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Gewaltorgie zum Jahrestag

Markus Symank, Kairo27. Januar 2014

Bombenterror und brutale Gewalt der Sicherheitskräfte haben den dritten Jahrestag der ägyptischen Revolution überschattet. Ins Kreuzfeuer geraten immer häufiger auch säkulare Aktivisten, Journalisten und sogar Ausländer.

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Bewaffneter Polizist in Kairo (Foto: Reuters)
Bild: Reuters

Kairo. Zwei Fotos kursieren von Sayed Wezza auf Twitter. Das eine zeigt den Aktivisten, wie er drei Finger hebt: Gegen Mubarak, gegen Mursi, gegen das Militär. Auf dem zweiten Foto ist der Jugendliche zu sehen, wie er auf einer Bahre liegt, blutüberströmt, tot. Ein Polizist erschoss den unbewaffneten Wezza am Samstag (25.01.2014) in der Kairoer Innenstadt. Dort hatte er gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Protestbewegung 6. April gegen die Gewalt der Sicherheitskräfte und die Rückkehr des Polizeistaates demonstriert.

Vor drei Jahren waren die säkularen Aktivisten vom 6. April vom Volk für ihren Mut als Helden der Revolution gefeiert worden. Nun haben die neuen Machthaber sie als fünfte Kolonne der gestürzten Muslimbruderschaft abgestempelt und zum Freiwild erklärt. "Wer auch immer gegen das Militär skandiert, ist ein Terrorist und wird als solcher behandelt", gab ein Moderator auf dem staatsnahen TV-Sender ONTV die Marschroute vor. Am Ende des Tages meldete das Gesundheitsministerium 49 Tote und fast 200 Verletzte. Laut Ärzten wurde die Mehrheit mit scharfer Munition erschossen. Nach eigenen Darstellung setzten die Sicherheitskräfte nur Tränengas und Gummischrot ein.

Leichenschauhaus überfüllt

Drei Jahre nachdem sich die Ägypter geschlossen gegen Folter und Willkür der Sicherheitskräfte auflehnten, gehen diese brutal wie nie zuvor gegen Oppositionelle vor. Anders als früher werden sie dafür von großen Teilen der Bevölkerung bejubelt: Während die Polizei zahlreiche Protestmärsche gewaltsam auflöste, feierten auf dem zentralen Tahrirplatz ausgelassen Zehntausende Armeeanhänger. Militärhubschrauber warfen Ägypten-Flaggen und Gutscheine für Bettdecken über der Menge ab. Diese bedankte sich mit patriotischen Liedern und Liebesbekundungen für Armeechef Abdel Fattah al-Sisi. Feuerwerkskörper übertönten die Tränengaskanonen und das Gewehrfeuer in den umliegenden Straßen. Auch die staatlichen TV-Sender blendeten das Gemetzel an den Demonstranten andernorts vollkommen aus, ebenso wie die bedrückenden Szenen vor dem einmal mehr hoffnungslos überfüllten Leichenschauhaus in Kairo.

Dort versammelten sich größtenteils Anhänger der Muslimbruderschaft, welche die meisten Toten zu beklagen hat. Alleine im nordöstlichen Stadtteil Ain Schams, einer Hochburg der Islamisten, sollen Polizisten am Samstag Dutzende Muslimbrüder getötet haben. Die Demonstranten hatten versucht, in Richtung Innenstadt zu marschieren, waren dann aber unter Beschuss der Sicherheitskräfte geraten. Gemäß Angaben der Islamisten kamen am Samstag landesweit über 100 Personen ums Leben, darunter zwei Minderjährige.

Eskalation am Tag der Revolution

Mob greift Journalisten an

Die Regierung meldete, am Wochenende mehr als 1000 Personen festgenommen zu haben. Darunter befinden sich neben Islamisten auch zahlreiche säkulare Aktivisten, Menschenrechtler und Journalisten. Am Samstagmorgen bereits stürmten Sonderkommandos mehrere Wohnungen in Kairo und verhafteten zahlreiche Armeekritiker. Einige wurden tags darauf bereits wieder laufengelassen. Viele aber werden wegen teilweise grotesk anmutender Beschuldigungen wie "Besitz eines Laptops" weiterhin in Gewahrsam gehalten. Anderen droht eine Anklage wegen nicht genauer definierter "terroristischer Aktivitäten".

Ins Visier der Behörden gerieten in den vergangenen Tagen auch verstärkt Journalisten. Laut ägyptischen Medien wurden alleine am Samstag 19 Reporter, Fotografen und Kameraleute verhaftet. Mindestens ein ägyptischer Journalist gilt seit Samstagmittag als verschollen. Auf Twitter berichteten mehrere Journalisten, wie sie von aufgebrachten Menschenmassen angegriffen worden seien. Die Reporterin Nadine Marroushi beispielsweise schilderte, wie eine Frau versuchte, sie mit ihrem Halstuch zu erwürgen und sie dabei als "Schwein und Verräterin" beschimpft habe.

Bereits am Freitag war ein Team der ARD von einem Mob brutal zugerichtet worden. Zwei Mitarbeiter mussten mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Aus Angst vor Übergriffen blieben zahlreiche Journalisten den Demonstrationen am Samstag fern. Die staatlichen Medien am Nil haben während der vergangenen Monate ausländische Berichterstatter als Teil einer großangelegten zionistischen Verschwörung denunziert und damit Rachegelüste in der Bevölkerung geweckt. Beobachter vermuten aber, dass zumindest hinter einem Teil der Übergriffe bezahlte Schlägertrupps der Polizei stecken.

Demonstranten mit Plakat von General al-Sisi (Foto: Reuters)
In der Mehrheit: Anhänger von General al-SisiBild: REUTERS

Terrorgefahr wächst

Als Rechtfertigung für ihre immer brutalere Gangart dienen der Regierung die terroristischen Attentate radikaler Islamisten auf Einrichtungen der Armee und Polizei. Am Freitag hatten vier Sprengsätze in Kairo sechs Personen getötet. Am Sonntag wurden außerdem drei Soldaten auf der Sinaihalbinsel getötet. Den dortigen Dschihadisten soll es nach Angaben von Augenzeugen außerdem erstmals gelungen sein, einen Militärhubschrauber abzuschießen. Die Armee wies entsprechende Berichte zurück und sprach von einem Unfall.

Zu dem Großteil der Attentate der vergangenen Monate bekannte sich die vor einem halben Jahr noch weitgehend unbekannte Gruppierung "Ansar Beit al-Maqdis". Die Regierung behauptet, dass diese von Mitgliedern der Muslimbruderschaft finanziert werde. Beweise dafür hat sie bislang nicht vorlegen können.