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Kultur

Die Zukunft der Kirche ist freikirchlich

Viele beklagen das langsame Sterben der Volkskirchen in Deutschland. Doch an etlichen Stellen blühen neue Formen von Kirche auf. Ihre Konzepte könnten den Volkskirchen in manchen Punkten als Vorbild dienen.

Trotz seiner inzwischen 88 Jahre ist der emeritierte Theologieprofessor Jürgen Moltmann nicht müde geworden, über die Zukunft der Kirche nachzudenken. "Ich war fünf Jahre lang Pfarrer in einer traditionellen evangelischen Gemeinde in Bremen und habe die Kirche von der Kanzel aus gesehen. Seit 50 Jahren bin ich Laie und sehe die Kirche von unten her. Und diese Perspektive von unten versuche ich den Bischöfen und Brüdern, die von oben gucken, zu vermitteln."

Zu dieser Perspektive gehört die Erkenntnis, dass die evangelische Kirche in Zukunft stark freikirchlich geprägt sein muss, wenn sie überleben will. In einer multireligiösen Gesellschaft würden die Kirchen nicht mehr Volkskirchen sein können, sagt er im DW-Gespräch, "sondern sie werden auf ihren eigenen Füßen stehen müssen". Eine Ansicht, die im übrigen auch andere evangelische und katholische Experten vertreten.

Trend zur "Freiwilligkeitskirche"

Theologe Jürgen Moltmann (Foto: dpa)

Moltmann: "Kirchen werden künftig nicht mehr Volkskirchen sein"

Voraussetzung dafür ist laut Moltmann eine stärkere Beteiligung der Gläubigen. Er ist überzeugt, dass das freiwillige Engagement im Glauben stärker wird: "Ich nehme an, wir werden eine Freiwilligkeitskirche bekommen - und das ist gut so." Abschied also von großen, von oben nach unten strukturierten hierarchischen Einheiten. Stattdessen Gemeinden, die vom Einsatz ihrer Mitglieder getragen und verantwortungsbewusst geleitet werden. Doch wie kann das in der Praxis aussehen?

Das Prinzip der "Freiwilligkeitskirche" setzen die Freikirchen in Deutschland längst um. Während man in der Volkskirche in der Regel schon als Säugling getauft und so Mitglied wird, gibt es in den Freikirchen bewusst die Erwachsenentaufe. So würden nur vom Glauben überzeugte Menschen Mitglied, sagt Ansgar Hörsting, Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF). Die Folge: "In der Praxis finden sie prozentual bei uns mehr Leute, die wirklich an Christus glauben als in den Volkskirchen." Denn dort gebe es Millionen Mitglieder, die seit der Taufe kaum noch Kontakt zu einer Gemeinde unterhalten. In den Freikirchen hingegen seien die Mitglieder mit der Gemeinde stärker verbunden. "Das wirkt sich ausgesprochen positiv auf das gesamte Engagement in der Gemeindearbeit aus", so Hörsting.

Ein Baby wird getauft (Foto: Fotolia)

Die beiden großen Kirchen praktizieren die Kindertaufe - im Gegensatz zu den Freikirchen

Gemeindeleben

Die VEF vereint derzeit 14 freikirchliche Glaubensgemeinschaften mit insgesamt rund 270.000 Mitgliedern. Da Freikirchen im Gegensatz zu den Volkskirchen nicht in den Genuss der Kirchensteuer kommen, sind sie auf freiwillige Mitgliederspenden angewiesen. Hörsting sieht das nicht als Nachteil, sondern als positive Herausforderung: "Wir wollen mit unseren Mitgliedern im Dialog sein und sie bitten müssen und Überzeugungsarbeit leisten müssen, dass sie für die Arbeit spenden."

Dieses Engagement spiegele sich auch im Gottesdienstbesuch wieder: "Wenn eine Gemeinde 300 Mitglieder hat, dann habe ich in der Regel auch 300 Gottesdienstbesucher", sagt der VEF-Präsident.

Bedeutung von Hauskreisen

Ansgar Hörsting (Foto: privat)

Hörsting: "In Hauskreisen wächst der persönliche Glaube"

Je größer die Gemeinden werden, desto wichtiger seien Unterstrukturen, so Hörsting. Hohe Bedeutung misst er Hauskreisen bei - kleinen Gruppen mit rund zehn Personen, die gemeinsam in der Bibel lesen, beten und sich über die Freunden und Sorgen des Alltags austauschen. So könne die Qualität des Miteinanders und vor allem der persönliche Glauben wachsen.

Jürgen Moltann hält solche Gruppen auch in den großen Kirchen für einen wichtigen Weg, um neue Mitglieder zu finden und binden. Mission sei schließlich "keine Diktatur, sondern eine Einladung". Der emeritierte Professor hat diese Strukturen in Südkorea untersucht und festgestellt: "Die deutschen Kirchen sind stark in der Diakonie und schwach in der Mission. Von den koreanischen Kirchen könnten wir lernen, dass Gemeinden selber missionarisch tätig werden müssen, um Menschen einzuladen - nicht durch Missionare, sondern durch die Kirchenmitglieder." Das sei auch in den deutschen Volkskirchen möglich. Und Moltmann geht noch einen Schritt weiter: "Diese Hauskreise könnten gottesdienstliche Funktionen übernehmen."

Kirche von unten neu gestalten

Mission, Wachstum und Veränderung - hier spielen laut Moltmann die Ortsgemeinden eine wichtigere Rolle als die Kirchenhierarchie. Schon im 19. Jahrhundert hätten nicht die Kirchen von oben Mission getrieben, sondern private Verbände und Gemeinschaften von unten. "So etwas wünsche ich mir auch für die Zukunft: dass wieder aus privater Initiative christliche Gemeinschaften und Engagements entstehen."

Freie Evangelische Gemeinde in Dortmund (Foto: Pfarrer Frank-Michael Theuer)

Irgendwie lockerer: Gottesdienst in einer Freien Evangelischen Gemeinde in Dortmund

Deutschlands Freikirchen praktizieren das. Einen dramatischen Rückgang wie bei den Volkskirchen gibt es dort nicht - aber auch längst nicht alle wachsen. In der Summe stagnierten derzeit sogar die Mitgliedszahlen innerhalb der VEF, berichtet Verbandspräsident Hörsting. Hingegen verzeichnen zahlreiche Freikirchen, die außerhalb der VEF stehen, ein deutliches Wachstum. Dazu gehören besonders pfingstlerisch-charismatische Gemeinden, mennonitische Gemeinden von Russlanddeutschen und ganz freie Hausgemeinden, die selten mehr als ein Dutzend Mitglieder haben.

Bis sich ein freikirchlich inspirierter Strukturwandel in den Volkskirchen vollzieht, kann nach Einschätzung von Jügen Moltmann noch ein halbes Jahrhundert ins Land gehen. "Aber", gibt er zu bedenken, "die Geschichte Gottes ist immer voller Überraschungen. Wer das Unverhoffte nicht erhofft, wir es auch nicht finden."