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Kultur

Gottesdienst ohne Pfarrer? Geht auch!

In den beiden großen Kirchen übernehmen immer mehr Ehrenamtliche Aufgaben der Pfarrer. Nicht allen gefällt das. Ist die Zeit der Volkskirche vorbei?

Sonntagsgottesdienst in der evangelischen Zachäusgemeinde in Hannover. Auf der Kanzel steht kein Pfarrer, sondern der Prädikant Gerhard Eibach. Man spürt: Er liebt es zu predigen. Der engagierte Christ, der von Beruf Jurist ist, hatte sich erst zum Lektoren und dann zum Prädikanten fortbilden lassen. Nun darf er predigen und das Abendmahl austeilen.

Serie Zukunft der Kirchen - Gerhard Eibach. Foto: Michael Hollenbach

Gerhard Eibach ist Prädikant - und darf als Laie zur Gemeinde predigen

Die Ehrenamtlichen sind auf dem Vormarsch. In der katholischen wie in der evangelischen Kirche übernehmen sie immer mehr Aufgaben. "Und das ist gut so", sagt Klaus Grünwaldt, Oberlandeskirchenrat in der hannoverschen Landeskirche. "Die Prädikanten bringen als Prediger ihren Alltag, ihre eigene Lebenswirklichkeit mit ein." Das sieht auch Gerhard Eibach so. Er sieht in Laienpredigern eine "große Bereicherung für die Kirche". Als theologischer Laie trägt er beim Gottesdienst einen eigenen "Prädikantentalar" und eine farbige Stola.

Doch das neue Engagement der Ehrenamtlichen löst auch Irritationen aus, bemerkt Andreas Dreyer. Er ist Vorsitzender des Hannoverschen Pfarrvereins. Manche Pastoren fragten schon, was denn noch ihr "Alleinstellungsmerkmal" sei, wenn nun auch die Ehrenamtlichen predigen und das Abendmahl zelebrieren dürfen.

Priestermangel verändert die Kirche

Serie Zukunft der Kirchen - Martin Wrasmann. Foto: Bistum Hildesheim

Beklagt einen Priestermangel in der Kirche Martin Wrasmann vom Bistum Hildesheim

Ähnliche Diskussionen kennt die Katholische Kirche. Martin Wrasmann ist stellvertretender Leiter der Hauptabteilung Pastoral im bischöflichen Generalvikariat in Hildesheim. Dort beklagt man einen dramatischen Priestermangel. "Wir werden ein Pfarrerbild entwerfen müssen", glaubt Wrasmann, "das eher dem des Wanderpredigers entspricht und dann müssen wir den Priester natürlich entlasten." Entlasten bedeutet, dass die Laien mehr Verantwortung übernehmen – auch im Gottesdienst, bei Taufen oder Beerdigungen.

Matthias Sellmann, Professor für Pastoraltheologie in Bochum, sieht den Priestermangel denn auch als Chance: "Die Idee des gemeinsamen Priestertums aller Glaubenden scheint mir auch eine wichtige innere Identitätsfindung zu sein", umschreibt er seine Vermutung. Und meint: Nicht mehr der Priester steht im Mittelpunkt, sondern die Gemeinde als Ganzes.

Teamplayer statt Hochwürden

Vor allem die katholische Kirche steckt mitten in einem Umbruchprozess. Die Zahl der Mitglieder sinkt, die der Priester noch schneller; das Durchschnittsalter der Beschäftigten dagegen steigt. Gemeinden wurden und werden zu Groß-Pfarreien zusammengelegt. Der Priester wandelt nicht länger als Hochwürden daher, sondern empfiehlt sich als Teamplayer. In Hildesheim ist der Wandel der Kirche schon lange ein Thema: Heute gehört das Bistum zu den Vorreitern einer neuen, veränderten Kirche. Kreative Antworten auf den Priestermangel sind gefragt. Und doch "ist die neue Wertschätzung der Ehrenamtlichen aus der Not geboren", räumt Martin Wrasmann ein. Deshalb klingt seine Prognose für die reichen Bistümer wie in Köln auch so: "Dort wird sich nichts ändern. Solange denen das Geld aus den Ohren rauskommt, und die Not nicht spürbar wird, wird auch der Mangel an Gläubigen, der Mangel an Priestern nicht dazu führen, dass es zu notwendigen, auch radikalen Veränderungsprozessen kommt."

„Mich dürfen Sie bestatten“

Serie Zukunft der Kirchen - Pastoraltheologe Matthias Sellmann. Foto: Ruhr-Universität Bochum

Sieht Priestermangel als Chance: Pastoraltheologe Matthias Sellmann

Im Norden sind die Veränderungsprozesse dagegen spürbar. „Liebe Angehörige, werte Trauergemeinde! Der Leib von Christina Menges kehrt nun zum Staub zurück.“ Vor dem Sarg der Verstorbenen steht Modestina Miranda und spricht der Trauergemeinde Trost zu. Nein, eine Priesterin ist sie nicht. Soweit geht die Revolution in der katholischen Kirche (noch) nicht. Modestina Miranda aus dem Dorf Velpke bei Wolfsburg hat sich zur ehrenamtlichen Beerdigungsleiterin ausbilden lassen. Außerdem bereitet sie Taufen vor, hält Wortgottesdienste. Eine Frau, die Priesterfunktionen übernimmt, das war für viele Katholiken gewöhnungsbedürftig, berichtet die Hausfrau: "Gemeindemitglieder, die hier zum Urgestein gehören, waren erst brüskiert. Aber die sagen jetzt: ‚Das haben sie aber wunderbar gemacht. Mich dürfen Sie auch bestatten‘."

Modestina Miranda sieht es als Chance, in der Gemeinde mit Tabus der Amtskirche zu brechen - zum Beispiel die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Velpke liegt weit weg von Rom. "Man darf nicht zu viel fragen", sagt sie, "wer fragt, der kriegt eine Antwort. Wer nicht fragt, kann selber nachdenken und entscheiden." So fragen sie nicht, ob wiederverheiratete Geschiedene oder konfessionsverschiedene Ehen an der Eucharistie teilnehmen dürfen. "Wir machen das einfach."

Wollen die Kirchen sich nicht zurückziehen in eine kleine fromme Wagenburg, müssen sie sich weiter öffnen. Dazu gehört, dass die Bischöfe und die Pfarrer mehr Macht und Verantwortung an die Laien, die Ehrenamtlichen abgeben. So führt der Weg der Kirchen womöglich von einer "Versorgungskirche" zu einer "Beteiligungskirche."