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Kultur

Gerhard Richter zum 80.

Die internationale Kunstwelt ist sich einig: Der am 9. Februar 1932 geborene Maler zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Für die Werke des teuersten lebenden Malers zahlen Sammler Millionen.

Gerhard Richter ist ein genauer Beobachter der Welt. Geboren wird er am 9. Februar 1932 in Dresden als Sohn eines Nazis. Er wächst in der DDR auf, flieht vor dem Kommunismus in den Westen, setzt sich mit den Terroristen der Roten Armee Fraktion auseinander, steigt am Morgen des 11. September 2001 ins Flugzeug nach New York. Richter verarbeitet, was er sieht. In aller Stille. Er spricht selten über seine Kunst. Den Rummel um seine Person schätzt der scheue Maler nicht. Die hohen Preise, die für seine Kunst gezahlt werden, hält er "für genauso absurd wie die Bankenkrise". Das jedenfalls sagte er, als im vergangenen Jahr sein Gemälde "Kerze" für 12 Millionen Euro versteigert wurde. Eine der wenigen öffentlichen Äußerungen des Malers.

Eine Stille geht auch von seinen Gemälden aus. Sie scheinen auf den ersten Blick entrückt. Das Gemälde "Kerze" hat er nach einer Fotovorlage gemalt und dann die frische Farbe mit einem trockenen Pinsel verwischt. Das Motiv wurde in der Kunstgeschichte unzählige Male dargestellt. Trotzdem oder gerade deshalb interessiert es Richter. Die Frage lautet: Wie lässt sich aus der Kerze noch etwas Neues rausholen? Für Kasper König, Direktor des Museum Ludwig, ist die Kerze auf der einen Seite Kitsch und auf der anderen Seite ein Zivlisationssymbol: Sie steht für Leben, Licht, Farbe, Fortschritt und Vergänglichkeit.

Das Bild mit dem Titel «Kerze» von Gerhard Richter (undatiertes Handout). Das Gemälde einer brennenden Kerze von Gerhard Richter hat bei einer Versteigerung des Auktionshauses Christie's in London fast 12 Millionen Euro eingebracht. Das Bild aus dem Jahr 1982 kam am späten Freitagabend (14.10.2011) unter den Hammer und erzielte den höchsten Preis der Herbstauktion von Nachkriegskunst und zeitgenössischen Werken von Christie's. «Kerze» gehört zu einer Serie, die der deutsche Künstler Anfang der 1980er Jahre malte. Es gilt als Symbol für den schweigenden Protest der DDR-Bürger gegen das sozialistische Regime und war seit rund 25 Jahren nicht mehr öffentlich gezeigt worden. Foto: Christie's Images (ACHTUNG: Nur zu redaktionellen Verwendung und im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Auktion und unter Nennung des Autorencredits) + +++(c) dpa - Bildfunk+++

12 Millionen brachte das Gemälde "Kerze" auf einer Auktion 2011.

"Kapitalistischer Realismus"

Kasper König, Direktor des Museum Ludwig, kennt das Werk von Gerhard Richter gut. Er war auch am 11. Oktober 1963 dabei, als sich die Maler Gerhard Richter und Konrad Lueg in den plüschigen Sitzgruppen des Möbelhauses Berges in Düsseldorf herumlümmelten. "Leben mit Pop – eine Demonstration für den kapitalistischen Realismus" heißt ihr legendäres Happening. Auf die Verkaufsfläche, zwischen die Sofas und Sessel, haben Lueg und Richter Bilder gehängt: Sie heißen "Bockwürste auf Pappteller", "Hirsch" oder "Schloss Neu-Schwanstein". Die Künstler sitzen wie Skulpturen auf den Sofas. Lassen sich vom Publikum beobachten. Es gibt Salzstangen, Napfkuchen. Dann stehen sie auf, machen einen Rundgang durch die Abteilungen des Möbelhauses Berges. Kasper König erinnert sich noch daran, wie "miefig-piefig" dort alles aussah. "Wirtschaftswunder auf Kaufhausebene", bezeichnet er die Atmosphäre in dem kurz vorm Konkurs stehenden Möbelgeschäft. "Es war schon damals klar, dass Richter ernsthaft unterwegs war. Er wusste, was er tat", sagt König.

Fotos als Vorlage

1961 emigriert Gerhard Richter von seiner Heimatstadt Dresden in den Westen. Er lässt sich in Düsseldorf nieder. Studiert an der Kunstakademie. Nicht nur die propagandistische Nazi-Kunst, sondern auch die Staatskunst der ehemaligen DDR mit ihren plakativen Botschaften machen es dem Künstler unmöglich, weiterhin uneingeschränkt an die Malerei zu glauben.

Als Konsequenz hängt er Zeitungsfotos neben seine Staffelei und malt sie ab. Anfangs bleibt er noch im Schwarz-Grau-Schema des fotografischen Originals. Später dann ändert er die Technik, arbeitet mit Farbe und Verwischungen. "Ema" – ein Schlüsselwerk aus dem Jahr 1966 – ist das erste selbst aufgenommene Motiv, das er als Vorlage benutzt. Es gehört heute zur Sammlung des Museum Ludwig. "Obwohl es ein Akt ist, hat es überhaupt nichts Pornografisches", sagt Kasper König, der bereits zwei große Ausstellungen mit Richters Werken kuratiert hat.

Aktmalerei neu gedeutet

ARCHIV - Eine Besucherin geht am 03.02.2011 in der Gerhard-Richter-Ausstellung Bilder einer Epoche im Bucerius Kunst Forum in Hamburg am Bild Ema vorbei. Nofretete und Friedrich der Große - die Bundeshauptstadt bietet auch dieses Jahr wieder ein spannendes Ausstellungsprogramm. Foto: Ulrich Perrey dpa/lno (zu dpa-Korr: Berliner Ausstellungsjahr: Auf Renaissance-Hype folgt Richter-Run vom 04.01.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++

"Ema" ist ein Schlüsselwerk aus dem Jahr 1966.

Der Akt war ein völlig unpopuläres Motiv zu dieser Zeit. Was es dazu zu sagen gab, hatte bereits Marcel Duchamp im Jahr 1912 gesagt. Duchamps berühmter "Akt, eine Treppe herabsteigend" erinnerte nicht mal mehr an einen Menschen, sondern an eine Maschine, deren Bewegungen in einzelne Phasen aufgefächert dargestellt wurden.

Gerhard Richter knüpft trotzdem daran an. Er nimmt das Polaroid-Foto seiner Frau Ema, die splitternackt die Treppe des gemeinsamen Heimes in Düsseldorf-Oberkassel heruntergeht, hängt es neben seine Staffelei, malt es ab und verwischt es mit einem Pinsel. Die Unschärfe anonymisiert das Motiv. Das Private der Aufnahme wird zerstört. "Mit einer Polaroid-Kamera zu arbeiten, das war auf der Höhe der Zeit", sagt König.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Gerhard Richter avanciert zum gefragten Künstler. Er stellt in Galerien und Museen aus. 1971 erhielt er eine Professur an der Kunstakademie in Düsseldorf. Jahrelang hält er jeden Dienstag sein Seminar ab, erzählt Richters Assistent Norbert Arns.

Unscharfe Bilder der RAF-Geschichte

Rund 1000 Werke hat Gerhard Richter in den letzten fünfzig Jahren geschaffen. Im Jahr 1988 sorgt er mit dem "Stammheim-Zyklus" für Furore. Der Titel heißt lakonisch "18. Oktober 1977": Es ist der Tag, an dem die Häftlinge der Rote Armee Fraktion tot in ihren Zellen aufgefunden wurden. Zu dem Zyklus gehören 15 Gemälde, grau in grau gemalt. Nur schemenhaft lassen sich die fotografischen Vorlagen – neben Pressebildern auch unveröffentlichte Polizeiaufnahmen - erkennen: ein Jugendbildnis von Ulrike Meinhof, Zelleninterieurs, die Erhängten in der Zelle, das Begräbnis der RAF-Häftlinge in Stuttgart. Ein umstrittenes Stück deutscher Geschichte. Nicht alle verstehen, warum Richter sich dafür interessiert. Das Museum of Modern Art in New York allerdings hat die Qualität erkannt und die 15 Gemälde des Zyklus im Jahr 1995 für nur 3 Millionen Mark gekauft.

Was ist ein Bild?

Richters Werke sind bis heute nicht der subjektive Ausdruck persönlichen Empfindens, sondern die seit rund fünfzig Jahren wieder und wieder gestellte Frage danach, was Kunst überhaupt noch zu leisten im Stande ist. Er ist ein Stil- und Methodenspringer. Richter arbeitet oft an verschiedenen Bildern gleichzeitig. Er übermalt Fotos, arbeitet an abstrakten Gemälden, verteilt die Farbe mit einer Rakel auf der Leinwand. Er verwendet Spiegel und Glasscheiben. Und er macht Hunderte von Fotos. Viele davon verwendet er als Vorlage für seine Malerei. Die meisten landen im "Atlas", einem Bilder-Fundus aus inzwischen 783 Tafeln mit 15.000 Fotografien, Skizzen, Zeitungsausschnitten und Entwürfen. Der Atlas ist ein "work-in-progress". "Je nach Arbeitsphase und Interesse wird der Atlas ergänzt. Darin finden sich Studien und Skizzen zu seinen Beiträgen für den Reichstag genauso wie für das Domfenster", erzählt Arns. Für den Betrachter sei der Atlas ein wichtiges Instrument, um nachzuvollziehen, wie Richter Entscheidungen fällt.

Das von Gerhard Richter gestaltete 113 Quadratmeter große Domfenster ist am Samstag (25.08.2007) in Köln im Dom unverhüllt zu sehen. Mit einem Festgottesdienst in der gotischen Kathedrale wurde die Vollendung des neuen Südquerhausfensters gefeiert. Foto: Oliver Berg dpa/lnw +++(c) dpa - Report+++ Schlagworte Gerhard_Richter, Dom, Fenster, farbig, farbenfroh, farbe, Kultur, Kirchen, Kunst, Gebäude

Gerhard Richters Fenster für den Kölner Dom wurde 2006 eingeweiht.

Dom-Fenster

Sein wohl größter Coup ist die Gestaltung des 113 Quadratmeter großen Fensters im Südquerhaus im Kölner Dom. Es besteht aus 11 500 kleinen Farbquadraten, die je nach Sonneneinfall kleine Lichtpunkte durch die Kathedrale tanzen lassen. Von Königsblau über Orange bis hin zu Veilchenlila. Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner erinnert sich noch genau an Gerhard Richters Reaktion auf ihre Anfrage, ob er für das Fenster einen Entwurf fertigen könnte. "Ich kann es ja mal versuchen" lautete die Antwort des Künstlers. "Mittlerweile gibt es theologische Interpretationen, die in den Farbfeldern alle Heilige wieder erkannt haben wollen", sagt Schock-Werner, die von der Farbwirkung der kleinen Scheiben begeistert ist: "An manchen Tagen ist die Wirkung so schön, dass sie kaum zu ertragen ist. Das Fenster weist weit über sich hinaus."

Zum Geburtstag ein Stück vom Dom

Gerhard Richter – der Name funktioniert auf dem Kunstmarkt wie ein Markenlabel. Auf Auktionen zahlen Sammler oft mehrere Millionen Euro. Für den Direktor des Museum Ludwig, Kasper König, ist Richter deshalb ein Symbol für die Irrationalität des Kunstbetriebs. "Die Leute finden Richter großartig und kaufen die Werke schon ungesehen. Es hat auch etwas Spekulatives." Wer ein Gemälde ergattert, sieht es als Wertanlage.

Zu seinem 80. Geburtstag hat Gerhard Richter darum gebeten, keine Geschenke zu bekommen. Dombaumeisterin Schock-Werner hält sich nicht daran. Sie hat sich etwas ganz besonderes ausgedacht. Sie schenkt ihm einen Stein aus dem Dom für seinen Garten. "Ein Stück vom Strebewerk, das eine sehr schöne Gesamtform hat. Es vereint die ganze Vergangenheit des Domes auf seiner Oberfläche."

Autorin: Sabine Oelze
Redaktion: Birgit Görtz

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