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Kultur

Making of Gerhard Richter

Im Kunstkompass, der Bestsellerliste des internationalen Kunstmarktes, rangiert der Maler Gerhard Richter schon seit Jahren auf Platz eins. Wie entsteht Kunst von Weltrang? Ein Dokumentarfilm beobachtet ihn im Atelier.

Gerhard Richter arbeitet an einem abstrakten Gemälde http://www.hoehnepresse-media.de

"Bilder machen, was sie wollen", sagt Gerhard Richter in einer Szene in dem Dokumentarfilm "Gerhard Richter - Painting" und legt damit ein wichtiges Prinzip seiner Arbeit offen: Vieles überlässt der 79-jährige Künstler dem Zufall. Seine Bilder entstehen in einem langen und offenen Prozess. Ähnlich einem Mauerverputz trägt Richter die Farbe in Schichten auf. Mal mit einem Pinsel, mal mit einer Rakel. Mit diesem riesigen brettartigen Arbeitsutensil verteilt er die Farbe großflächig auf der Leinwand. Die Filmemacherin Corinna Belz beobachtete ihn über mehrere Monate mit der Kamera – in seinen Ateliers im Kölner Nobelvorort Hahnwald und der Innenstadt, bei der Planung von Ausstellungen in Köln, London und New York. Und sie blickt zurück auf die Anfänge des gebürtigen Dresdners, der 1961 in den Westen kam und mehr als 20 Jahre nicht in die DDR zurückkehrte.

Karriere im Westen

Gerhard Richter arbeitet an einem abstrakten Gemälde http://www.hoehnepresse-media.de

Die Rakel ist Richters wichtigstes Arbeitswerkzeug

Nicht nur die propagandistische Nazi-Kunst, sondern auch die Staatskunst der ehemaligen DDR mit ihren plakativen Botschaften machten es dem Künstler unmöglich, weiterhin an die Malerei zu glauben. Zwei Jahre nach seiner Flucht aus Dresden stellte Richter zum ersten Mal seine Gemälde in seiner neuen westdeutschen Heimatstadt Düsseldorf aus. Er bezeichnete seine Kunst als kapitalistischen Realismus. Die Farbe Grau, die auch im berühmten Stammheim-Zyklus dominiert, bestimmte schon früher eine Reihe monochromer Bilder aus den 70er Jahren. Über sie sagte Richter einmal, Grau entspräche einer Aussageverweigerung, einer Gestaltlosigkeit und Meinungslosigkeit.

In der BRD machte Richter eine rasante Karriere. Er zählt weltweit zu den bedeutendsten Malern der Gegenwart. Seine Werke hängen in Museen der ganzen Welt. Sammler reißen sich darum und sind bereit, Preise in Millionenhöhe dafür zu zahlen. Aber nicht nur die weltliche Kunstszene ist von Gerhard Richters Kunst begeistert, sondern auch die katholische Kirche. 2007 beauftragte sie den in Köln lebenden Künstler, ein Glasfenster im Querschiff für den Kölner Dom zu gestalten.

Der Künstler bei der Arbeit

Richter bei der Arbeit http://www.hoehnepresse-media.de

Richter bei der Arbeit

Bei dieser Gelegenheit durfte die Filmemacherin Corinna Belz dem Künstler über die Schulter schauen – und gewann sein Vertrauen. Schon allein deshalb ist der Dokumentarfilm ein außergewöhnliches Zeugnis, denn der als medienscheu bekannte Künstler öffnet selten sein Atelier für Fremde und gibt so gut wie nie Interviews. In "Gerhard Richter – Painting" kann der Kinobesucher 101 Minuten lang ihm beim Malen buchstäblich über die Schulter schauen. Die Kamera zeigt jede seiner Pinselbewegung, beobachtet, wie er mit Körpereinsatz eine gigantische Rakel über die Leinwand schiebt oder gezielt Farbe wieder hinunterkratzt. Die Schlieren legen sich übereinander, schaffen unerwartete Nuancen oder bilden eine opake Lage über bereits getrockneten Farbschichten. Richter schaut, wartet, lässt die Werke auf sich wirken. Er höre auf, wenn nichts mehr falsch sei, sagt Gerhard Richter zu seinem Freund, dem Kunstkritiker Benjamin Buchloh, der ihn in seinem Atelier in Köln-Hahnwald besucht. Er "schmiere" die Farbe zunächst auf die Leinwand, um dann darauf zu "reagieren". Dabei handele es sich aber nicht um einen Automatismus ohne Plan, sagt Richter in dem Gespräch mit Buchloh.

Bilder sprechen für sich

Porträt Gerhard Richter http://www.hoehnepresse-media.de

Gerhard Richter

Zwei Assistenten helfen Richter bei der Arbeit, filtern Farbe, unterstützen ihn beim Hängen der Bilder. Eine Atelierleiterin koordiniert Ausstellungsanfragen, Transporte und hält ungeliebte Journalisten von ihm fern. Seine Ausstellungen bereitet Richter penibel vor. Er hängt die Gemälde als abfotografierte Mini-Bilder zur Probe in selbst gebauten Architekturmodellen der Museen oder Galerien auf. So legt er fest, welchen Platz ein Gemälde in einer Ausstellung bekommt. Immer wieder sieht man ihn mit einer Digital-Kamera Fotos von seinen Werken aufnehmen. Auf diese Weise scheint er vom Original Distanz nehmen zu wollen, um es noch einmal aus einer anderen Perspektive sehen zu können. Dabei gibt Richter sich wortkarg. Auch auf die Fragen der Filmemacherin Corinna Belz antwortet Richter nur mit wenigen Sätzen. Er scheint sich davor hüten zu wollen, seine Kunstwerke zu interpretieren und enthält sich jeglichen Kommentars über die kunsthistorische Bedeutung seiner Arbeit. Stattdessen kratzen seine Antworten nur an der Oberfläche. "Malen ist eine heimliche Angelegenheit", sagt Richter in einer Szene. Es ist nicht die intellektuelle Durchdringung dieses Werks von Weltrang, die den Film interessant macht, sondern der unverstellte Blick auf den Malprozess. Der wirkt mitunter fast wie ein Verwaltungsakt, wenn Gerhard Richter in schicker Anzughose und Hemd ohne zu klecksen Bild für Bild produziert.

Autorin: Sabine Oelze

Redaktion: Klaus Gehrke