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Deutschland

Kopftuch als Karrierekiller

Darf eine Lehrerin an deutschen Schulen Kopftuch tragen? "Ja, aber...", entschieden Deutschlands höchste Richter vor zehn Jahren. Die Klägerin wähnte sich als Siegerin. Heute sieht sie es anders.

In dieser Woche jährt sich Fereshta Ludins ganz persönlicher Triumph zum zehnten Mal: Am 24. September 2003 urteilten die obersten deutschen Verfassungsrichter in Karlsruhe, dass die Lehrerin nicht ohne weiteres am Unterrichten mit Kopftuch gehindert werden dürfe - genau das hatten die Behörden des Landes Baden-Württemberg aber versucht.

Für die damals 31-jährige Muslima war das ein großer Erfolg in einem langen Kampf, der sie durch mehrere gerichtliche Instanzen führte. "Ja, ich habe das Urteil damals gefeiert", sagt Fereshta Ludin heute. "Aber die Folgen waren eher schädlich."

Fereshta Ludin (Foto: picture-alliance/dpa)

Fereshta Ludin: "Zehn Jahre Kopftuchurteil sind kein fröhlicher Anlass zum Feiern"

Denn die Karlsruher Richter hatten in ihrem Urteil eine wichtige Einschränkung formuliert: Eine Behördenanweisung kann einer Lehrerin das Unterrichten mit Kopftuch nicht verbieten - ein entsprechendes Gesetz aber schon.

Schule und Bildung sind in Deutschland Sache der Bundesländer, und acht der 16 deutschen Bundesländer führten prompt so genannte "Neutralitätsgesetze" ein, auch bekannt als "Kopftuchgesetze". Damit wurden religöse Symbole aus öffentlichen Schulen verbannt - nur christliche wurden in einigen Fällen erlaubt. Kurz nach dem Karlsruher Urteil war aus Fereshta Ludins Triumph schon fast eine Niederlage geworden.

Überzeugung oder Karriere

Befürworter des Verbots sehen im Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung und Rechtlosigkeit der Frau im Islam. Fereshta Ludin hält dem entgegen, dass gerade durch ein Verbot muslimischen Frauen die Möglichkeit zu einer eigenen beruflichen Zukunft verwehrt werde.

Das Problem ist Serife Ay bekannt: Weil sie die deutsche Sprache so sehr liebt – und so gut beherrscht, dass sie wegen ihrer überkorrekten Grammatik von Mitschülern gehänselt wurde - wollte die Muslima Deutschlehrerin werden. Der jungen Frau aus Essen in Nordrhein-Westfalen wurde eine Vollzeitstelle in der Nachbarstadt Duisburg angeboten - allerdings nur unter einer Bedingung: kein Kopftuch im Unterricht. "Ich musste mich entscheiden, ob ich meinem Glauben folgen und authentisch sein oder ohne Kopftuch Karriere in der Schule machen wollte."

Serife Ay (Foto: Privat)

Serife Ay hat ihre Lehrer-Karriere aufgegeben

Serife Ay folgte ihrem Herzen und begrub damit nahezu alle Chancen auf eine Tätigkeit als Deutschlehrerin. Denn zu den formalen Hürden kommen tiefsitzende Vorurteile: "Die diskriminierende Regelung verhindert auch ein Engagement an privaten Schulen. Dort haben die Verantwortlichen Angst, Eltern könnten sich über kopftuchtragende Lehrerinnen beschweren."

Für die junge Muslima gibt es nur wenige Optionen: Sie könnte in ein Bundesland ohne "Neutralitätsgesetz" ziehen, vielleicht doch, mit Glück und weiter weg, eine private Einrichtung finden, die Kopftücher im Unterricht erlaubt, oder sie könnte als Religionslehrerin arbeiten. Denn im Religionsunterricht ist das Tragen von Kopftüchern weiterhin erlaubt.

Kritik durch Menschenrechtler

Im Jahr 2009 veröffentlichte Human Rights Watch eine Studie mit dem Titel "Diskriminierung im Namen der Neutralität". Das Urteil der Menschenrechtsorganisation über Deutschland ist eindeutig: "Bundesländer, die in Schulen religiöse Kleidung verbieten, christliche Symbole aber erlauben, diskriminieren explizit aus Glaubensgründen."

Das Kopftuchverbot in Deutschland sei im Übrigen nicht nur aus religiösen, sondern auch aus geschlechtsspezifischen Gründen diskriminierend, so Human Rights Watch: "Es untergräbt das Recht von Frauen auf Autonomie, Wahlfreiheit, Privatsphäre und Selbstdarstellung in gleicher Weise wie der Kopftuchzwang in anderen Ländern."

Fereshta Ludin stammt aus Afghanistan. Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen Ende der 1970er Jahre floh sie mit ihren Eltern und Geschwistern zunächst nach Saudi-Arabien, später beantragte die Familie in Deutschland Asyl. Hier erlebte sie Demokratie und Meinungsfreiheit. Diese Prinzipien, so findet sie, sollten auch mehr gesellschaftliche Akzeptanz in der Kopftuchfrage ermöglichen: "Wir dürfen nicht so tun, als ob es in der Gesellschaft keine kopftuchtragenden Frauen gibt und sie deshalb aus dem Berufsfeld Erziehung ausschließen", so die mittlerweile 41-Jährige.

Akzeptanz durch Bewusstsein

Brücken bauen zwischen der muslimischen Gemeinschaft und staatlichen Organisationen, so beschreibt Sawsan Chebli ihren Auftrag. Als Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten im Berliner Senat für Inneres und Sport gründete sie das Projekt "jung, muslimisch, aktiv" (juma), das deutschen muslimischen Jugendlichen eine Stimme verleihen will. "Fast alle jungen Frauen in unseren Gruppen tragen Kopftuch und fühlen sich durch das Verbot beeinträchtigt", sagt Chebli. "Einige von ihnen studieren und kämpfen für das Recht, später als Lehrerinnen, Rechtsanwältinnen oder sogar Richterinnen zu arbeiten."

Sawsan Chebli, deutsch-palästinensische Politikwissenschaftlerin (Foto: Karlheinz Schindler)

Sawsan Chebli: "Die Gesellschaft braucht junge kopftuchtragende Muslimas"

Die Gesellschaft brauche mehr muslimische Frauen in öffentlichen Positionen, weil nur durch größere Aufmerksamkeit höhere Akzeptanz erzielt werden könne, so Chebli. "Es gibt viele junge Frauen, die Kopftuch tragen, weil sie es als Teil ihrer Identität ansehen und obwohl ihre Eltern es gar nicht verlangen."

Sawsan Chebli ist optimistisch, dass sich in Sachen Kopftuchverbot auch von Gesetzes wegen etwas ändern wird. "Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt, dass Deutschland es sich schon bald nicht mehr wird leisten können, jemanden als Arbeitskraft zu verlieren nur wegen eines Kopftuchs."

Vielfalt statt Engstirnigkeit

Auf die gesellschaftliche Veränderung hofft auch Fereshta Ludin. Ihrer Erfahrung nach waren es niemals die Kinder in ihrem Unterricht, die sich am Kopftuch gestört haben, es waren immer die Eltern. Sie betont, sie habe nicht für das Kopftuch als solches gekämpft, sondern für das Recht auf Selbstbestimmung.

Deshalb setze sie sich weiterhin für den interkulturellen Dialog ein, auch bei ihr zuhause: "Ich habe meine Kinder in eine katholische Vorschule geschickt. Man sollte Kindern niemals die Möglichkeit verwehren, neue Perspektiven kennenzulernen. Für die Entwicklung von Kindern gilt: je vielfältiger, desto besser."

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