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Kultur

"I wish to say..."

Lob und Kritik für Präsident Bush per Postkarte. Auf ihrer Reise durch die USA sammelte die Aktionskünstlerin Sheryl Oring Meinungen der Bürger über ihr Staatsoberhaupt und schickte diese direkt ans Weiße Haus.

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Sheryl Oring mit mobilem Büro auf ihrer Reise durch die USA

In den Vereinigten Staaten von Amerika schreibt man sich gerne Postkarten. So hat zu Beispiel Präsident Bush vergangenes Jahr 1,5 Millionen Weihnachtskarten versendet und damit seinen Bekanntenkreis erheblich erweitert. Und das amerikanische Volk zeigt sich erkenntlich und schreibt zurück. Hierbei handelt es sich aber nicht um Danksagungen und Ähnliches, sondern um ein Projekt der Künstlerin Sheryl Oring.

Post für den Präsidenten

Während sich der amerikanische Präsident auf den Wahlkampf konzentriert, flattern unaufhörlich Postkarten in den Briefkasten an der Pennsylvania Avenue in Washington DC ein. Als Absender der Postkarten werden Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika genannt. Ausgerüstet mit einer mechanischen Schreibmaschine machte sich Sheryl Oring auf ihre Reise quer durch die Vereinigten Staaten. Jeder Bürger, der Lust hatte mitzumachen, bekam die Chance, dem Präsidenten zu sagen, was er ihm schon immer mal sagen wollte. Egal ob Grüße oder Kritik, alles wurde niedergeschrieben und verschickt. Eine Kopie jeder Postkarte behielt die Künstlerin, um diese für eine geplante Ausstellung oder ein Buch bereit zu stellen.

Das weiße Haus

Das Weiße Haus an der Pennsylvania Avenue in Washington DC

"Dieser einfache Akt, eine Postkarte an den Präsidenten zu formulieren, ist so eine starke Erfahrung", sagt die Künstlerin. "Es bringt die Menschen dazu, über sich selbst nachzudenken." Zusätzlich können die Postkarten noch mit Stempeln wie zum Beispiel "Dringend" oder "Letzte Mahnung" verziert werden. Orings Aktion kommt gut an und die amerikanischen Bürger sind gerne bereit, ihre Meinung zu Papier bringen zu lassen, wie zum Beispiel:

"Sehr geehrter Herr Präsident, ich bin der Meinung, dass Sie gute Arbeit leisten und wiedergewählt werden, weiter so!"

"Herr Bush, erinnern Sie sich an Joe McCarthy? Sie benutzen das Wort Terrorist, wie er das Wort Kommunist".

"Herr Präsident, bringen Sie mir meinen Ehemann zurück!"

"I wish to say", so der Name des Projekts, begann im Februar 2004, als Sheryl Oring vom "First Amendment Project of Oakland" eingeladen wurde, ihre neuen Arbeiten und Projekte vorzustellen. "Der Anstoß zu dem Projekt kam aus Deutschland, wo ich mit vielen Leuten gesprochen habe, die der Meinung waren, dass alle Amerikaner gleich denken, alle für den Irak-Krieg sind", sagt Oring. Für sie ist es wichtig, der Welt zu zeigen, dass die Meinungen doch sehr unterschiedlich sind. So fand sie auf ihrer Reise zum Beispiel in San Francisco keinen Bush-Befürworter, in Utah dagegen keine Bush-Gegner.

Die Schreibblockade

Schon vor vier Jahren machte Sheryl Oring in Deutschland auf sich aufmerksam. Am 10. Mai 1999 stellte sie 21 Käfige aus Stahlgitter, jeder davon randvoll gefüllt mit antiken Schreibmaschinen, auf dem Bebelsplatz mitten in Berlin aus. Dort hatten am 10. Mai 1933 die Nazis 20.000 Bücher verbrannt.

alte Schreibmaschine

Alte Schreibmaschine Olivetti Praxis 48

Sheryl Oring wuchs in North Dakota auf. Im Jahr 1996 kam sie mit einem Journalistenstipendium nach Berlin. An der Spree fielen ihr die vielen Schreibmaschinen auf, die auf Flohmärkten und in Schaufenstern herumstanden. "Ich fühlte mich magisch angezogen und musste oft an die Leute denken, die darauf geschrieben hatten," sagte Oring. Und so kam es, dass sie die Berliner bat, Schreibmaschinen für ihr Projekt zu spenden, weitere kamen damals aus London und Prag. Ein Freund schweißte die Käfige zusammen und Studenten halfen bei Reinigen der verstaubten Geräte. Sie erinnert mit dem Projekt, das sie "Writer´s Block" nennt, daran, dass auf den Maschinen Deportationsbefehle geschrieben wurden, aber auch an Werke von Autoren, die von den Nazis verboten wurden.

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