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Europa

"Griechenland braucht einen Schuldenschnitt"

Ein neuer Schuldenerlass und weitere Reformen - nur so kann Griechenland aus der Krise kommen, glaubt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Deutsche Welle: Herr Fratzscher, Sie plädieren für einen weiteren drastischen Schuldenschnitt für Griechenland. Wie stellen Sie sich das vor?

Marcel Fratzscher: Uns muss bewusst sein, dass die griechische Staatsverschuldung nach wie vor viel zu hoch ist. Die griechischen Staatsschulden sind nicht nachhaltig. Die Frage ist deshalb: Wie können wir wieder zu einem nachhaltigen Modell zurückkommen? Über eine weitere Erleichterung der Kreditkonditionen, also längere Laufzeiten und niedrigere Zinsen, können wir nicht mehr viel erreichen.

Deshalb müssen wir überlegen, wie wir diese Nachhaltigkeit gewährleisten können, damit der griechische Staat wieder funktionieren und agieren kann. Gleichzeitig ist es den europäischen Partnern wichtig, dass die Vorgaben, zu denen Griechenland sich verpflichtet hat, auch in Zukunft eingehalten werden. Die Herausforderung besteht darin, hier die Balance zwischen beidem zu finden.

Ein Schuldenschnitt also nur unter der Voraussetzung, dass Griechenland den Reformkurs weiterhin verfolgt?

Ja. Die europäischen Partner möchten von der nächsten griechischen Regierung die Zusage haben, dass sie den Reformkurs fortsetzt. Griechenland hat noch einige Reformen vor sich. Das Land hat bereits sehr, sehr viel gemacht, aber die staatliche Institutionen müssen noch verbessert werden. Man muss dass Land wettbewerbsfähiger machen, den Unternehmen muss geholfen werden, wieder mehr zu investieren. Es wird wichtig sein für die europäischen Partner, dass Griechenland seine Versprechen auch wahr macht.

Könnten der Euroraum und Deutschland einen drastischen Schuldenerlass verkraften?

Wie groß die Umstrukturierung sein wird und wie viel von den Staatsschulden abgeschrieben werden soll, müssen die Experten ausarbeiten. Für mich ist klar, dass die Umstrukturierung groß genug sein muss, denn noch einmal: Wir wollen nicht eine kleine Lösung, bei der man in zwei oder drei Jahren wieder dasselbe Problem hat. Sicherlich kann Europa das verkraften.

Es geht darum, zu helfen, aber es wird natürlich auch eine Gegenleistung gefordert. Diese Gegenleistung muss heißen: den Reformkurs fortsetzen und nicht wieder rückgängig machen. Ich glaube, das ist der wichtige Punkt. Nur wenn die griechische Wirtschaft sich erholt und Wachstum generiert, wenn Menschen wieder in Beschäftigung kommen und gute Einkommen erzielen, nur dann wird sich Griechenland von der Krise erholen und auch nur dann werden die griechischen Staatsschulden in der Zukunft nachhaltig sein.

Diese zwei Elemente sind essentiell für Griechenland: die Staatsschulden zu reduzieren und gleichzeitig den Reformkurs fortzusetzen, so dass die Menschen endlich wieder in Beschäftigung kommen und Einkommen haben.

Die Bundesregierung steht einem weiteren Schuldenschnitt sehr kritisch gegenüber. Welche Verhandlungsspielräume gibt es da? Was erwarten Sie konkret?

Meine Erwartung ist, dass die europäische Politik mit der nächsten griechischen Regierung in Verhandlung treten wird, egal wer diese Regierung bildet, auch wenn das Herr Tsipras ist. Man muss dann genau überlegen, wie man das gemeinsame Ziel, Griechenland aus der Krise herauszuführen, am besten bewerkstelligen kann. Ich erwarte einen sehr konstruktiven Ansatz von allen europäischen Partnern, auch von der deutschen Bundesregierung.

Wie kommentieren Sie die Grexit-Diskussion, also die Diskussion über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone?

Die Diskussion um Grexit ist schädlich, vor allem für Griechenland. Ohne den Euro würde Griechenland in eine noch viel tiefere Depression verfallen, als es ohnehin schon der Fall ist.

Man kann sich leicht ausmalen, was passieren würde, wenn Griechenland auf eine neue Drachme umstellen und die Währung Euro aufgeben würde: Man hätte sofort nicht nur einen Staatsbankrott, sondern man hätte auch eine massenhafte Insolvenzwelle bei griechischen Banken und bei fast allen griechischen Unternehmen.

Die Arbeitslosigkeit würde deutlich ansteigen, die Einkommen würden deutlich sinken. Außerdem würde eine galoppierende Inflation die Kaufkraft der Verbraucher in Griechenland schwächen. Ich bin davon überzeugt, dass ein Euro-Austritt Griechenland die nächsten fünf Jahre massiv schädigen würde.

Europa könnte einen Austritt Griechenlands leichter verkraften, aber er würde auch Kosten haben für Europa. Von der ökonomischen Perspektive her wünscht sich niemand, dass Griechenland austritt. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass die Hauptleidtragenden eines Grexit mit Sicherheit die griechischen Bürger wären.

Was wird passieren, wenn Alexis Tsipras, der heutige Oppositionsführer und Chef der linksradikalen Syriza, die Wahlen gewinnt, aber den Reformkurs stoppt?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Reformkurs nicht fortgesetzt würde. Griechenland muss sich bewusst sein, dass die griechische Regierung und die Banken nach wie vor am Tropf Europas hängen. Sie sind abhängig von den Hilfen. Die griechischen Banken könnten ohne die Hilfskredite der EZB, der Europäischen Zentralbank, nicht überleben. Das können sie im Augenblick nur, weil die EZB griechische Staatsanleihen und Garantien weiterhin akzeptiert.

Wenn der Reformkurs nicht fortgesetzt wird, dann wird es für griechische Banken extrem schwierig zu überleben. Die griechische Regierung, auch eine Regierung unter Herrn Tsipras, wird sicher nicht in einer starken Verhandlungsposition sein. Wenn sie die Wirtschaft und die Menschen in Griechenland schützen will, wird sie den Reformkurs fortsetzen. Ich sehe da keine Alternative.

Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Professor für Makroökonomie und Finanzen an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied des Beirats des Bundesministeriums für Wirtschaft.

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