Grütters kritisiert Übermalung von Gedicht als ″Kulturbarbarei″ | Aktuell Deutschland | DW | 24.01.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Lyrik

Grütters kritisiert Übermalung von Gedicht als "Kulturbarbarei"

Kulturstaatsministerin Grütters hat die Beseitigung eines Gedichts von Eugen Gomringer an einer Berliner Hochschulfassade als Unterhöhlung der Kunstfreiheit gegeißelt und vor einem "gefährlichen Spiel" gewarnt.

In scharfen Worten hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Übermalung eines als sexistisch kritisierten Gedichts von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin gerügt. "Kunst und Kultur brauchen Freiheit, sie brauchen den Diskurs, das ist eine der wichtigsten Lehren aus der Geschichte", erklärte Grütters. Wer dieses Grundrecht durch vermeintliche political correctness unterhöhle, betreibe ein gefährliches Spiel. "Die Entscheidung des Akademischen Senats der Alice Salomon Hochschule, das Gomringer-Gedicht zu übermalen, ist ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei."

Das Gremium zur akademischen Selbstverwaltung hatte am Dienstag beschlossen, das 20 spanische Worte umfassenden Werk aus dem Jahre 1951 im kommenden Herbst im Rahmen einer Renovierung durch ein Gedicht der Lyrikerin Barbara Köhler zu ersetzen. 

Monika Grütters (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Monika Grütters

Das Gedicht "Avenidas" war im Frühjahr 2016 vom Studierendenparlament (StuPa) und dem Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) kritisiert worden. In einem offenen Brief rügten die Studentenvertreter, das Gedicht würdige Frauen zu Objekten männlicher Bewunderung herab und erinnere "unangenehm an sexuelle Belästigung". Dabei ging es um den in spanischer Sprache geschriebenen Satz "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". 

Künftig soll die 240 Quadratmeter große Südfassade der Hochschule im Bezirk Hellersdorf alle fünf Jahre neu gestaltet werden. Dies war nach Angaben der Hochschulleitung das Ergebnis einer Studentenbefragung.

Eugen Gomringer (Imago/VIADATA)

Eugen Gomringer

Der Axel Springer Verlag stellte das Gedicht unterdessen in spanischer Sprache auf das Leuchtband an seiner Fassade. "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt erklärte, dies richte sich "gegen den Irrsinn der Gedichtübermaler und Kunstfreiheitsgegner". 

Die aktuelle Poetik-Preisträgerin der Hochschule, Barbara Köhler, verteidigte die Ersetzung von "Avenidas" durch eines ihrer Gedichte. Wenn die Studierenden "patriarchale Denkmuster" in dem Gedicht entdeckten und sie sich deshalb in ihrem schulischen Umfeld nicht wohl fühlten, sei dies zu akzeptieren. Die Lesart der Studierenden sei eine von vielen, aber dennoch legitim, sagte die Lyrikerin dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Ich finde es abenteuerlich, die Entscheidung als Zensur zu bezeichnen. Niemand will den Text verbieten und niemand will ein Buch einstampfen." 

2011 hatte die Hochschule Gomringer mit dem Alice Salomon Poetik Preis ausgezeichnet. Zur Ehrung wurde damals sein Gedicht an einer Fassade der Fachhochschule angebracht.

stu/sam (afp, dpa, epd)
 

Die Redaktion empfiehlt