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Nahost

Hinter dem Schleier - und davor

Die Stellung von Frauen in islamischen Ländern scheint auf den ersten Blick überall gleich. Theologisch lässt sich ein durchgängiges Frauenbild im Islam aber nicht begründen. Dafür sorgen vor allem die Frauen selbst.

Muhammad Salih al-Munajjid ist noch nicht allzu alt. Doch die religiösen Gutachten des 1960 als Sohn palästinensischer Flüchtlinge in Syrien geborenen und seit Jugendzeiten in Saudi-Arabien lebenden Religionsgelehrten lesen sich wie Dokumente aus längst vergangener Zeit.

Diese veröffentlicht er auf "islamqa.info", einer der populärsten salafistischen Websites in der arabischen Welt. Dort bittet zum Beispiel ein junger Mann um eine Antwort auf eine ihm schwierig erscheinende Frage: Wie steht es um die vielen "Sklavinnen", die sich in seiner Heimat, in Saudi-Arabien, aufhielten? Ob man mit ihnen Geschlechtsverkehr haben dürfe? Und zwar auch dann, wenn man verheiratet sei? Was der Fragesteller unter einer "Sklavin" versteht, erläutert er nicht eigens - er setzt es als bekannt voraus. In Saudi-Arabien sind damit die im Lande arbeitenden Hausmädchen aus Südostasien gemeint.

"Der Konsens der Gelehrten"

Der Religionsgelehrte kennt die Antwort: "Der Islam erlaubt einem Mann, Geschlechtsverkehr mit einer Sklavin zu haben, ganz gleich, ob er mit einer oder mehreren Frauen verheiratet oder ob er ledig ist." Zur Begründung führt der Gelehrte Koran-Passagen, die Biographie des Religionsstifters Mohammed wie auch die Meinungen führender Scheichs an. "Die Gelehrten", fasst er die Diskussion zusammen, "stimmen einheitlich in dieser Einschätzung überein, und es ist niemandem zu erlauben, dies als verboten zu betrachten oder es zu verbieten. Wer immer dies tut, ist ein Sünder, der sich gegen den Konsens der Gelehrten richtet."

Der extremistische Fernsehprediger Muhammad Salih Al-Munajjid (Foto: Youtube)

Der extremistische Fernsehprediger Muhammad Salih Al-Munajjid

Die Fatwa zur sexuellen Verfügbarkeit der eigentlich nur zur Hausarbeit nach Saudi-Arabien gekommener Asiatinnen ist nur eine im Universum der vielen Fatwas, die saudische Religionsgelehrte Tag für Tag im Hinblick auf Frauen veröffentlichen. Allein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, schätzt die an der London School of Economics lehrende Ethnologin Madawi al-Rasheed, haben saudische Religionsgelehrte über 30.000 Fatwas erlassen. Ehe, Körperpflege, medizinische Fragen - kein Bereich, in den die frommen Männer mit ihren Gutachten nicht eindringen.

Der Schleier als Symbol

Die von den ultrakonservativen Wahhabiten dominierte religiöse Szene Saudi-Arabiens bildet den einen Pol der kaum überschaubaren Diskussion um die Stellung der Frauen im Islam. An ihrem anderen Ende stehen die Frauen selber - oft säkulare oder islamische Feministinnen, deren Antworten sich von denen der Wahhabiten diametral unterscheiden.

Koranexemplar (Foto: AFP)

Vielfältig auslegbar: der Koran

Einig sind sich die beiden Gruppen nur in einem Punkt: Der Umgang mit Frauen ist im Islam von zentraler Bedeutung. Stärker denn je, schreibt die tunesische Feministin und Historikerin Sophie Bessis, suchten islamische Theologen dem Nahen Osten eine religiöse Identität unterzuschieben.

Diese Identität sei auf Zeichen und Symbole angewiesen, die sich in den traditionell gekleideten Musliminnen widerspiegelten. "Identität = Religion = verschleierte Frau, das ist das Triptychon, das die islamistischen Bewegungen den Arabern vorschlagen, und das diese ohne nennenswerte Schwierigkeiten übernommen haben", schreibt Bessis in ihrem Buch "Les Arabes, les femmes, la liberté" ("Die Araber, die Frauen, die Freiheit").

Seit Jahren ist der Schleier eines der Zeichen, das Muslime wie Nicht-Muslime am stärksten mit dem Islam assoziieren. Zeichen sind aber vieldeutig. Wofür also könnte der Schleier stehen? In den vergangenen Jahren haben einige westliche Feministinnen in ihm ein Symbol weiblicher Emanzipation sehen wollen.

"Frauen in Burkas werden wenigstens nicht auf Grundlage ihres Aussehens beurteilt", schreibt die australische Essayistin Helen Razer. Die marokkanisch-stämmige, am Smith-College in Massachusetts lehrende Kulturwissenschaftlerin Ibtissam Bouachrine widerspricht. Der Schleier habe eine ganz andere Funktion, schreibt sie in ihrem Buch "Women in Islam. Myths, Apologies, and the Limits of Feminist Critique". "Als 'mobiles Heim' erinnere der Schleier immer wieder daran, dass der natürliche Platz der Frau das Haus sei."

Die Islamwissenschaftlerin Amina Wadud (Foto: Abderrahmane Ammar)

Die Islamwissenschaftlerin Amina Wadud

Feministische Lesarten des Korans

Doch muss es strenggläubigen Muslimen wirklich darum gehen, ihre Frauen und Töchter im Haus oder, wenn das nicht möglich ist, sie zumindest hinter einem Schleier zu halten? Islamische Feministinnen bestreiten das. Anders als säkulare Frauenrechtlerinnen argumentieren sie auf Grundlage des Korans - und klopfen ihn auf verschiedene und vor allem den Belangen der Frauen entsprechende Deutungsmöglichkeiten ab.

Man könne, schreibt etwa die in den USA lehrende Islamwissenschaftlerin Amina Wadud, den Koran heute nicht auf die gleiche Weise verstehen wie zur Zeit seiner Niederschrift.

Das gelte auch für das Verständnis der Verschleierung. Zur Entstehungszeit des Korans, schreibt Wadud in ihrem Buch "Quran and Woman", seien die Frauen reicher Stämme durchaus verschleiert gewesen. Die Verschleierung deutet sie aber auf ungewohnte Weise, nämlich als Zeichen der Bescheidenheit. Daraus folgert sie: "Der Koran betrachtet Bescheidenheit als Tugend. Ihm kommt es auf das Prinzip der Bescheidenheit an - und nicht auf die Verhüllung und die Absonderung der Frau. Diese sind nur spezifischen Umstände der damaligen Zeit."

Der Islam kennt keine übergreifende theologische Hierarchie. Zahlreiche Auslegungen stehen nebeneinander, variieren je nach Region, konfessionellen Varianten, sozialen Gruppe und teils auch - so etwa im Fall der teils hochbezahlten Wahhabiten in Saudi-Arabien - persönlichen Interessen. Das macht theologische Fragen kompliziert, hält sie aber auch in Bewegung. Das gilt auch und gerade für Frauenfragen, der auf den ersten Blick eindeutigen Situation zum Trotz.

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