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Bundesliga

HSV: Rettung, aber wenig Hoffnung

Der Hamburger SV bleibt erstklassig. Das Team von Trainer Gisdol rettet sich im letzten Spiel gegen Wolfsburg. Allerdings ist der Kader ein Torso und muss dringend überarbeitet werden. Dazu aber fehlen Geld und Visionen.

Als es vollbracht war, feierten sie, als hätten sie soeben die erste Deutsche Meisterschaft seit 1983 gewonnen: Trainer Markus Gisdol war völlig außer Rand und Band und kugelte in enger Umarmung mit Co-Trainer und Sportdirektor über den Boden. Tausende HSV-Fans stürmten nach der Last-Minute-Rettung durch das 2:1 gegen den VfL Wolfsburg den Rasen. Mittelfeldspieler Lewis Holtby erkletterte das Dach der Trainerbank und schwenkte den Schal, einige Fans montierten sogar die Querlatte des Tores ab, in der der entscheidende Treffer eingeschlagen war, und nahmen das über sieben Meter lange Aluminiumrohr als Souvenir mit nach Hause.

"Wir haben mit dem Team ein Wunder geschafft. Niemand hat mehr auf uns einen Pfifferling gesetzt. Für uns alle ist das der Höhepunkt unserer Karrieren", jubelte Verteidiger Mergim Mavraj gar - und verabschiedete sich, von der eigenen Glanzleistung euphorisiert, johlend in die Kabine.

Woher die Euphorie?

Eine möglicherweise im Überschwang der Erleichterung und Freude erklärbare Reaktion, jedoch bei Lichte betrachtet eine äußerst übertriebene. Denn was außer dem nackten Überleben in der Bundesliga hatte der Hamburger SV gerade gewonnen? Mit Mühe und Not und dank eines Kraftaktes in der zweiten Halbzeit drehten die Hamburger die Partie gegen die "Wölfe" und vermieden damit die dritte Relegation innerhalb der vergangenen vier Jahre. Ein Grund sich zu freuen - in jedem Fall. Eine Situation, die Hoffnung auf baldige Besserung macht - eher nicht. Zudem keine Situation, die neu ist. Seit vier Jahren spielt der ehemalige Top-Verein durchgehend gegen den Abstieg. Eine Entwicklung zum Positiven ist nicht erkennbar. Zwischen 2013 und Ende 2016 versuchten sich Oliver Kreuzer, Peter Knäbel und Dietmar Beiersdorfer erfolglos als Kaderplaner. Zuletzt wurde die glücklose Identifikationsfigur Beiersdorfer gegen Heribert Bruchhagen ausgetauscht und als neuer Sportdirektor Jens Todt installiert, den man vom Karlsruher SC loseiste.

Unendliche Mängelliste

Todt soll den HSV nun zukunftsfähig machen und steht dabei vor einer Mammutaufgabe. Für höhere Ansprüche reicht der HSV-Kader nur auf einzelnen Positionen, zum Beispiel im Tor: Christian Mathenia hat sich im Abstiegskampf als Nummer eins durchgesetzt und den Hamburgern mehr als nur einmal wichtige Punkte gerettet. In der Innenverteidigung wurde der im Winter aus Köln verpflichtete Mavraj zur Verstärkung. Gleiches gilt für Mavrajs Nebenmann Kyrgiakos Papadopoulos. Allerdings ist der bullige Grieche nur ausgeliehen, soll aber von Bayer Leverkusen fest verpflichtet werden. Sein Verbleib ist daher noch unsicher und wohl abhängig von der nächsten milden Gabe des HSV-Investors Klaus-Michael Kühne. Auf der Außenverteidiger-Position hat der HSV mit Dennis Diekmeier, Matthias Ostrzolek und Gotoku Sakai dagegen keine Spitzenkräfte zur Verfügung.

Im Mittelfeld gibt es mit dem Schweden Albin Ekdal und Gideon Jung zwei vielversprechende junge Spieler. Dazu ist Lewis Holtby stets fleißig, wenn auch manches Mal glücklos. Und auch die beiden Flügelspieler Nicolai Müller und Filip Kostic sind mehr als nur Bundesliga-Durchschnitt. Für die nächste Saison hofft man auf den Durchbruch des brasilianischen Winterneuzugangs Walace, der bislang in der Bundesliga - vor allem wegen taktischer Defizite und der höheren Anforderungen im Defensivspiel - noch überhaupt nicht zurechtkommt.

Bundesliga | 26. Spieltag | HSV vs 1. FC Köln (picture-alliance/dpa/S. Schuldt)

Nicolai Müller war mit fünf Toren und sieben Vorlagen bester HSV-Scorer - und einer der wenigen Lichtblicke

Im Sturm sieht es dagegen mau aus: Bobby Wood, trotz seiner schlechten Rückrunde bei anderen Bundesligisten begehrt, möchte den nächsten Karriereschritt machen und wechseln. Luca Waldschmidt und Michael Gregoritsch sind allenfalls Talente, nicht mehr.

Insgesamt fehlt es im Team an Führungsfiguren, die ihre Mitspieler konstant mit guten Leistungen mitreißen können. Torwart René Adler war die halbe Saison verletzt und wird wechseln. Innenverteidiger Johan Djourou, Anfang der Saison noch Kapitän, war ein steter Unsicherheitsfaktor. Im April wurde der Schweizer von Gisdol in die 2. Mannschaft verbannt und hat keine Zukunft mehr beim HSV. Gleiches gilt wohl auch für Pierre-Michel Lasogga, der seit Monaten seiner Form hinterherläuft, oft verletzt ist und für diesen geringen Ertrag viel zu viel verdient. Die anderen erfahreneren Spieler Aaron Hunt, Holtby oder Müller spielen mal erstklassig, mal tauchen sie unter. Hunt war darüber hinaus noch nie der Schnellste und ist recht verletzungsanfällig.

Nur gezielte Verstärkungen

Mannschaft des HSV im Trainingslager (picture-alliance/dpa/I. Wagner)

Hoffnungsfroh? Todt (l.) und Bruchhagen (r.)

Das gesamte Gerüst der Mannschaft ist ein Ergebnis des jahrelangen Vor-sich-hin-Wurschtelns der mittlerweile entlassenen Sportdirektoren und Vorstände. Es muss dringend renoviert werden. Sinnvoll wäre sogar, tragende Bauteile komplett auszutauschen. Soll heißen: Todt und Bruchhagen müssen ihren Kader auf allen Positionen verstärken. Allerdings sind sie dazu finanziell gar nicht in der Lage und abhängig von den Zuwendungen des Mäzens Kühne. Nur wenn er weitere Millionen spendiert, sind namhafte Neuzugänge möglich, beziehungsweise können Spieler, die die Mannschaft tatsächlich besser machen, von einem Engagement beim HSV überzeugt werden. "Wir wollen Spieler, bevor sie ihren Leistungszenit erreicht haben", sagte Todt im "Kicker". Auf Innenverteidiger Neven Subotic trifft das zwar nicht zu, dennoch steht der Serbe neben Papadopoulos auf dem Wunschzettel für die Abwehr. Subotic soll mit seiner Klasse und Erfahrung eine Stütze des neuen HSV werden. Doch er alleine wird nicht reichen.

"Wir müssen kluge Entscheidungen treffen, wir brauchen eine hungrige Mannschaft", sagte Gisdol am Sonntagabend im "Sportclub" des NDR-Fernsehens. Dabei gehe es nicht darum, "wahnsinnig viel zu verändern". Manchmal reiche es auch, wenige gezielte Veränderungen vorzunehmen, so Gisdol: "Da reichen oft vier bis fünf Positionen im Kader." Eine Aussage, wie sie so oder so ähnlich auch in den vergangenen Jahren schon aus Hamburg zu hören war. So sagte Beiersdorfer im vergangenen Sommer auf der HSV-Mitgliederversammlung: "Neue Spieler müssen ins sportliche Konzept und die wirtschaftliche Gesamtlage passen. Wir werden den Kader gezielt verstärken."

Offenbar ein gewohntes Konzept beim Hamburger SV - allein, gefruchtet hat es bislang noch nicht.

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