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Deutschland

"Ich wurde schlicht und ergreifend diskriminiert"

Jahrelang streitet Fereshta Ludin für ihr Recht, als Lehrerin im Staatsdienst ein Kopftuch zu tragen - vergeblich. Dann bekommt sie doch noch recht. Ein Treffen mit einer Frau, die Deutschland verändert hat.

"Leider wird sich Frau Ludin etwas verspäten." Die Verlagsmitarbeiterin entschuldigt sich, verweist freundlich auf die Fülle an Interview-Terminen in diesen Tagen. Viele wollen wissen, was die wohl bekannteste Muslima Deutschlands zum neuen Kopftuch-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes zu sagen hat. Dieses Mal hatte sie zwar nicht selbst geklagt, sondern zwei Lehrerinnen aus Nordrhein-Westfalen. Trotzdem ist das Urteil auch ihr Sieg.

Fereshta Ludin kommt den zahlreichen Anfragen gerne nach. Triumphgebrüll liegt ihr fern. Dafür hat sie gerade ihre Autobiographie fertig gestellt, die es zu promoten gilt - das Timing könnte nicht besser sein. Dann erscheint sie zum Interview mit der Deutschen Welle. Ihr an diesem Tag beerenfarbenes Kopftuch hat sie modisch drapiert.

Immer wieder das Kopftuch

Fereshta Ludin kann es nicht mehr hören. Und das lässt sie einen auch spüren. "Ich wurde auf ein Stück Stoff reduziert, daran wurde alles gemessen", sagt die 42-Jährige. Fragen zum Kopftuch beantwortet sie ausweichend: "Für jeden hat das Kopftuch eine andere Bedeutung." Immerhin räumt sie ein, dass es durchaus ein Symbol für Unterdrückung sein kann. Überhaupt sei das Kopftuch nur "ein Mosaikstein" dessen, was sie ausmache. Dieser Mosaikstein aber bestimmt ihr bisheriges Leben, ob sie das nun will oder nicht. Jahrelang klagte sich Ludin durch die Instanzen. Immer wieder verlor sie - und prozessierte trotzdem weiter. Mit so viel Energie, dass sich nicht nur bei Islamkritikern der Eindruck eines gewissen religiösen Fanatismus aufdrängte. 2004 zog sie von Baden-Württemberg nach Berlin, wo sie seither an einer muslimischen Privatschule unterrichtet.

Ludin vor dem Bundesverfassungsgericht (2003) (Foto: dpa)

Ludin vor dem Bundesverfassungsgericht (2003)

Warum beharrt Fereshta Ludin so sehr auf ihrem Kopftuch? Drei Viertel der muslimischen Frauen in Deutschland tragen keins. Ist es für sie am Ende gar ein Zeichen von Emanzipation? "Es geht darum, dass die Frau selbst entscheiden kann eins zu tragen oder nicht", sagt sie. Auf ihre eigenen Beweggründe aber geht sie kaum ein - auch nicht in ihrer Autobiographie, dem bewusst doppeldeutigen Titel zum Trotz. Von einer wirklichen "Enthüllung der Fereshta Ludin", so der Titel, kann keine Rede sein. An einer Stelle im Buch heißt es: "Auch diskutiere ich heute nicht mehr, ob das Tragen eines Kopftuchs im Islam eine Pflicht darstellt oder warum jemand sich dafür oder dagegen entscheidet." Stattdessen erzählt die Tochter eines afghanischen Ministers und Diplomaten im Buch viel über ihre privilegierte Kindheit und Jugend in Afghanistan und Saudi-Arabien. Wie es ihr Spaß gemacht habe, von der dritten Klasse an das Kopftuch "ab und zu auszuprobieren" - bis sie mit zwölf Jahren beschloss, es immer zu tragen.

Die Frage nach dem Warum?

Alle erwarten darauf eine Antwort. Aber muss sie die überhaupt geben? In jedem Fall entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass es gerade die nicht-muslimische Mehrheitsgesellschaft ist, die immer wieder versucht zu definieren, welche Bedeutung das Kopftuch im Islam hat.

Wenn Ludin sagt, dass ihr Kopftuch nichts mit Zwang oder Unterwerfung zu tun hat, dann fällt es leicht, ihr das zu glauben. Ludin wirkt nicht wie ein Opfer. Aber wer "Die mit dem Kopftuch" - so der trotzige Untertitel des Buches - wirklich ist, das offenbart auch ihre Biografie nur zum Teil.