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Asien

Kampfzone Nordafghanistan

Der Norden Afghanistans ist zum Kampfgebiet geworden - das hat der umstrittene Luftangriff am Kundus-Fluss deutlich gemacht. In Afghanistan sieht man eine Mitschuld der Regierung in Kabul.

Deutsche Fallschirmjäger in der Nähe von Kundus (Foto: AP)

Deutsche Fallschirmjäger in der Nähe von Kundus

Längst sind die Zeiten vorbei, als der Satz galt, der Norden Afghanistans sei relativ sicher. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in den nördlichen Provinzen, vor allem in Kundus, ein Anschlag durch die Taliban und ihre Verbündeten verübt wird. Kundus, das Herz des Nordens, droht erneut zu einer Hochburg der Taliban zu werden. Und der Norden Afghanistans entwickelt sich zu einem Schlachtfeld für deutsche und afghanische Soldaten.

Klagen über Sicherheitslage

Das Regionalkommando Nord der ISAF ist flächenmäßig das größte der fünf Regionalkommandos. Es ist etwa viermal größer als die Schweiz und umfasst rund ein Viertel des afghanischen Staatsgebiets. Etwa 4000 deutsche Soldaten tragen im Rahmen der Friedenstruppe ISAF die Verantwortung für die Sicherheit in dieser Region mit, Deutschland ist Führungsnation im Regionalkommando Nord. In der Provinz Kundus leisten rund 700 Bundeswehrangehörige Dienst. Einen Dienst, der nach Einschätzung vieler Bewohner von Kundus immer gefährlicher wird. Und das gilt für die Deutschen und für die Afghanen gleichermaßen. Besonders in den beiden vergangenen Jahren sei es immer gefährlicher geworden, klagt Muhammad Rasul aus Kundus: "Die Sicherheitslage hat sich selbst auf den Hauptverbindungsstraßen zu den benachbarten Provinzen verschlechtert. Hier überfallen immer mehr bewaffnete Taliban-Kämpfer die Reisenden."

Taliban-Überfälle an der Tagesordnung

Ein Pferd zieht einen mit Männern besetzten Wagen in Kundus (Foto: dpa)

Die Zivilbevölkerung fürchtet die Taliban

Der 40-jährige Rasul wohnt mit seiner Familie im Zentrum der Stadt. Er selbst, sagt der bärtige Mann, traue sich gar nicht mehr, in die Nachbardörfer zu gehen. Besonders in der Nacht würden die Taliban große Teile der Gegend kontrollieren. Der Gouverneur der Provinz Kundus, Muhammad Omar, versucht erst gar nicht, solche Äußerungen zu entkräften. Er ist sauer, vor allem auf die Zentralregierung in Kabul: "Wir verdanken das Wiedererstarken von Taliban und El Kaida in dieser Region unserer laschen und rücksichtsvollen Politik gegenüber den Terroristen." Mit Terroristen dürfe man nicht so umgehen wie man es in den vergangenen Jahren getan habe, schimpft Muhammad Omar.

Der Gouverneur beklagt zudem die geringe Zahl der afghanischen Sicherheitskräfte in Kundus. Nur etwa 1200 Polizisten und 300 Soldaten der Afghanischen Nationalen Armee (ANA) stünden zur Verfügung. Wie sollen die für die Sicherheit von rund einer Million Menschen in einem Gebiet, das über 8000 Quadratkilometer groß ist, sorgen? Die Verantwortlichen in Kabul reagieren genervt auf derartige Fragen aus den Provinzen: "Militärisch-taktische Gründe zwingen uns, in unruhigeren Provinzen mehr Sicherheitskräfte zu stationieren als in den Orten, die relativ gesehen sicherer sind", gibt der Sprecher des Innenministeriums, Zemarai Baschari, zu bedenken.

Realitätsferne Einschätzungen aus Kabul

Zemarai Baschari (Foto: AP)

Spricht vom "relativ gesehen sichereren" Norden: Zemarai Baschari

Afghanische Militärexperten halten die Erklärungen der Regierung für realitätsfern. Sie werfen Kabul und den ISAF-Truppen im Norden vor, das Wiedererstarken von Taliban und El Kaida lange Zeit nicht ernst genommen zu haben. Der ehemalige General Nur-ul Haq Ulumi nennt zwei weitere Gründe für die Rückkehr der Taliban in den Norden: Erstens würden sie durch den wachsenden militärischen Druck der US-Streitkräfte auf die Taliban im Süden zum Ausweichen in den Norden gedrängt. Zweitens wollten die Extremisten die Hauptverbindungsstraßen im Norden des Landes kontrollieren, über die ein großer Teil des Nachschubs aus Russland und Zentralasien für die NATO-Truppen rollt. Ulumi sagt weiter: "Eine bessere militärische Koordinierung hätte diese negative Entwicklung im Norden verhindern können. Es darf nicht sein, dass Militärs in den verschiedenen Provinzen losgelöst voneinander gegen einen gemeinsamen Feind vorgehen."

Ulumi, der heute im afghanischen Parlament sitzt, wirft der Regierung und der internationalen Gemeinschaft vor, den Kontakt zu den Menschen in Afghanistan verloren zu haben. Zemarai Baschari vom Innenministerium in Kabul widerspricht solchen Behauptungen aber vehement. Das afghanische Volk würde immer noch der gewählten Regierung großes Vertrauen entgegenbringen, meint er. Außerdem plane Kabul zurzeit, weitere Soldaten und Polizisten in den Norden zu schicken. Zudem planten die Amerikaner die Verlegung von 300 Soldaten einer Spezialeinheit nach Mazar-i-Sharif in das Hauptquartier der deutschen ISAF-Streitkräfte. Doch Ulumi bezweifelt, dass sich die Sicherheitslage im Norden Afghanistans mit ein paar hundert weiteren Soldaten zum Besseren wenden lasse.

Autor: Ratbil Shamel
Redaktion: Thomas Kohlmann

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