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Welt

Zaghloul: "Sie haben den Tod nicht verdient"

Von ihrem Fenster aus beobachtete Aktivistin Nihal Saad Zaghloul die gewaltsame Räumung der Protestcamps in Kairo. Die Eindrücke haben sie zutiefst erschüttert. Ihre Hoffnung auf eine friedliche Zukunft ist zerplatzt.

Vor zwei Jahren zog Nihal Saad Zaghloul noch selbst auf die Straße. Sie forderte in Kairo ein Ende der sexuellen Beleidigungen und Übergriffe auf Frauen. 2012 gründete sie deshalb die "Bassma/Imprint-Bewegung".

Deutsche Welle: Sie wohnen nur zehn Minuten entfernt vom Rabaa-Platz, auf dem die Muslimbrüder ihr größtes Lager errichtet hatten. Wie haben Sie die Ereignisse von Ihrem Zuhause aus wahrgenommen?

Nihal Saad Zaghloul: Ich bin durch die Geräusche von Schüssen aufgewacht. Menschen auf der Straße riefen, dass die Armee auf sie schießen würde. Sie rannten, brüllten und weinten. Ich habe dann Facebook und Twitter gecheckt und mir wurde klar: Das Militär und die Polizei hatten ihren Angriff gestartet - um 6 Uhr morgens. Um 7 Uhr war das Nahda-Lager schon aufgelöst. Direkt bei meinem Haus waren sie noch dabei, das Rabaa-Lager zu räumen. Ich habe immer wieder meine Freunde angerufen und sie sagten, es sei ein zweites Massaker und dass Scharfschützen von oben auf sie schießen würden. Später sagten sie mir, sie seien umzingelt.

Als Reaktion auf die gewaltsamen Räumungen der Lager in den frühen Morgenstunden am Mittwoch (14.08.2013) riefen die Muslimbrüder zu solidarischen Straßenprotesten auf. Was haben Sie von Ihrem Fenster aus beobachten können?

Von überall her kamen Protestierer. Als sie in meine Straße rannten, wurden sie sofort beschossen, damit sie zurückweichen mussten und den Menschen in den Lagern nicht helfen konnten. Die Armee fing an, mit Tränengas nach ihnen zu werfen. Daraufhin griffen einige Protestierer nach Steinen und bewarfen Polizisten damit. Die Polizei antwortete mit Tränengas und scharfer Munition.

Mursi-Anhänger in Nasr City in Kairo am Tag der gewaltsamen Räumung der Protestcamps Foto: AP/Manu Brabo

Mursi-Anhänger flüchten in Kairo vor Militär und Polizei

Währenddessen ging die Räumung des Rabaa-Lager weiter. Was ist mit Ihren Freunden geschehen, die dort festsaßen?

Bis jetzt weiß ich von zwei Freunden aus der Uni, die ihre Brüder dort verloren haben. Einer ist 19, der andere Mitte 20 - ich glaube, so alt wie ich. Sie sind gestern gestorben. Sie waren keine Terroristen. Ich kenne sie sehr gut, ihre Familien auch. Wir essen zusammen, arbeiten zusammen, wie engagieren uns ehrenamtlich, um diese Gesellschaft besser zu machen. Sie haben es nicht verdient, so zu sterben.

Auf Twitter haben Sie in einer Nachricht geschrieben: "Es geht nicht mehr darum, ob jemand für oder gegen Mursi ist, sondern ob wir für oder gegen Menschlichkeit sind." Was haben Sie damit gemeint?

Viele Menschen haben die Tötung von Muslimbrüdern rechtfertigt. Aber die Leute von Rabaa waren einfache Menschen, sie waren keine Terroristen oder Leute, die in der Vergangenheit an mutwilliger Zerstörung beteiligt waren. Wir sollten sie nicht für die Fehler von anderen bestrafen. Ich sage nicht, dass die Islamisten alles richtig gemacht haben, aber auf der anderen Seite kann ich doch nicht jemanden für eine Tat bestrafen, die er nicht begangen hat. Was uns immer weiter in dieses Chaos reinreitet, ist die Generalisierung "Die sind alle schlecht!". Wenn du einen anderen Menschen sterben siehst, dann fragst du doch nicht "Zu welcher politischen Seite gehört er?" oder "Welcher Religion gehört er an?", bevor du die Entscheidung triffst: helfe ich oder nicht.

Sie sind Muslimin und tragen Kopftuch, aber Mohammed Mursi und seine Politik haben Sie eher kritisch gesehen. Waren Sie froh, als das Militär den Präsidenten im Juli gestürzt hat?

Nein. Ich hatte gehofft, dass die Leute ihn politisch aus dem Amt drängen würden. Wir haben die Regierung dazu gedrängt, schnell Parlamentswahlen abzuhalten. Über ein neues Parlament hätte man dann die eigenen Vertreter unter Druck setzen können, Mursi abzusetzen. Wenn es möglich war, am 30. Juni [Anm. der Redaktion: Erster Jahrestag der Präsidentschaft von Mohammed Mursi] so viele Menschen für Proteste zu mobilisieren, dann hätte es doch auch möglich sein müssen, sie für die Wahl bestimmter Kandidaten zu mobilisieren.

Sie sind seit einigen Jahren auf Demonstrationen und als Aktivistin sehr präsent. Welche Hoffnungen hatten Sie, als Sie 2011 während des Arabischen Frühlings zum ersten Mal auf dem Tahrir-Platz demonstriert haben?

Ich habe auf ein besseres Leben gehofft, auf Gleichberechtigung, sozialen Fortschritt und Gerechtigkeit.

Was ist daraus geworden?

Dieses Massaker wird nur mehr Trauer und Gewalt auf den Straßen bringen. Auf Gewalt folgt mehr Gewalt. Zweimal falsch ergibt kein richtig. Es wäre falsch zu glauben, dass die Muslimbrüder oder die Islamisten sich wieder zurück ins Gefängnis stecken lassen werden, so wie in den 90er Jahren. Sie werden weiter kämpfen und es werden noch viele Menschen sterben.

Ich habe Angst, dass nach dem Massaker der richtige Terror erst anfängt. Ob es uns gefällt oder nicht, wir können sie nicht alle umbringen und viele Menschen werden Rache wollen. In Ägypten hat in den vergangenen 30 Jahren die Gewalt regiert, nicht das Gesetz. Alle in Ägypten - die Politiker und ihre Anhänger - sind bewaffnet. Es wird wieder Krieg geben und ich habe Angst vor Bürgerkrieg. Ich will, dass das Blutvergießen ein Ende hat, aber ich weiß nicht, wie es jetzt zu beenden wäre.

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