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Wirtschaft

"Ich bin absolut gegen den Euro"

Der Euro löst bei älteren Menschen zahlreiche Ängste aus.

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Das Einkaufen mit dem Euro - für viele Senioren recht gewöhnungsbedürftig

"Die Mark, dass man uns das so genommen hat, des finde ich echt grausam. Nicht mal den Pfennig hat man uns gelassen!" Die kritische Stimme eines deutschen Senioren.

Europa - das kann eine riesengroße Chance bedeuten. Für viele ist sie in der gemeinsamen europäischen Währung Euro konkret geworden. Doch ältere Leute fühlen sich dabei nicht selten übergangen: "Das ist nicht so einfach: Da lassen die Augen nach, da erkennt man die Münzen nicht mehr, man muss sich auch an die Scheine wieder gewöhnen. Also, das ist wirklich ein Problem für ältere Leute!" ärgert sich die 90jährige Erika Neumann.

"Ich meine, dass wir besser informiert werden müssen", findet beispielsweise die 80jährige Rose Fleck aus dem norddeutschen Bad Schwartau. Sie gesteht: "Mit dem Euro kann ich an sich auch nicht so gut umgehen, weil ich finde, man hätte uns mehr fragen müssen."

Sorgen macht sie sich vor allen Dingen wegen der versteckten Preiserhöhung, die mit dem Euro einher gehen kann. Hier ein Brot, dort ein Pfund Kaffee - jeweils ein paar Groschen mehr, das ist nicht viel. Und doch, in der Summe mache es eine Menge aus, sagt die Rentnerin. Nicht nur, weil die Kriegsgeneration zu sparen gelernt hat: Rose Fleck fürchtet auch eine verdeckte Inflation durch die Umstellung der Preise von D-Mark auf Euro.

Auch die Bewohner des Kölner Seniorenheims Rosenpark diskutieren gelegentlich, ob wohl das Leben bald teurer wird. Deshalb achtet die Heimleitung um so mehr auf Genauigkeit, sagt Günther Jantschik, der Direktor des Hauses: "Unsere Bewohnerinnen und Bewohner zahlen ab dem 1. Januar 2002 wirklich exakt nach dem Umrechnungsfaktor die Kosten, die wir ihnen in Rechnung stellen."

Je älter, desto weniger Euro-Liebe

Dennoch ist vor allem bei älteren Deutschen das Misstrauen gegenüber den neuen Währung deutlich ausgeprägt. Je älter die Deutschen, desto eher ziehen sie die D-Mark dem Euro vor. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung, die eine Studentengruppe der Uni Bonn durchgeführt hat. Sie haben Deutsche unterschiedlichen Alters zum Euro befragt.

Agnieszka Liszka fasst das Ergebnis der Studie zusammen: "Unsere Umfrage hat gezeigt, dass die älteren Leute skeptischer sind, dieses emotionale Problem haben, sich von der Deutschen Mark zu verabschieden."

Ein Beispiel dafür ist der in Hamburg lebende Rentner Claus Becking: "Also, ich persönlich bin absolut gegen den Euro, weil ich der Meinung bin, man gibt zuviel auf und gewinnt zuwenig dazu. Unter der D-Mark habe ich gelernt und bin ich mit groß geworden, zu sagen: 20 Mark, das ist zu teuer, oder: das ist reell und das ist berechtigt. Sind es aber 20 Euro, dann weiß ich nicht mehr: was ist es nun für eine Summe?"

Fehlende Identifikation

Viel schlimmer ist für ihn jedoch der Verlust dessen, womit er sich identifiziert: "Wir sind ja dann gar keine Deutschen mehr. Wenn man dann in einem Euro-Land lebt, rundherum alles Euro-Länder, was sind wir dann noch? Kann man uns dann noch identifizieren?"

Auch vor Wechselkursschwankungen fühlen sich die Senioren nicht sicher. Und das obwohl der Euro seit Anfang 1999 unveränderlich an die D-Mark gebunden ist und die D-Mark seither nur noch ein Teil des Euro ist: "Jetzt im Moment sieht es ja so aus, als wenn er 1:2 steht, aber man weiss nicht, ob das so bleibt", befürchtete die 90jährige Erika Neumann. Sie lebt in einem kleinen Dorf im Schwarzwald. Dort kümmert sie sich um ihre Einkäufe immer noch selbst, hat jedoch ein Handicap: Sie sieht kaum noch.

Nun fragt sie sich, wie sie die neuen Euro-Münzen auseinander halten soll - wenn sie schon mit den alten D-Mark-Münzen Probleme hat. Ein Euro-Gegner ist sie trotzdem nicht: "Gut, ich versteh das: für Geschäfte und wer viel reist - aber wir alten Leute, wir verreisen gar nicht mehr in fremde Länder, wo das für uns nötig wäre, dass wir mit Euro zahlen."

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  • Datum 08.01.2002
  • Autorin/Autor Johanna Tüntsch
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  • Autorin/Autor Johanna Tüntsch
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