1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Halbzeit beim Festival in Cannes

Gemischte Reaktionen haben die Filme des Wettbewerbs bei der 67. Ausgabe des Festivals bisher hervorgerufen. Am Roten Teppich gab es den üblichen Trubel. Abseits der Konkurrenz wurde auch politisches Kino gezeigt.

Das Filmfestival von

Cannes

mag die wichtigste Bühne der Welt für Glanz und Glamour sein. Trotzdem sind auch alle Krisen und Kriege, die gerade stattfinden, mit Filmen vertreten. Das

Festival

gibt sich in diesem Jahr extrem politisch. Meist mit Dokumentarfilmen: zum Beispiel über die Majdan-Revolte in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ("Majdan" von Serguei Loznitsa) und mit einer Handyfilmkompilation ("Silvered Water" von Ossama Mohammed) über das Leben in Syrien - aktuell und ergreifend.

Ein Film aus Mauretanien

In den

Wettbewerb

schaffte es sogar ein beeindruckender Spielfilm über die islamistische Herrschaft in Mali, die 2013 von den Franzosen beendet wurde. Der mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako brach auf der Pressekonferenz nach der Premiere in Cannes in Tränen aus und beweinte so das Leid der Opfer.

Cannes Film Festival 2014 Abderrahmane Sissako Film Timbuktu (Foto: Reuters Eric Gaillard)

Ergriffen: Abderrahmane Sissako

"Timbuktu" heißt der afrikanische Film, der die blutige Herrschaft der aus dem Norden eingesickerten Djihadisten schildert und doch alle Seiten zu ihrem Recht kommen lässt. Die Islamisten sind keineswegs nur blutige Draufgänger. Sie haben durchaus ihre Regeln, aber für den Viehhirten Kidane und für viele andere wird ihre Herrschaft zum Schicksal. Im Zorn über den Tod seiner Kuh hat Kidane einen Fischer am Fluss totgeschlagen. Das Blutgeld von 40 Kühen kann er nicht zahlen. Auch verzeiht ihm die Familie des Opfers nicht. Inzwischen fahnden die bewaffneten Banden der Islamisten nach Musik, die verboten ist und nach anderen Verstößen gegen die Scharia, die mit Peitschenhieben oder sogar Steinigung bestraft werden.

Cannes Filmfestival 2014 Filmpräsentation TIMBUKTU (Foto: Getty Images AFP)

Abderrahmane Sissako und sein Team auf dem Roten Teppich

Trotz seines ernsten Themas hat dieser Film viel Poesie und sogar Humor. Wenn etwa die Jugendlichen mit Messi-Trikots und Zinedine-Zidane-Verehrung ein Fußballspiel ohne Ball zelebrieren oder wenn einer der Islamkämpfer, ein Zweifler, in einem verbotenen Tanz seinen Frust ausdrückt. Der Film ist bei aller Tragik eine Hommage an die Überlebenskräfte der einfachen Menschen. Außerdem ist "Timbuktu" die zu begrüßende Rückkehr des afrikanischen Kinos zum Festival nach Cannes.

Viele Stammgäste an der Croisette

Abderrahmane Sissako war zum ersten Mal dabei im Wettbewerb um die Goldene Palme. Die meisten Filme stammen dagegen von den "üblichen Verdächtigen", von denen, die schon seit Jahren mit ihren Filmen im Wettbewerb vertreten sind. Mike Leigh eröffnete den Reigen der Veteranen mit seiner Filmbiographie "Mr. Turner", in dem es um den epochalen Meister der Landschaftsmalerei, William Turner, geht. Leigh schildert das Leben des Meisters als nuancenreiches Fresko. Nicht nur dessen Auftritte in der Öffentlichkeit. Auch sein ausbeuterisches Verhältnis zu seiner devoten Haushälterin Hannah und sein Doppelleben mit Geliebter und Zimmer am Meer.

Cannes Filmfestival 2014 Filmszene MR. TURNER (Foto: Festival)

Timothy Spall als Maler William Turner

Immer wieder zelebriert Leigh in "Mr. Turner" lustvoll Szenen, in denen der Maler, kongenial gespielt von Timothy Spall, die Stilmittel seiner Kunst entdeckt - das spezielle Licht und die immer mehr verschwimmenden Konturen. Rastlos begibt er sich auf die Suche nach immer neuen Landschaftsmotiven. In seinem Leben ist Turner ein eher schwieriger Charakter. Er ist egozentrisch und oft schwer erträglich. Er grunzt und rülpst, ist eher Urviech als Schöngeist. Mike Leigh - sonst bekannt für den sozialen Realismus seiner Filme - begibt sich mit diesem opulenten Kostümfilm auf eine ganz spezielle und faszinierende filmische Reise in die Vergangenheit.

Anatolische Melancholie und Gesellschaftsporträt

Mehr als drei Stunden nimmt sich der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan Zeit für sein bildkräftiges Gesellschaftsporträt "Winterschlaf" ("Kis uykusu"). Er erzählt die Geschichte eines ehemaligen Schauspielers, der sich ein einsames Hotel in Kappadozien gekauft hat und davon träumt, ein berühmter Schriftsteller zu werden. Seinen Mietern gegenüber ist er aber unerbittlich und schickt schnell den Schuldeneintreiber. Er entpuppt sich als egozentrischer, selbstbesoffener, arroganter Misanthrop.

Cannes Filmfestival 2014 Filmszene WINTER SLEEP (Foto: Festival)

Weite Landschaften: Szene aus "Winterschlaf"

Nuri Bilge Ceylan findet für seine Geschichte immer neue symbolträchtige Kinobilder, beschwört melancholische Stimmung herauf und ähnelt in seiner ruhigen Erzählweise in vielfacher Hinsicht dem großen griechischen Regisseur Theo Angelopoulos. Auch der war trotz der sehr speziellen, fast elitären Ästhetik seiner Filme ein gnadenloser Gesellschaftskritiker. Zu den aktuellen Ereignissen in der Türkei nimmt Ceylan allerdings nicht direkt Stellung. Eher wird der Zustand der türkischen Gesellschaft in der Gefühlsverwirrung der Hauptakteure widergespiegelt. Ein großer und reicher Film.

Nuri Bilge Ceylan befindet sich damit neben Mike Leigh ganz klar auf Kurs

Goldene Palme

, die in diesem Jahr schon am nächsten Samstag verliehen wird.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links