1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bücher

Streit um Gomringer-Gedicht an Berliner Hochschulfassade

Macho-Poesie oder nicht? Um ein Gedicht des Schriftstellers Eugen Gomringer ist in Berlin eine Sexismus-Debatte entbrannt. Jetzt hat sich auch PEN-Präsidentin Regula Venske zu Wort gemeldet.

Das umstrittene Gedicht mit dem Titel "avenidas" lautet auf Deutsch: "Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer." Der bolivianisch-schweizerische Dichter Eugen Gomringer hat es 1951 verfasst. Gomringer, inzwischen 92 Jahre alt, gilt als Begründer der Konkreten Poesie und "avenidas" als eines ihrer Schlüsselwerke. 

Die Berliner Alice Salomon Hochschule hatte ihn 2011 mit dem "Alice Salomon Poetik Preis" ausgezeichnet. Daraufhin hatte er "avenidas" gegen eine Gebühr zur Verfügung gestellt, wie der "Spiegel" berichtet. Es wurde noch im selben Jahr auf die Südfassade der Hochschule gemalt. "Wir sind uns sicher, dass die Strahlkraft des Kunstwerkes weit über unsere Hochschule hinausgeht", sagte die damalige Rektorin Theda Borde.

Der Dichter Eugen Gomringer (Imago/VIADATA)

Sein Gedicht ist umstritten: Der Dichter Eugen Gomringer (2015)

Offener Brief des AStA

Das sah offenbar nicht jeder so: Im April 2016 verfasste der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) einen offenen Brief an das Rektorat der Hochschule. Darin kritisieren die Studierenden die Funktion des Gedichts als offizielles Aushängeschild ihrer Hochschule: "Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen alltäglich ausgesetzt sind."

Kurz darauf beantragte der AStA beim Akademischen Senat die Übermalung des Textes. Nach einer Empfehlung des Senats entschloss die Hochschulleitung sich dann, auf die Wünsche der Studierenden einzugehen. "Die Hochschulleitung möchte das Gedicht gern erhalten und durch eine Erweiterung in einen anderen Kontext rücken", erklärt Rektor Uwe Bettig auf der Homepage der Hochschule. Nun sind noch bis Mitte Oktober alle Hochschulangehörigen aufgerufen, Vorschläge einzureichen. Denkbar sei auch eine weitere Strophe. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" räumt Rettig allerdings ein, dass dieser Aufruf zur Umgestaltung als Diskrimierung des Künstlers angesehen werden könne. 

PEN-Präsidentin Venske erinnert Studierende an den Bildersturm

Regula Venske, Präsidentin PEN-Zentrum Deutschland (picture-alliance/dpa/B. Thissen)

Findet klare Worte: PEN-Präsidentin Regula Venske

Jetzt hat sich die Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland in die Debatte eingeschaltet und das Handeln des AStA als "barbarischen Schwachsinn" bezeichnet. In einer Stellungnahme auf ihrer Website fordert Regula Venske Leitung und Studierende der Hochschule dazu auf, sich "mit allem Nachdruck" für den Erhalt des Gedichts einzusetzen: "Wir sind zutiefst beunruhigt über eine Entwicklung, die darauf abzielt, der Kunst einen Maulkorb vorzuspannen oder sie gar zu verbieten." Die Studierenden sollten sich mit "dem Phänomen der Bilderstürmerei in Vergangenheit und Gegenwart" auseinandersetzen, rät Venske. Die Leitung der Hochschule fordert sie auf, "unberechtigten und auf Missverständnissen, gar Unverständnis beruhenden Forderungen nicht opportunistisch Folge zu leisten."

Eugen Gomringers entspannte Antwort

Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer, Tochter des Dichters und selbst Lyrikern, hat sich in einem unterhaltsamen Clip auf Facebook zu Wort gemeldet. Sie weist darauf hin dass auch der im Gedicht genannte "Bewunderer" von außen betrachtet werde und Teil der Aufzählung sei, "nicht

Bachmann-Preisträgerin 2015 - Lyrikerin Nora Gomringer (ORF/Puch Johannes)

Tochter Nora Gomringer setzt sich für ihren Vater ein

ihr Beherrscher. (...) Folgerichtig ist er auch nicht der Macho, vor dem die Frauen paradieren und dessen Urteil sie fürchten müssen." Sie schließt mit dem Wunsch, dass das Gedicht der Stadt Berlin und vor allem für die Alice Salomon Hochschule erhalten bleibe. Denn es verweise darauf, "dass wir verbunden sind in der Welt, wir alle miteinander, und es nur des Wörtchens 'und' bedarf, um uns gedanklich einander anzuschließen."

Eugen Gomringer selbst scheint die Diskussion mit Gelassenheit zu verfolgen. Der Dichter, der in Bamberg lebt, sagte der Süddeutschen Zeitung: "Dass man mit so wenigen Worten so eine Wirkung erzielt, das war immer mein Ziel."

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links