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Welt

"Ich habe noch nie so viele Tote gesehen"

Im August 2013 stürmten Sicherheitskräfte die Protestlager der Mursi-Anhänger in Kairo. Dabei starben hunderte Menschen. Nun liegt ein erster Untersuchungsbericht vor. Ein Augenzeuge erzählt seine Version der Ereignisse.

Großer Medienandrang im Hotel Fairmont, einem der Luxushotels in Kairo. Die Pressekonferenz des ägyptischen Nationalrats für Menschenrechte ist angekündigt. Der Termin war kurzfristig anberaumt worden, die Medienvertreter sind trotzdem in Massen erschienen. Denn der Rat will die ersten Ergebnisse seiner Untersuchung zu den Ereignissen vom 14. August 2013 vorstellen, dem Tag, der, je nach Quelle, zwischen 632 und mehr als 3000 Menschen das Leben gekostet hat.

"Ein schwarzer Tag in der Geschichte Ägyptens"

Mehr als sechs Wochen hatten Anhänger der Muslimbrüder in zwei Sit-ins auf den Plätzen Rabaa al-Adawija und al-Nahda ausgeharrt. Sie forderten die Rückkehr ihres "legitim gewählten Präsidenten" Mohammed Mursi, bis Polizei und Militär

beide Protestlager blutig auflösten

. Auf dem Rabaa al-Adawija sind dabei die meisten Menschen gestorben.

Alaa Elkamhawi war damals dabei. Der 27-jährige Fotograf begleitete und dokumentierte den Protest von Anfang an. Dort zu sein habe er als Job verstanden, sagt er. Politisch stehe er der Ideologie der Muslimbrüder fern. Am Morgen des 14. August durchbohrte eine Kugel seinen rechten Oberschenkel.

Fotograf Alaa Elkamhawi zwischen zwei bewaffneten Männern vor einem Panzer (Foto: DW)

Der Fotograf Alaa Elkamhawi (M.) dokumentiert seit 2011 die Ereignisse in Ägypten

Elkamhawi sitzt in einem Café unweit des Fairmont-Hotels, trinkt Kaffee und erzählt von dem Tag, den er nie in seinem Leben vergessen wird. "Ich habe noch nie so viele Tote und so viel Blut gesehen", sagt er. Im Vergleich zu dem, was noch an diesem Tag passiert sei, sei er glimpflich davongekommen. "Man hat damit gerechnet, dass die Polizei zuerst die Protestierenden warnt, dann würden vielleicht Wasserwerfer und später Tränengas eingesetzt. Auch scharfe Munition kam für viele infrage", erinnert sich der Fotograf. "Aber dass so schnell geschossen wird, ohne Fluchtwege zu garantieren, das hat mich überrascht."

"Keine bewaffneten Muslimbrüder"

In diesem Punkt kritisiert auch die Untersuchungskommission die ägyptischen Sicherheitskräfte. Keine 25 Minuten seien zwischen der ersten Warnung und dem ersten Schuss vergangen, steht im Bericht. Alaa Elkamahawi erinnert sich hingegen, dass bereits geschossen wurde, als die Menschen durch Lautsprecher aufgefordert wurden, den Platz zu räumen. Im Bericht steht auch, dass der Protest friedlich begonnen habe. Später seien bewaffnete Kämpfer der Muslimbrüder dazugekommen. Alaa Elkamahawi kann das nicht bestätigen. Zwar gab es seinen Angaben zufolge ein "Folterzelt, in dem verdächtige Informanten verhört und eventuell auch gefoltert wurden". Waffen habe er aber keine gesehen.

Trotzdem rechtfertigt die ägyptische Polizei den Angriff damit, dass bewaffnete Anhänger der Muslimbrüder die Schießerei provoziert hätten. So steht es auch in dem Bericht der Untersuchungskommission.

"Auch auf Helfer wurde geschossen"

Alaa Elkamahawi hingegen berichtet, Sicherheitskräfte hätten aus gepanzerten Fahrzeugen mit Maschinengewehren auf Demonstranten geschossen, "die nur Steine in den Händen hielten. Die Gewehre bewegten sich von links nach rechts und schossen in die Menge. Ganz willkürlich", erinnert er sich.

"Es gab auch Scharfschützen auf den umliegenden Dächern, die Leute erschossen, auch wenn diese nur anderen helfen wollten. Warum haben sie nicht direkt auf die Bewaffneten geschossen?", fragt Alaa Elkamahawi. Als er getroffen wurde, habe er mehr als eine Stunde gebraucht, bis er den Platz verlassen konnte. "Es wurde weiter auf uns geschossen, auch als wir zu erkennen gaben, dass wir nur raus wollten. Keiner von uns trug Waffen bei sich. Es war eine regelrechte Belagerung", so sein Urteil.

Dass der Nationalrat für Menschenrechte lediglich zu dem Schluss eines "unverhältnismäßigen Feuereinsatz gegen die Bewaffneten" kommt, hält er für verlogen.

Rabaa - das politische Ende der Muslimbrüder

Die Ereignisse von Rabaa Al-Adawija waren ein Wendepunkt im Vorgehen der ägyptischen Polizei gegen Demonstrationen, urteilt der Rechtsanwalt Ahmed Fahmy, einer der wenigen seiner Zunft, der Mitglieder der Muslimbrüder vor Gericht vertritt. Sein Büro liegt in einem heruntergekommenen Haus gegenüber dem Abdeen-Palast, der Residenz des letzten ägyptischen Königs Er zeigt auf einen meterhohen Stapel Akten: "Das sind die Prozesse, die wir allein im Februar bekommen haben. Jeden Tag kommen neue hinzu." Unter seinen Mandanten sind Regimegegner jeglicher politischer Couleur: Linksliberale, Sozialisten, Islamisten.

"Die Polizei scheut sich seit Rabaa nicht mehr, scharfe Munition einzusetzen.

So wie am 25. Januar

, als junge Aktivisten, die gegen die Muslimbrüder und das Militär sind, an die Forderungen der Revolution vor drei Jahren erinnern wollten", sagt Ahmed Fahmy mit wütender Stimme. Die Verfolgung der Muslimbrüder, die als Terrororganisation eingestuft wurden, dient seiner Ansicht nach nur als Vorwand für die Behörden, jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen. Jeder, der jetzt verhaftet wird, werde beschuldigt, einer Terrororganisation anzugehören. "Ich habe einen koptischen Mandanten, der wegen dessselben Vorwurfs seit Wochen im Knast sitzt."

Gefährliche Folgen

Trotzdem habe im Moment keiner Interesse, hinsichtlich der Ereignisse von Rabaa die Wahrheit ins Licht zu bringen, sagt der Rechtsanwalt. Dem Nationalrat für Menschenrechte, der formal unabhängig ist, wirft er Nähe zu den Machthabern vor. Auch die Muslimbrüder wünschten sich aus politischem Kalkül heraus im Moment keine Aufklärung, vermutet Ahmed Fahmy. "Sie haben alles dokumentiert. Bei den Sit-ins gab es Mitglieder, die nur Videos und Fotos gemacht haben. Aber sie wollen diese Dokumente nicht rausgeben. Keiner weiß, warum."

Doch genau diese Aufklärung erwarten die Opfer und ihre Familien. Alaa Elkamhawi war bereits als Zeuge bei einer weiteren Untersuchungskommission vorgeladen, die von Präsident Adli Mansur einberufen wurde. Auch wenn seine Erwartungen niedrig sind, wünscht er sich, dass die Öffentlichkeit erfährt,

was an diesem Tag passiert ist

, und dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. "Dieser Tag hat die Gesellschaft tief gespalten. Es gibt Kinder, die gesehen haben, wie ihre Eltern vor ihren Augen getötet wurden. Wenn sie keine Gerechtigkeit erfahren, bleibt ihnen nichts anderes übrig als Rache", sagt er und atmet tief ein. "Wir züchten damit echte, gefährliche Terroristen."

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