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Wirtschaft

"Euro-Illusionisten" und "Nationale Bewahrer"

Die Psychologie bereitet dem Euro in Deutschland einen schweren Start

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Alte Menschen stehen dem Euro besonders skeptisch gegenüber

Zu diesem Ergebnis kam das 1997 gestartete europaweite Projekt "The Psychology of the European Monetary Union" (Die Psychologie der Europäischen Währungs-Union), in dem Forscher 15.000 Europäer über ihre Haltung zum Euro befragt hatten.

Die verschiedenen Euro-Typen

Laut Guido Kiell, Wirtschaftspsychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Universität Köln, konnten dabei verschiedene Typen von Europäern ausgemacht werden: "Es gibt zum Beispiel solche, die wir `Euro-Illusionisten´ nennen, Menschen, die glauben, dass der Euro zu einem höheren Wohlstandsniveau führen wird, dass alles insgesamt besser wird in ihrem Land auf politischer und ökonomischer Ebene." Diese "Euro-Illusionisten" seien vor allem in Italien vorhanden, in Deutschland finde man sie dagegen nur zu einem sehr geringen Prozentsatz.

Auch die anderen südeuropäischen Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien, als Länder, die in der Vergangenheit von einer hohen Inflationsrate geprägt wurden, stehen der Einführung sehr positiv gegenüber, haben die Studien ergeben.

Einen Großteil der Deutschen, wie überhaupt der Europäer, stuft die Forscher um Guido Kiell dagegen als "Nationale Bewahrer" und "Interessierte Nationale" ein: "Der `interessierte Nationale´ fühlt sich einerseits Deutschland gegenüber verbunden. Er verspürt eine Verbundenheit, die stärker ist als zu Europa, andererseits aber weiß und erkennt er, dass in Zukunft der wirtschaftliche Fortschritt in Europa nur gemeinsam im Verbund mit anderen europäischen Ländern erreichbar ist." Dieser Typ stehe dem Euro relativ positiv gegenüber, sagt Kiell. "Der Typ `Nationaler Bewahrer´ dagegen, der häufig in Deutschland vertreten ist, dieser Typ identifiziert sich in sehr starkem Maße mit Deutschland und Symbolen, die für Deutschland stehen. Er hat ein Problem mit der Euro-Einführung, da er die Symbole, auf die er stolz ist, bedroht sieht. Er sieht nur wenige ökonomische Vorteile, sondern eher Nachteile, die durch die Einführung des Euros entstehen werden."

Deutschland - Euro-Skeptiker und -Sympathisanten bunt gemischt

In Deutschland selbst konnten die Forscher zwischen den einzelnen Bundesländern und Altersgruppen ebenfalls Unterschiede feststellen, sagt Guido Kiell: "Die Euro-Skepsis ist nicht über alle Gruppen gleich verteilt, zum einen gibt es eine relativ höhere Euro-Skepsis in den neuen Bundesländern als in den alten Bundesländern. Ältere Menschen stehen beispielsweise dem Euro skeptischer gegenüber. Menschen mit einer geringen Bildung, einem geringeren sozio-ökonomischen Status sind ebenfalls eher skeptisch gegenüber dem Euro."

Dass die Deutschen eher zu den Euro-Skeptikern gehörten, habe auch historische Gründe, fügt Kiell hinzu: "Bei uns Deutschen ist es so, dass wir in der Vergangenheit ein hohes Maß an Stolz auf die D-Mark gelegt haben. Die D-Mark war für uns ein Symbol für unseren wirtschaftlichen Wohlstand, den wir nach dem Zweiten Weltkrieg hier erfahren haben. Die D-Mark stand auch stellvertretend für Symbole, die in anderen Ländern normalerweise als Identifikations-Symbole herangezogen werden, wie zum Beispiel Kultur, Sprache, politische Erfolge, all diese Dinge hatten wir zwar, die standen aber unter einem ungünstigen Vorzeichen, im Zweiten wie im Ersten Weltkrieg."

Sich daher an eine fremde Währung zu gewöhnen, scheint den Deutschen schwerer zu fallen. Ängste vor der Euro-Einführung bestehen bei Deutschen wie auch bei den anderen Europäern: "Es sind konkrete ökonomische Ursachen, das fängt damit an, dass man Angst hat, mit der Währung selber nicht zurecht zu kommen", ist das Fazit des Wissenschaftlers der Uni Köln. Gerade jetzt werde in der Öffentlichkeit auch häufiger diskutiert, ob nicht möglicherweise im täglichen Einkauf der Handel versuche, durch ungerechtfertigte Rundungs-Taktiken Profite aus der Euro-Einführung zu ziehen.

"Unfaire Behandlung"

Guido Kiell berichtet ebenfalls darüber, dass Europäer befürchten, durch den Euro ihren Arbeitsplatz und ihre Ersparnisse zu verlieren. Mit der Verteuerung von Importen durch die ungünstige Entwicklung des Euros im Vergleich zum Dollar rechnen ebenfalls viele Europäer. Bei den Deutschen spielt jedoch noch eine andere Frage eine Rolle: "Es geht um die Frage, wie werden eigentlich die Mittel in der EU verteilt, wieviel gebe ich und wieviel bekomme ich davon. Es ist den meisten Deutschen sehr wohl bewußt, dass Deutschland nach wie vor ein Netto-Zahler ist, auch wenn es im Osten Deutschlands Regionen gibt, die von diesem europäischen Finanzausgleich profitieren. Aber man sieht sich letztendlich in ein Loch einzahlen, wo man nicht genau weiß, ob dieses Loch einen Boden hat."

Und so fühlen sich laut Kiell viele Deutsche ungerecht behandelt. Sie seien als Zahler nicht gefragt worden, ob sie mit dem Euro und den damit verbundenen Konsequenzen auf ihre Wirtschaft einverstanden seien. Dennoch sähen die meisten Deutschen die Zukunft mit dem Euro eher positiv als negativ. Für sie sei der europäische Einigungsprozeß so weit vorangeschritten, dass sie sich letztendlich mit der neuen Situation arrangieren werden.

Guido Kiell rechnet damit, dass nach der Euro-Einführung die Deutschen noch Monate später die neuen Preise in D-Mark umrechnen werden: "Wir haben so ein Bezugssystem in unserem Kopf, wo wir bestimmte Vorstellungen davon haben, wie teuer ein Liter Milch sein darf oder eine Hose. Es fällt den Menschen normalerweise nicht so leicht quasi dieses neue Bezugssystem, diese neuen Zahlen direkt als Indikator für irgendeine Beurteilung teuer - billig - preisgünstig heranzuziehen." Das wird, denkt Kiell, einige Monate dauern.

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