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Afrika

Flucht vor dem Dorfgericht

Dorfgerichte sollen mit der Genozid-Vergangenheit Ruandas aufräumen. Aus Angst vor Verurteilung und Unwissen über die Dorfgerichte sind Hunderte Ruander in die Nachbarstaaten Burundi und Tansania geflohen.

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Gacaca-Gericht in Ruanda

Eine Woche lang haben die Ruander ihrer Toten gedacht - mehr als 800.000 Menschen wurden 1994 von ihren Landsleuten brutal ermordet. Nun soll in Ruanda wieder das normale Leben weitergehen. Um aber überhaupt ein normales Leben nach dem Genozid zu ermöglichen, wollen die Ruander mit ihrer Vergangenheit gründlich aufräumen.

Mildes Strafmaß möglich

Völkermord Friedhof Ruanda

800.000 Opfer forderte der Völkermord in Ruanda

Die größten Hoffnungen ruhen dabei auf den so genannten Gacacas. Das sind Dorfgerichte mit Laienrichtern und Beisitzern aus der Nachbarschaft nach dem Vorbild der traditionellen Dorfversammlungen. Hier sollen die Fälle von bislang 60.000 Beschuldigten im Kreise der Dorfgemeinschaften besprochen und gerichtet werden. Jean-Pierre Vizimana, ruandischer Botschafter in Burundi, erklärt, dass das Ziel nicht ist, die Menschen ins Gefängnis zu bringen, sondern die Wahrheit zu erfahren. "Ein Straftäter kann vor den Gacacas die volle Wahrheit sagen und seine Mitbürger um Verzeihung für seine Taten bitten. Die Mitbürger können ihm dann verzeihen und eine kleinere Strafe verhängen als ein konventionelles Gericht", erläutert Vizimana.

Flüchtlinge sollen zurückkehren

Ruandische Flüchtlinge Kinder Ruanda Grenzpunkt zwischen Zaire und Ruanda bei Gisenyi

Nicht umsonst müht sich gerade der Botschafter in Burundi um beruhigende Worte. Denn dorthin sind in den letzten Tagen mehrere hundert Menschen geflüchtet und verstecken sich in Familien im Norden des Landes. Auch in Tansania sind einige Flüchtlinge angekommen. Dabei hofft Ruanda eigentlich, die vielen Flüchtlinge aus der Zeit des Genozids, die immer noch im Ausland leben, endlich zurückholen zu können.

Angst, verraten zu werden

Das ist die Aufgabe von Abdulkarim Harilimana, der Vorsitzender der Kommission zur Rückkehr von Flüchtlingen ist. Laut Harilimana sind viele Täter ins Ausland geflüchtet, um so ihrer Verhaftung zu entgehen. "Jetzt haben die Gerichtsverhandlungen angefangen und diese Leute fürchten, dass sie verraten werden. Denn nun fangen viele an zu reden und nennen Namen von denen, die auch beteiligt waren", sagt Harilimana.

Einteilung der Verbrechen in Kategorien

Milde Umstände für die Wahrheit - so sollen sich beide Seiten die Hand der Versöhnung reichen. Das Beste sei es deshalb, die Schuldigen bekennen sich freiwillig. Die ruandische Regierung hat mittlerweile eine kleine Delegation nach Burundi geschickt, die Aufklärungsarbeit leisten soll, wie die Gacacas funktionieren.

Yussuf Munyakazi Machthaber in Ruanda Völkermord

Angeklagt: Ehemaliger ruandischer Machthaber Yussuf Munyakazi

Vor den Dorfgerichten sollen nur die Fälle behandelt werden, die in Ruanda als zweite und dritte Kategorie bezeichnet werden. Die erste Kategorie sind diejenigen, die die Verantwortung für die Morde mittragen, dazu aufgerufen und befohlen haben. Sie werden innerhalb des UN-Tribunals für ruandische Kriegsverbrecher in Arusha angeklagt. Auf die üblichen Gerichtsverfahren wollen die Ruander allerdings bei denjenigen verzichten, die nur als Ausführende gelten oder, in der dritten Kategorie, sich an Plünderungen beteiligt hatten.

Hutus und Tutsis von Europäern getrennt

In vielen Orten leben Opfer und Täter heute Tür an Tür - eine Situation, die sich als tickende Zeitbombe erweisen könnte, wie manche Beobachter fürchten. Die Gacacas sind daher nicht der einzige Versuch, diese zu entschärfen. Abdulkarim Harilimana erzählt, dass es eine "Kommission zur Versöhnung und Einheit Ruandas" gibt, deren wichtigste Aufgabe er darin sieht, die Bürger Ruandas über die Geschichte des Landes aufzuklären. "Sie sollen den Bürgern erzählen, dass Ruanda früher ein einheitliches Land war, bevor die Europäer hier ankamen und Hutus und Tutsis voneinander trennten, um damit Politik zu machen. Und ich denke, die Leute fangen an, das auch zu begreifen", so Harilimana.

Hutu und Tutsi - die Namen der beiden Volksgruppen als Erbe aus der Kolonialpolitik steht wie ein Synonym für den Genozid. In Zukunft sollen alle einfach nur Ruander sein

und keinen Grund mehr haben, aus ihrem Land zu fliehen.

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