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Europa

Flüchtlinge Wind und Willkür ausgesetzt

Während die EU über Grenzschließungen und Obergrenzen diskutiert, stecken tausende Flüchtlinge auf der Balkanroute fest. Nur wenige Unterstände bieten Schutz vor der Kälte. Aus Idomeni berichtet Diego Cupolo.

Flüchtlinge stehen um Feuer (Foto: DW/Diego Cupolo)

Im wiedereröffneten Flüchtlingslager in Idomeni können sich die Flüchtlinge aufwärmen

"Wann wird die Grenze geöffnet?", fragt Gholam Sakhi. Der afghanische Schuhmacher steht an einer griechischen Tankstelle, rund 20 Kilometer von der Grenze zu Mazedonien entfernt. Sakhi hält seinen jüngsten von insgesamt vier Söhnen auf dem Arm. Schon seit mehr als acht Stunden stehen sie hier, eisiger Wind weht ihnen um die Ohren. "Warum ist die Grenze nicht geöffnet? Ist alles okay mit dem Taxi zur Grenze?" Niemand beantwortet seine Fragen.

Gholam Sakhi ist nicht der Einzige, der nicht weiß, wie es auf der Balkanroute derzeit weitergeht. Die

EU-Staats- und Regierungschefs diskutieren

über

Obergrenzen und ziehen gar die komplette Schließung von Grenzen

in Betracht. Die Konsequenzen bekommen die Flüchtlinge zu spüren, die von Griechenland nach Nordeuropa wollen. Immer wieder werden die Übergänge nach Mazedonien geschlossen - willkürlich, wie es scheint.

Unterschlupf finden die Flüchtlinge mittlerweile nur noch in Tankstellen. Sie bieten etwas Schutz vor dem Wind, der aus dem Gebirge im Norden Mazedoniens bis nach Griechenland weht. Wegen seiner eisigen Kälte kennt hier jeder den Wind beim Namen: Vardar. Doch so manch einem scheint es, dass die kalte Luft dieser Tage von

noch weiter nördlich,

aus dem Herzen Europas, kommt - und das ungeachtet all der Grenzen.

"Nur Gerüchte"

"Auch wir von den Nichtregierungsorganisationen wissen nicht, was passiert", sagt Gemma Gillie. Sie arbeitet für Ärzte ohne Grenzen am Grenzübergang Idomeni. "Die Polizei gibt keinerlei Informationen an uns weiter. Wir können den Flüchtlingen auch nur die Gerüchte erzählen, Fakten gibt es zurzeit wenige."

Der Idomeni-Grenzübergang ist schon seit Längerem ein Ort, an dem

die Willkür besonders vorzuherrschen

scheint. Ende 2015 wurden irgendwann nur noch

Flüchtlinge aus dem Irak, aus Syrien und aus Afghanistan

durchgelassen. Dies führte zu Protesten von Schutzsuchenden aus anderen Ländern, woraufhin man das Auffangcamp zur Versorgung der Neuankömmlinge schloss.

Ein Mann schläft in seinem Schlafsack (Foto: DW/Diego Cupolo)

Ein Mann schläft in seinem Schlafsack an einer Tankstelle in der Nähe der mazedonischen Grenze

Nun gibt es ein neues Kriterium, nach dem die Grenzbeamten die flüchtenden Menschen durchlassen oder nicht: Sie müssen angeben, wohin sie wollen. Wer Deutschland oder Österreich sagt, darf weiter, wer ein anderes Land nennt, wird

nach Athen zurück geschickt.

Um das durchzusetzen, sind sogar deutsche Polizisten und Frontex-Mitarbeiter an die Grenze gekommen. Doch der Posten ist nicht rund um die Uhr besetzt. Nur wenige Stunden täglich werden Menschen durchgelassen - und immer zu einer anderen Uhrzeit. Manchmal um vier Uhr morgens, manchmal um 18 Uhr.

Fast die Hälfte der Flüchtlinge sind Kinder

Dadurch hat sich mittlerweile ein Stau gebildet, der die Behörden dazu veranlasste, das Auffanglager in Idomeni wieder zu öffnen. Doch viele Flüchtlinge kommen gar nicht erst so weit. Sie suchen deswegen Schutz in den Tankstellen auf dem langen Weg von der griechischen Küste bis nach Mazedonien, bis zu 3000 sollen es bereits sein.

Diese Zahl nennt Céline Gagne vom Kinderhilfswerk Save the Children. Rund 40 Prozent der Fliehenden seien Kinder, fügt Gagne hinzu. "Zurzeit sind sehr viel mehr Frauen und Kinder unterwegs. Wir glauben, dass die Familien nun versuchen, ihren im Herbst geflüchteten Männern zu folgen." Das sei sehr besorgniserregend, so Gagne, vor allem aufgrund der derzeit niedrigen Temperaturen und der beschwerlichen Reise. Viele Flüchtlinge leiden an Atemprobleme, Unterkühlung und Frostbeulen.

Flüchtlinge sitzen in Schnellrestaurant (Foto: DW/Diego Cupolo)

Das Restaurant einer Tankstelle bietet Unterschlupf für kurze Zeit

Für Kalliopi Mitelineos gibt es jedoch noch ein weitaus besorgniserregenderes Problem als die Kälte. Mitelineos arbeitet für die Nichtregierungsorganisation A21", die vor allem Betroffene von Menschenhandel unterstützt. So beobachtet Mitelineos, dass sich immer mehr Menschenschmuggler auf der Route befinden.

"Im Moment wundern sich noch nicht viele Menschen, dass eine 15-Jährige mit einem mittelalten Mann reist, der nicht ihr Vater ist, und dass das Mädchen ständig auf den Boden schaut und nicht antwortet, wenn man sie anspricht", so Mitelineos, die auf die Erkennung von Opfern spezialisiert ist. Wenn die Grenzen wirklich geschlossen werden sollte, befürchtet sie, dass auf der Balkanroute Schlepperei stärker als bisher mit sexueller Ausbeutung einhergeht.

"Was sollen wir schon machen?"

Zurück an der Tankstelle. Provisorisch hat Ärzte ohne Grenzen ein paar beheizte Zelte aufgebaut. Sie sollen etwas Schutz bieten vor dem Wind. Es ist acht Uhr abends, Hesham Noaman, syrischer Kurde, wartet bereits seit sechs Uhr morgens. Der 26-Jährige steht vor dem Zelt, er hat keine Mütze, seine Hände steckt er zum Schutz vor der Kälte in seine Jackentaschen. Trotz der langen Wartezeit lächelt er optimistisch: "Wenn wir zwei oder drei Tage hier bleiben müssen, ist das auch okay", sagt er: "Eine Woche wäre dann vielleicht doch etwas lang. Aber was sollen wir schon machen?"

Kleiner Junge vor Zelt (Foto: DW/Diego Cupolo)

Dieser Junge wartet in Idomeni darauf, dass es für ihn und seine Eltern weitergeht

Noaman hat rund 550 Euro bezahlt, um von der Türkei über die Ägäis nach Griechenland zu kommen. Die Überfahrt ist im Winter rund 1000 Euro günstiger, wegen der schwierigen Konditionen auf dem winterlichen Mittelmeer. Seitdem er in Lesbos angekommen ist, hat er nichts mehr gegessen und er weiß auch nicht, wo er heute schlafen wird.

Doch nachdem er sieben Monate in der Türkei gelebt hat, ist er froh, endlich in der EU zu sein: "Ich habe versucht, in der Türkei zu leben. Doch es ist unmöglich", sagt er: "Sobald sie wissen, dass du Syrer bist, behandeln sie dich wie ein Tier. Sie sind nicht nett zu uns." In der türkischen Stadt Izmir arbeitete Noaman auf einer Baustelle. Er erhielt rund neun Euro für einen zwölf-Stunden-Tag. "Wir sind Immigranten ohne Rechte in der Türkei. Wenn der Boss dir also an irgendeinem Tag kein Geld geben will, kannst du nichts tun. Du kannst dich bei niemandem beschweren. Deswegen bin ich jetzt hier."

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