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Europa

"Es wird wahrscheinlich wieder passieren"

Der Befehl, entführte Tanklastzüge in Afghanistan zu beschießen, sorgte für Aufregung. Dr. Henning Riecke, Experte für transatlantische Beziehungen, im Interview mit DW-WORLD.DE.

Henning Riecke, Programmleiter USA / Transatlantische Beziehungen, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (Foto: DGAP)

"Wir müssen die Ziele in Afghanistan herunterschrauben"

DW-WORLD.DE: Herr Riecke, wie schätzen sie den Vorfall ein? War das ein einmaliges Unglück, eine unselige Verkettung von Zufällen oder steht das Ereignis für grundsätzliche Probleme, die deutsche Soldaten in Afghanistan haben?

Dr. Henning Riecke: Ich denke schon, dass ein paar Entwicklungen oder Ereignisse unglücklich zusammen gefallen sind: Zivilisten wurden offenbar gezwungen, mit Waffengewalt den Tanklaster aus dem Flussbett heraus zu ziehen. Das für den Kommandeur vielleicht nicht erkennbar - zumindest war das eine der Visionen, die diskutiert worden ist. Ich glaube aber, man tut gut daran, das schon auch als ein grundlegendes Problem zu sehen, denn die Auseinandersetzung mit den Taliban wird härter. Die Taliban entwickelt sich zu einer sehr gut organisierten Gruppe, die auch schweres Gerät in Einsatz bringen können und keine Rücksicht nehmen. Man kann wieder in Situationen geraten, in denen entschlossenes Handeln mit militärischer Gewalt notwendig ist, in denen man nicht immer klar sagen kann, ob es auch Zivilisten treffen kann oder nicht. Das wird aller Wahrscheinlichkeit nach wieder vorkommen.

Bisher galten die deutschen Soldaten in Afghanistan als besonnen, auch bei der einheimischen Bevölkerung. Ändert sich das Bild?

Ein afghanistische Polizist inspiziert den Ort nach dem Bombenanschlag auf einen Tanklastzug in Afghanistan (04.09.2009) (Foto: AP)

Es gibt noch zu wenige und gut ausgebildete afghanische Polizisten

Ich glaube, dass dieses Bild auch weiterhin vorherrschen wird. Dabei muss aber auch sichergestellt sein, dass es direkten Kontakt zwischen deutschen Soldaten und der Bevölkerung gibt. Ich glaube, dass die Afghanen schon verstehen können, dass die Auseinandersetzung mit den Taliban nicht allein mit zivilen Mitteln geführt werden kann. Sie erkennen auch, dass sie sich in einer kriegerischen Auseinandersetzung befinden, in der versucht wird, die Taliban zurück zu schlagen.

Sie haben gerade gesagt, dafür müssen die Deutschen allerdings auch in Kontakt zur einheimischen Bevölkerung treten. Sind sie das denn nicht? Die deutschen Soldaten helfen doch beim Aufbau mit?

Die Deutschen sind in Patrouillen unterwegs und helfen auch bei den Aufbauarbeiten vor Ort. Allerdings hat natürlich unter der Bedrohung durch die Taliban der direkte Kontakt mit der Bevölkerung abgenommen und es ist schwieriger geworden. Die Soldaten sind dazu angehalten, sich in erster Linie im Camp aufzuhalten, weshalb viele von ihnen keinen Kontakt mit der Bevölkerung haben. Und das führt letztlich dazu, dass sie als Fremdkörper verstanden werden.

Deutsche Soldaten sind jetzt seit etwa sechs Jahren am Hindukush. Ziel des Einsatzes ist es, den Terrorismus zu bekämpfen und das Land wieder aufzubauen. Ist man dem Ziel näher gekommen?

Die Ziele werden ein bisschen bescheidener gefasst. Ich glaube, heute geht es in erster Linie darum, in Afghanistan Strukturen zu schaffen: Die afghanischen Behörden und die Bevölkerung müssen selbst dazu in der Lage sein, die Taliban am Aufbau neuer terroristischer Infrastruktur zu hindern. Zu diesem Ziel fehlt noch einiges und es müssten noch erheblich mehr Soldaten und Polizisten in Afghanistan ausgebildet werden. Trotzdem ist der Aufbau der Strukturen einen guten Schritt vorangekommen, auch wenn es noch immer Probleme wie Korruption oder Drogenhandel gibt. Man sollte jetzt die Hoffnung noch nicht aufgeben. Das Ziel ist, der Aufbau des Landes zu einer Demokratie im westlichen Stil, in dem Menschen- und Frauenrechte komplett eingehalten werden, möglicherweise ein Ziel, dass nicht erreichbar ist.

Die Bundesregierung ist sehr erbost über die Kritik der US-Amerikaner und auch anderer Länder, was die Bombardierung der LKW betrifft. War die Kritik denn ihrer Ansicht nach in Ordnung?

Deutsche Bundeswehrsoldaten im Einsatz in Kunduz, Afghanistan nach dem Anschlag auf Tanklastzüge(Foto: AP)

Deutsche Soldaten in Kunduz, Afghanistan

Ich war auch überrascht darüber, dass die Deutschen eine so harte Kritik einstecken mussten. Ich glaube, sie haben immer den Finger hoch gehalten, wenn bei Maßnahmen Zivilisten zu Tode gekommen sind, vor allem bei Aktionen der Amerikaner, aber auch der der Briten. Die Deutschen haben sich in der NATO immer dafür eingesetzt, den Schutz der Zivilbevölkerung hoch zu halten. Moralisch gesehen ist der Vorfall deshalb ein Tiefschlag, auch wenn man auf anderer Seite den Deutschen immer vorgeworfen hat, dass sie eigentlich zu unflexibel und zu vorsichtig sind, beim Einsatz ihrer Streitkräfte in Afghanistan und im ruhigen Norden sitzen, während die anderen im umkämpften Süden den Kopf hinhalten müssen. Da haben nun offenbar amerikanische Journalisten Informationen erhalten. Diese Zahlen waren offenbar überhöht. Aber ich glaube nicht, dass die Amerikaner es zur Regierungspolitik machen, die Deutschen jetzt vorzuführen. Denn eigentlich haben die Amerikaner immer noch ein Interesse daran, dass wir mehr tun und engagierter sind und sollten deswegen eigentlich diesen Vorfall eher herunterspielen, um die deutsche Bevölkerung nicht noch weiter gegen den Afghanistan-Einsatz aufzubringen.

Wie wird es jetzt weitergehen in Afghanistan?

Ich rechne damit, dass sich die Auseinandersetzung zwischen Taliban und ihren Verbündeten auf der einen Seite und den NATO-Truppen und der afghanischen Armee auf der anderen Seite noch verschärfen wird. Ich glaube, es wird noch mehr Vorfälle wie diesen geben. Aber gleichzeitig würde ich erwarten, dass die Einigkeit wieder wächst zwischen den am Afghanistan-Einsatz beteiligten internationalen Akteuren und dass auch die NATO und die EU ihre Programme verbessern und effektiver machen werden, um den Afghanen selber die Fortschritte dieser ganzen Unternehmung zu zeigen. Auf diese Weise ist es vielleicht möglich den Rückhalt der Taliban langsam aufzubauen. Aber ich glaube noch nicht, dass es schon so weit ist, dass man von einem herausragenden Erfolg sprechen kann. Deshalb muss man weitermachen, denn eine solche historische Gelegenheit wie diese, wird es wahrscheinlich lange Zeit nicht mehr geben.

Dr. Henning Riecke ist Porgrammleiter des Bereichs "USA/transatlantische Beziehungen" und seit 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik e.V. (DGAP) und verantwortlich für die Organisation dreier regelmäßiger Studiengruppen zu "Strategische Fragen", "Europapolitik" und zusammen "Globale Zukunftsfragen".

Das Interview führte Andrea Steinert

Redaktion: Heidi Engels/ Nicole Scherschun

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