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Amerika

Entschuldigung für Hiroshima überfällig?

Die Diskussion gibt es seit 65 Jahren. Müssen sich die USA für den Atombombenabwurf auf Hiroshima entschuldigen? Erstmals hat jetzt ein offizieller Vertreter der USA an der Gedenkfeier teilgenommen.

Zwei Menschen laufen eine menschenleere Straße durch das komplett zerstörte Hiroshima entlang (Foto: AP Photo/U.S. Air Force, file)

Verwüstet: Hiroshima nach der Atombombe

"Für das Wohl künftiger Generationen müssen wir weiter zusammenarbeiten, um eine Welt ohne Atomwaffen zu schaffen", sagte US-Botschafter John Roos bei der Gedenkfeier am Freitag (06.08.2010) in Hiroshima. Entschuldigt hat er sich allerdings nicht.

(Foto: AP Photo/Shuji Kajiyama)

Gedenkfeier im Peace Memorial Park in Hiroshima

Es hat lange gedauert, mehr als sechs Jahrzehnte, bis sich erstmals ein Vertreter der US-amerikanischen Regierung bei der Gedenkfeier in Hiroshima zeigte. Mittlerweile aber überlegt sogar US-Präsident Barack Obama, Hiroshima selbst zu besuchen. Dies hatte er im Januar mitgeteilt. Wann er seine Absicht in die Tat umsetzen wird, sagte er allerdings nicht. Er wäre der erste US-Präsident, der Hiroshima besucht.

Zwei Atombomben - eine Katastrophe

Atombombe Fat Man (Foto: dpa)

Eine Atombombe vom Typ "Fat Man"

Es war früh am Morgen des 6. Augusts 1945, als sich sich der US-Bomber "Enola Gay" auf den Weg nach Hiroshima machte. Er startete von der kleinen Insel Tinian, ca. 2500 Kilometer südöstlich von Japan. Nach mehreren Stunden Flug erreichte er sein Ziel: das Zentrum von Hiroshima. Gut 580 Meter über dem Shima-Krankenhaus im Zentrum der Stadt warf das Militärflugzeug die Atombombe mit dem harmlos anmutenden Namen "Little Boy" ab.

Zu dem Zeitpunkt hatte die Stadt rund 350.000 Einwohner. 70.000 von ihnen starben durch den Bombenabwurf. Bis zum Dezember 1945 verdppelte sich die Zahl der Opfer. An den Folgen der Strahlung starben auch Jahre und Jahrzente später noch zehntausende Menschen - bis heute. Am 9. August 1945, drei Tage nach der Detonation, warf das US-Militär eine zweite Atombombe über Nagasaki ab. Sie trug den Namen "Fat Man" und hatte eine fast doppelt so große Sprengkraft wie die erste Bombe. Bis Dezember 1945 starben an den Folgen dieser Atombombe etwa weitere 70.000 Menschen.

Vor dem Flugzeug mit dem Schriftzug Enola Gay stehen sieben Männer, die meisten in T-Shirts und kurzen Hosen.

"Enola Gay" hieß das Flugzeug von dem die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde. Es wurde nach der Mutter des Piloten benannt.

Heldentat oder Kriegsverbrechen?

Atompilz-Wolke über Hiroshima (Foto: AP Photo/U.S. Army via Hiroshima Peace Memorial Museum, HO)

Der Himmel über Hiroshima eine Stunde danach

Die Diskussion, ob der Einsatz der Atombombe gerechtfertigt war, wird seit Jahrzehnten in Japan geführt - aber nicht nur dort. Auch in den USA war und ist der Einsatz der Atombombe Gegenstand von Diskussionen. Die Bandbreite der Äußerungen reicht von "Heldentat" bis "Kriegsverbrechen". Der frühere US-Außenminister James Byrnes verteidigte damals den Einsatz der Atombombe mit der Aussage, dass ansonsten der Krieg mit Japan weitergegangen wäre und rund eine halbe Millionen alliierter Soldaten dabei ums Lebens gekommen wäre.

Den Einsatz der Atombombe befürwortet auch Historiker Victor Davis Hanson: "Die Hoffnung auf eine Kapitulation Japans war trotz der aussichtslosen Lage Japans vergebens." Allerdings gab und gibt es in den USA auch kritische Stimmen, wie die des Physikers Leo Szilard. Er war einer der ersten, der die Idee zu einer Atombombe hatte. Für die USA hatte er sie mit entwickelt. Nach dem Krieg äußerte er sich allerdings im Bezug auf die Verantwortung der USA so: "Hätten die Deutschen die Atombombe auf unsere Städte geworfen, hätten wir das ein Kriegsverbrechen genannt und die schuldigen Deutschen in Nürnberg zum Tode verurteilt und gehängt." Der Historiker Gar Alperovitz ist sogar der Meinung, die Atombombe sei militärisch nicht notwendig gewesen und habe nur am "lebenden Objekt" erprobt werden sollen. Daher seien zwei Städte ausgewählt worden, die bisher von Luftangriffen verschont geblieben waren.

Makabres Nachspiel

Pilot Paul Tibbets vor dem Flugzeug Enola Gay (Foto: AP Photo)

Pilot Paul W. Tibbets vor "Enola Gay"

Es passierte auf einer Flugschau in Texas - 31 Jahre Jahre nach dem Abwurf der Atombomben. Paul Tibbets, der Pilot der die erste Atombombe abgeworfen hatte, setzte sich 1979 noch einmal in das Cockpit eines B-29-Bombers und warf wieder eine Atombombe ab - diesmal allerdings nur eine Attrappe. Die Pilzwolke belustigte die Besucher der Flugschau. Dieser Vorfall hatte ein Nachspiel und führte dazu, dass sich die USA offiziell bei Japan für die Vorkommnisse bei der Flugschau entschuldigten. Und er heizte die Diskussion weiter an, ob der Einsatz der Atombomben gerechtfertigt gewesen war.

Bei der Diskussion geht es auch immer um die Frage nach der Opferzahl. Befürworter des Abwurfs sprechen von einigen Zehntausend, Gegner von mehreren Hunderttausend. Genau lässt sich die Opferzahl nicht beziffern, da nicht eindeutig geklärt werden kann, wie viele Menschen auch Jahrzehnte danach noch an den Folgen der Strahlung gestorben sind.

Moskau eigentlicher Adressat der Atombombe?

Obama und Medwedew stehen jeweils mit einer Unterschriftsmappe in der Hand vor ihren Landesflaggen (Foto: AP Photo/Alex Brandon)

Obama und Medwedew vereinbaren Abrüstung

Kritiker des Atombomben-Einsatzes wie Gar Alperovitz werfen dem damaligen US-Außenminister James Byrnes und dem damaligen US-Präsidenten Harry Trumann vor, dass der eigentliche Adressat nicht Tokio, sondern Moskau gewesen sei. So habe die US-Regierung eine Drohkulisse gegen die aggressive Politik Moskaus aufbauen wollen. Daher seien auch zwei Bomben abgeworfen worden. Die erste habe zeigen sollen, dass man die Atombombe habe. Die zweite, dass man den Einsatz auch wiederholen könne.

Wenn es um das Thema atomare Abrüstung geht, dann verweist die russische Regierung stets auf die "Schuld" der Amerikaner an der Existenz der Atomwaffen. Für Moskau war Hiroshima Anlass, sich mit eigenen Atomwaffen gegen die Vereinigten Staaten von Amerika zu schützen. Russland sieht in dem Abwurf der ersten Atombombe den Beginn des Kalten Krieges, der zu einem nuklearen Wettrüsten führte. "US-Präsident Harry Trumann wollte die Atombombe, um den uneingeschränkten Führungsanspruch der USA in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu verankern", schreibt der russische Historiker Anatoli Koschkin zum 65. Jahrestag in der Zeitung "Wremja Nowostej". Zugleich habe der Atombomben-Einsatz dazu gedient, den US-amerikanischen Einfluss in Asien zu verankern und Moskau dort zu schwächen.

Heute ist das Verhältnis zwischen den USA und Russland deutlich besser. In diesem Jahr haben sich US-Präsident Barack Obama und Kremlchef Dmitri Medwedew auf einen neuen Vertrag über die Reduzierung strategischer Offensivwaffen geeinigt. Demnach soll die Zahl der Atomsprengköpfe innerhalb der nächsten sieben Jahre von je 2.200 auf 1.550 reduziert werden.

Autor: Marco Müller (dpa, rtr, afp, apn)
Redaktion: Sabine Faber

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