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Politik

Gepanzerter Wiederaufbau: Die Bundeswehr in Kunduz

Im Norden Afghanistans leisten 450 Bundeswehrsoldaten und Soldatinnen ihren Dienst im Rahmen der ISAF-Truppen. Sie sollen den Wiederaufbau in den Nordostprovinzen sichern. Doch mit den Erfolgen wächst auch die Gefahr.

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Schulmädchen in Kunduz

Ein milder Wintertag in Nordafghanistan. Das 15. Kontingent des PRT Kundus, des "Provincial Reconstruction Teams", ist zum Appell angetreten. Mit dem alle vier Monate stattfindenden Kontingentwechsel werden die Militärs und zivilen Mitarbeiter von Kommandeur Oberst Dieter Setzer eingewiesen. Das PRT Konzept führt Soldaten und zivile Mitarbeiter zusammen. Sie arbeiten Hand in Hand am Wiederaufbau in einer Region, die lange als sicher galt, in der sich zuletzt aber die Anschläge und Übergriffe erhöht haben.

ISAF Afghanistan - gemischte Bilder

Rettungszentrum in des PRT in Kunduz

Die Soldaten stehen stramm im Wüstenwind, während sie der Kommandeur an ihren Auftrag erinnert. "Das PRT Kundus unterstützt die Regierung Afghanistans bei der Schaffung eines sicheren Umfelds, bei Aufbau, Ausbildung und Beratung der Sicherheitskräfte, beim Aufbau demokratischer Strukturen, bei Wiederaufbau und Entwicklung."

Militärs und Zivilsten arbeiten Hand in Hand

Im PRT Kundus sind die zivile und die militärische Säule gleichberechtigt, auch wenn die militärische bei weitem am stärksten ausgeprägt ist. Aber so muss das wahrscheinlich sein in einem Land, in dem Attentate, Minenexplosionen und Entführungen an der Tagesordnung sind. Alleine in den ersten neun Monaten 2007 wurden mehr als 5000 Menschen getötet. Auch im Norden ist die Lage instabiler geworden. In Kundus erhalten die Mitarbeiter der Entwicklungshilfeorganisationen manchmal mehrfach in einer Woche die Anweisung, sich nicht außer Hauses zu begeben, weil wieder Selbstmordattentäter unterwegs seien. Auch die Bundeswehr kann nur noch in Panzern oder gepanzerten Fahrzeugen durch die 100.000-Einwohner-Stadt Kundus fahren.

Dennoch sind Erfolge beim Wiederaufbau zu verzeichnen. Frank Fillbrunn ist Projektmanager der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). In Aliabad hat die GTZ zusammen mit der Aga-Khan-Stiftung und der Welthungerhilfe für die Trinkwasserversorgung gesorgt. "Sie funktioniert seit Anfang des Jahres mit bis jetzt 430 angeschlossenen Haushalten", erklärt Fillbrunn stolz.

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Oberstleutnant Günter Bohn im PRT Kunduz

Hoch über dem Dorf wird das Wasser in einem Speicher aufbereitet. Die Anlage wird von den Bewohnern bewacht und funktionstüchtig gehalten. Das Projekt funktioniert, wahrscheinlich nicht zuletzt deshalb, weil die Bewohner mit einer Eigenleistung von 25.000 Dollar beteiligt sind. Außerdem zahlen sie Wassergebühren in Höhe von 30 Cent pro 1000 Liter Wasser. In einem Land, in dem der durchschnittliche Monatsverdienst bei weniger als 100 Dollar liegt, können sich das nicht alle leisten. So stehen in Aliabad immer noch vereinzelt Mädchen am Fluss und schöpfen das verschmutzte Wasser.

Raketen bedrohen das Lager

Sicherheit wird auch im Feldlager in Kundus großgeschrieben. Man bohrt gegenwärtig einen Brunnen, damit das Lager in seiner Trinkwasserversorgung autark wird - für den Fall, dass es den Taliban gelingen sollte, die Truppe von der Wasserversorgung abzuschneiden. "Wir hatten mehrmals Beschuss hier. Das ist die latente Bedrohung," erzählt Oberstleutnant Günter Bohn, bis Anfang Dezember zuständiger Pressestabsoffizier in Kunduz. Vor allem nachts sei es möglich, sich dem Lager zu nähern, um bespielsweise Raketen abzufeuern. Das passierte am 7. Oktober, am 21. Oktober und auch 21. November.

Bisher kam durch die Raketen im Bundeswehrlager niemand zu Schaden. Auch die materiellen Schäden hielten sich in Grenzen. Drei größere Einschüsse in der Kantine erinnern die Soldaten aber tagtäglich an die Feuerüberfälle.

Von Schmugglern und Menschenrechten

Vorsicht ist auch bei den Patrouillenfahrten der Polizeiberater geboten. Ortwin Poltier hat seine Amtsstube im Direktionsbereich 3 von Berlin zwischenzeitlich mit dem Job eines Polizeiausbilders im PRT Kundus getauscht. Jetzt fährt er Polizeistationen ab und kontrolliert den Fortgang von Baumaßnahmen, die aus provisorischen Kontrollpunkten feste Wachen machen sollen. An einer Passstraße in der Nähe von Khanabad wird gerade eine neue Unterkunft für die Polizisten gebaut. Doch am Morgen ist frischer Schnee gefallen und noch friert die Besatzung der Station in einer Lehmhütte.

ISAF Afghanistan - gemischte Bilder

Angetreten: Soldaten beim Apell

"Dann hoffen wir mal, dass das neue Gebäude bald fertig ist", sagt der deutsche Polizist, denn er weiß, dass die Passstraße hier eine strategische Bedeutung hat. "Wir haben in dieser Gegend doch einige Kriminalität in Bezug auf Schmuggel und Drogenhandel. Und durch diese Polizeistation hier wird eine gewisse Kontrolle gewährleistet. Das wissen auch die Schmuggler, die schon mal damit gedroht hatten, die neue Polizeistation gleich in die Luft zu sprengen."

Chemielabor und Computer

Der Schulleiter, Khan Baba, zeigt stolz sein Chemielabor, das mit deutscher Hilfe der Schule zur Verfügung gestellt wurde. "Bevor wir das Labor hatten, haben wir den Schülern immer gepredigt, dass sie nicht das Wasser aus dem Fluss trinken sollen, sondern sicheres Wasser aus Brunnen." Darauf hätten sie mit zunächst mit Unverständnis reagiert. "Jetzt können sie die Bakterien und sogar Amöben unter dem Mikroskop betrachten und verstehen, was die Durchfallerkrankungen auslöst."

Auch die Aufbauarbeit an Schulen ist ein hartes Stück Arbeit. Zwar werden inzwischen landesweit 60 Prozent aller Jungen und immerhin 40 Prozent der Mädchen unterrichtet, zwar hat das PRT seit 2004 mehr als 120 Projekte im Schulbereich durchgeführt - aber trotzdem fehlt es noch an allen Ecken und Enden. Es gibt sehr wenig Strukturen, zum Beispiel immer noch kein klar gegliedertes Schuljahr. Die Ferienzeiten werden spontan festgelegt. Es gibt Ferien bis hin zu sechs Monaten, in denen die Kinder gar nicht zur Schule gehen. Die Lehrer sind schlecht oder gar nicht ausgebildet. Das gleiche gilt auch für die Dozenten, die eigentlich ja die Lehrer ausbilden sollten. "Es fehlt an allem, an Gebäuden, an Schulmöbeln, an Unterrichtsmaterialien", sagt Tina Kuhlmann die im Auftrag des Deutschen Entwicklungsdienstes Lehrer in Kundus ausbildet.

Armee mit humanem Antlitz

Afghanistan Karte mit Kabul, Mazar-i-Sharif und Kunduz deutsch

Nachhaltige Strukturen zu bilden, daran ist auch Oberstleutnant Giesbert Husse interessiert. Der deutsche ISAF-Soldat bildet mit seinen Leuten ein Bataillon der afghanischen Armee aus. Bis Ende 2008 sollen die ISAF-Instrukteure insgesamt 70.000 afghanische Soldaten ausgebildet haben. In der notorisch unruhigen Bergregion vermittelt die Präsenz der Soldaten Sicherheit.

Um diese Akzeptanz herzustellen, bedarf es auch der lokalen Medien. Die ISAF-Truppen verteilen in der Bevölkerung nicht nur Zeitungen, sondern auch Radio-Empfänger. Damit lassen sich natürlich auch die einheimischen Sender empfangen, von denen sich die meisten durch großzügige Spenden von Nichtregierungsorganisationen finanzieren.

Dazu zählt auch "Radio Zora", ein von Frauen für Frauen gemachter Sender für Kunduz und Umgebung. Chefredakteurin Najia Khadayer will mit ihrem Mix aus lokalen und überregionalen Nachrichten sowie speziellen Programmen Frauen für den Wiederaufbau gewinnen. "Wenn nur die Männer gesellschaftlich in Erscheinung treten, wird der Aufbau der Gesellschaft misslingen. Wenn dagegen die Frauen daran partizipieren, wird sich der Aufbau beschleunigen. Deswegen meine ich, dass Frauen auch als Reporter und als Journalisten arbeiten sollten", sagt die im Ausland ausgebildete Journalistin.

Beten in der Gottesburg

Im Feldlager der Bundeswehr wartet man auch: auf den ersten Schnee, der wahrscheinlich den Aktivitäten des Feindes jahreszeitlich bedingt eine Auszeit diktieren wird und auf das Christkind. Beim Adventsgottesdienst im Feldlager wird die heilige Zeit angesagt. "Der Herr ist nah", schmettern die zahlreich erschienen Soldaten. Aber die Heimat ist fern und da tut es gut, wenn man auch zwischendurch einmal den als "Gottesburg" benannten Andachtsraum aufsuchen kann.

"Die Gottesburg ist immer offen", sagt Oberstleutnant Günter Bohn, der selber zu den Gläubigen gehört. Der Raum der Stille hat zwar eine Tür, aber diese Tür ist nie verschlossen. "Es gibt viele Kameraden, die das nutzen. Hier gehen sie dann noch einmal kurz in sich oder holen sich im Gespräch mit Gott den Segen für ihren gefährlichen Einsatz."

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