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Deutschland

Graffiti: zwischen Kunst und Kriminalität

Teil der Kultur oder doch nur Vandalismus? Über Graffitis herrscht ein erbitterter Streit zwischen Hausbesitzern und Sprayern. In Bonn wirbt jetzt ein Künstler für gegenseitiges Verständnis.

Das Alien ist grün, schleimig, hat haifischzahnscharfe Beißer - und grinst. Diabolisch? Ein wenig debil? Das mag Ansicht des Betrachters sein. Vielleicht ist es jedoch auch einfach ein Gesichtsausdruck höchster Zufriedenheit. Denn dieser Außerirdische ist ein "legales Alien" - mit voller Daseinsberechtigung als Graffiti auf einer eigens dafür vorgesehenen Mauer am Haus der Jugend in der früheren deutschen Hauptstadt Bonn.

Aber Bonn hat ein Problem - mit illegal gesprühten Gestalten oder Schriftzügen: Graffiti an Hauswänden, freistehenden Schaltkästen oder unbeobachteten Unterführungen. Rund 90.000 Euro gibt die Stadt im Jahr für das Entfernen nicht genehmigter Graffitis aus; ein Wert, der sich in den vergangenen Jahren konstant gehalten hat, sagt Siegfried Hoss. Er ist beim städtischen Gebäudemanagement der Beauftragte für Graffiti, Schadstoffe und Sonderaufgaben. Hoss ist Mitorganisator der aktuellen städtischen Aktionswoche gegen illegale Graffiti. Mit deren Verursachern geht er hart ins Gericht: "Das ist eine Straftat, eine Sachbeschädigung fremden Eigentums."

Siegfried Hoss, Beauftragter für Graffiti, Schadstoffe und Sonderaufgaben vom Städtischen Gebäudemanagement der Stadt Bonn informiert Bürger während der Aktionswoche gegen illegale Graffiti und Farbschmierereien (Foto: Andreas Grigo/DW)

Hoss: Illegale Graffitis sind eine Strafttat

Schaden in Millionenhöhe

Hoss nennt ein Beispiel: die bei Graffiti-Künstlern beliebten grauen Verteilerkästen von Post, Telekom und anderen Unternehmen. "Bei so einem städtischen Stromkasten kommen auf den Sprayer fürs Entfernen Kosten zwischen 200 und 300 Euro zu." Oder, für diejenigen, die nicht zahlen können: Sozialstunden. "Das hatten wir auch schon", sagt Hoss. "Die mussten dann mitreinigen, um zu sehen, welch eine Arbeit das ist."

Eine "Ordnungspartnerschaft" zwischen der Stadt, Polizei und Bundespolizei, Deutscher Bahn und örtlichen Vereinen soll jetzt vor allem durch gemeinsamen Erfahrungsaustausch im Kampf gegen illegales Graffiti in Bonn helfen. Bundesweit belaufen sich die Schäden für die Kommunen laut Deutschem Städtetag auf jährlich rund 200 Millionen Euro. Doch ist behördliches Vorgehen in diesem Fall tatsächlich der beste Weg?

Legal: oft schöner, meist haltbarer

Ortswechsel: eine Fußgängerunterführung nahe des Bertha-von-Suttner-Platzes in der Bonner Innenstadt. Lange, unbeobachtete Wände und mittig: das überlebensgroße, markante Gesicht eines bekannten Sohnes der Stadt - ein Konterfei, das nicht nur aufgrund seines üblicherweise ernsten Gesichtsausdruckes und üppiger Haarpracht weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist: Ludwig van Beethoven, im Stil eines klassischen Portraits, jedoch ebenfalls: Kunst aus der Dose, produziert im Auftrag der Stadt.

Das Entfernen von Graffiti ist oft nur mit einem Hochdruckreiniger möglich (Foto: Andreas Grigo / DW)

Auf die Technik kommts an: Ab geht's am besten mit vorheriger Schutzschicht und Hochdruckreiniger

Satte Farben und ein dunkler Hintergrund lassen das Gemälde edel wirken. Derartige "Auftragsgraffitis" könnten andere Sprayer davon abhalten, sich an diesen Orten verewigen zu wollen, sagt der Künstler, Benjamin Sobala. Ein weiteres Beispiel sei ein nahegelegener Busbahnhof: "Den haben wir vor gut drei Jahren bemalt, und der ist bis heute von Schmierereien verschont geblieben."

Sobala ist seit Jahren passionierter Graffiti-Künstler - und soll nun im Auftrag der Stadt für mehr Verständnis zwischen Sprayern und Kommune sorgen. In Workshops informiert er über legale Möglichkeiten für Graffiti-Kunst. Dabei sieht er selbst das Verhalten der Stadt Bonn durchaus kritisch, wenn es darum geht, Spray-Flächen zur Verfügung zu stellen: "Wenn ich Bonn mit Köln vergleiche, so hat Köln sehr viele legale Flächen, viele davon bereitgestellt von Gewerbeinhabern. Das finde ich ein bisschen schade, dass das hier nicht so ist." Gerade dies sei nämlich eine Möglichkeit, die Massen an illegalen Graffitis zu reduzieren.

Psycho-Tricks für Geschädigte

Shamsia Hassani, 25, zeichnet ein Graffiti am Französischen Kulturzentrum in Kabul (Foto:SHAH MARAI/AFP/Getty Images)

Shamsia Hassani: Graffiti in Afghanistan als politisches Statement gegen Unterdrückung von Frauen

Eine Möglichkeit, von der man in Bonn nicht überzeugt ist, so Hoss von der Stadtverwaltung: "Irgendwo ist diese legale Fläche ja mal zu Ende. Und der nächste, der kommt, meint: 'Aha, hier ist ja gesprüht, dann kann ich ja da am nächsten Gebäude weitermachen.' Und schon haben wir wieder eine Straftat."

Sind erstmal unliebsame Graffitis an der Wand, so gilt es laut Sobala gleich zu handeln. "Möglichst schnell wegmachen, sonst sehen die Sprayer sich in ihrem Handeln bestätigt." Sein Tipp: "Es gibt mittlerweile auch Anti-Graffiti-Lack, der 50 Mal abwaschbar ist. Das hilft natürlich auch."

Geier, Burkas und Bananen

Die Motivation der illegalen Sprayer reicht vom Vandalismus über hehre Kunstgedanken bis hin zum politischen Aktivismus. Während so genannte "Tags", also Namenskürzel, auch in den Augen vieler Graffitimaler nichts weiter als Schmierereien sind, so gibt es zahllose andere Beispiele, deren Status unklar ist: Die Bananengraffitis des deutschen Künstlers Thomas Baumgärtel zum Beispiel schmücken mittlerweile über 4000 Hauseingänge und Galerien.

In Leipzig wurde Blek le Rats "Madonna mit Kind" regelrecht restauriert und steht mittlerweile unter Denkmalschutz. In Afghanistan setzt sich die Künstlerin Shamisa Hassani mit Graffitis von vergitterten blauen Burkas gegen die Unterdrückung von Frauen ein, und in Nairobi sprühen Aktivisten Geier-Graffitis an die Häuser vermeintlich korrupter Politiker.

Grund genug für Benjamin Sobala, zunächst einmal jedes Graffiti als Kunst zu bezeichnen. Aber, so sagt er: "Ich setze mich für legales Malen ein, weil ich selber als Eigentümer weiß, dass es nicht schön ist, wenn man auf seinen Jahresurlaub verzichten muss, um sein Haus neu zu streichen."

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