hatte mit dem Verständnis aber so seine Probleme. Der Generalsekretär der deutschen Christdemokraten, Laurenz Meyer, fand die Aufführung "etwas verwirrend". Und der bayerische Finanzminister Kurt Faltlhauser verglich sie mit einem "chaotisch-symbolistischen Schrebergarten".

Polarisieren, aber nicht erschrecken

Bayreuth Festspielhaus

Das Bayreuther Festspielhaus

Mit solch einem gespaltenen Echo hat Schlingensief selbst durchaus gerechnet - einen Skandal wollte er aber nicht. Letztlich war er zufrieden mit der Premiere: "Es war eine schöne Zeit, wir sind sehr erleichtert und sehr stolz. Wir haben viel gekämpft und das hat sich gelohnt."

Bis zum 28. August 2004 stehen bei den Bayreuther Festspielen noch insgesamt 30 Vorstellungen an - vom "Tannhäuser" bis zum "Fliegenden Holländer". (reh)

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