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Welt

"Gebt Eure Griwna aus, der Rubel kommt!"

Am Ausgang des Krim-Referendums zweifelt in Simferopol so gut wie niemand mehr. Putin habe alles längst entschieden. Die meisten Menschen kümmern sich nur noch um ganz praktische Fragen des Übergangs.

Es regnet in Simferopol. Die Schlaglöcher auf den Straßen verwandeln sich in Seen. Doch die Autofahrer bremsen nicht ab. Rücksichtlos lassen sie den Matsch auf die Fußgänger am Straßenrand niederprasseln. "Kauft Regenschirme", schreit eine Verkäuferin am Kiosk neben dem Bahnhof der 350.000-Einwohner-Stadt auf der Krim. "Gebt Eure Griwna aus! Nehmt den teuersten Schirm! Bald zahlen wir sowieso mit Rubel."

Neue Preisschilder in den Läden

Griwna heißt die ukrainische Währung. Die Verkäuferinnen in einem Lebensmittelgeschäft sind schon emsig dabei, neue Preisschilder an die Waren zu heften. Vor dem Laden steht Irina. Sie ist Ärztin in einem Spital für Kriegsveteranen. Sie spreche Russisch, Ukrainisch und Englisch. Sie sei international und tolerant eingestellt, erzählt sie. Aber in ihrer Heimat Krim will sie nur Russisch sprechen. Die Krim sei und bleibe russisch.

Pro-russische Demonstranten marschieren durch Simferopol (Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Pro-russische Demonstranten marschieren durch Simferopol

Ihren vollen Namen möchte Irina nicht nennen. "Rufen Sie mich in einer Woche an, dann stehe ich als Siegerin da." Damit meint sie das Referendum über einen

Anschluss der Autonomen Republik Krim an die Russische Föderation

. Ursprünglich war es für den 25. Mai - den Tag der Präsidentschaftswahlen in der Ukraine - angesetzt. Jetzt ist es überraschend vorverlegt worden – auf den 16. März.

Bankkarten verlieren ihre Gültigkeit

"Darf ich Sie um eine Zigarette bitten?", fragt mich ein gepflegt aussehender Mann. Er bettelt nicht, sondern ihm ist das Bargeld ausgegangen. "Zwei Bankkarten habe ich. Und ich habe Geld auf den Konten, aber kein Geldautomat nimmt meine Karten an", sagt er. "Wie soll ich jetzt meiner Freundin erklären, dass ich nicht einmal die Fahrkarten bis Melitopol zahlen kann?" Melitopol ist eine ukrainische Stadt im Gebiet Saporischja, die Entfernung von Simferopol beträgt nicht einmal 250 Kilometer.

Die bevorstehende Abspaltung der Krim von der Ukraine - nichts anderes erwarten die Menschen hier - führt bereits zu Problemen im Zahlungsverkehr. Gehaltszahlungen werden plötzlich nicht mehr über ukrainische, sondern ausschließlich über russische Banken abgewickelt. Viele Menschen brauchen deshalb jetzt neue Bankkarten.

Angst vor der neuen Macht in Kiew

"Blödes Referendum", schimpft der Taxifahrer Vitali. "Wer soll die Stimmen zählen, wer soll alles kontrollieren? Wie ist es innerhalb von einer Woche zu schaffen, dieses Referendum zu organisieren? Aber niemand kümmert das!" Das Ergebnis, meint Vitali, habe Putin schon längst festgesetzt. Das glauben viele in Simferopol.

Demonstration von Krimtataren in Simferopol (Foto: EPA/ARTUR SHVARTS)

Die Krimtataren wollen, dass die Krim Teil der Ukraine bleibt

Vitali ist Russe. Er sagt, ihm sei es egal, ob die Krim russisch oder ukrainisch sei. Er fühlt sich allerdings von Moskau und Kiew übergangen. Vitali schaut nur russisches Fernsehen. Deshalb glaubt er, dass Radikale aus der Westukraine die Macht in Kiew übernommen haben: "Sie wollen die Krim mit Wagenladungen voller Sprengstoff terrorisieren. Das sagen sie im Fernsehen, also muss es stimmen". Das macht Vitali Angst.

Mit der

tatarischen Minderheit auf der Krim

hat er keine Probleme. "Es ist eine glatte Lüge, wenn berichtet wird, dass sich Russen und Tataren nicht verstehen. Mein Nachbar ist Tatare. Wenn er feiern geht, bleiben seine Kinder bei mir. Wenn ich einen draufmache, passt er auf meine Kinder auf."

Sorgen der Menschen

Unter Nachbarn scheint das Zusammenleben zwischen Russen und Tataren auf der Krim zu funktionieren. Doch der geplante Anschluss der Halbinsel an Russland bereitet den Tataren große Sorge. Refat Tschubarow, Oberhaupt des Medschlis, der Selbstverwaltung der Tataren, hat zum Boykott des Referendums aufgerufen. Er fürchtet sich wie die meisten seiner Landsleute vor einem Anschluss der Krim an Russland. Noch immer sind die Erinnerungen an die Deportationen in der Stalin-Zeit lebendig.

Die ethnischen Russen auf der Krim - so scheint es - richten den Blick jetzt vor allem auf die Zukunft. Ihre Sorgen sind vor allem, die letzten Griwna auszugeben und neue Bankkarten zu bekommen.

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