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Europa

Ein Leben auf der Flucht

Seit Jahren flieht Ulrich Weiner vor seinen unsichtbaren Feinden. Es ist schwer, ihnen zu entkommen. Nur in Funklöchern findet er Ruhe vor der elektrischen Strahlung, von der er überzeugt ist, dass sie ihn krankmacht.

Ein Mann in einem weißen Schutzanzug (Foto: Miriam Klaussner)

Der weiße Schutzanzug soll die Strahlung reflektieren

Es könnte das Motiv einer Schwarzwald-Postkarte sein: Von Wäldern umgeben rauscht ein eiskalter Bergbach durch ein enges Tal. Am Waldrand ist ein kleiner Parkplatz, auf dem ein Wohnwagen steht. Es ist der Arbeitsplatz und die Wohnung von Funktechniker Ulrich Weiner.

Ein Funktechniker im Funkloch

Heute hat er nur noch Funkgeräte, mit denen er Radio hört und kommuniziert. Bis zum Jahr 2002 waren dagegen Funk und Handys seine Welt. Doch das änderte sich schlagartig auf dem Frankfurter Flughafen. "Ich war gelandet und wollte gerade mein Gepäck holen, da bekam ich Sehstörungen, Herzrhythmusstörungen - ich brach zusammen", erzählt er. Er kam ins Krankenhaus. "Ich wusste nicht, was mit meinem Körper los ist. Es hieß dann, es sei eine Störung des zentralen Nervensystems." Noch heute wird der sonst so energische Mann etwas nachdenklich, wenn er diese Geschichte erzählt.

Auf einem Parkplatz im Wald steht ein Wohnwagen (Foto: Miriam Klaussner)

Viele "freie" Funklöcher für seinen Wohnwagen gibt es nicht mehr in Deutschland

Die Ärzte hätten keine körperliche Ursache für seinen Zusammenbruch finden können, sagt Weiner. Und da hatte er selbst eine Idee: War es vielleicht die elektromagnetische Strahlung, die ihn umgehauen hatte? Er war damals 24 Jahre alt, hatte aber jahrelang immer zwei oder drei Handys in seiner Umgebung gehabt und sich oft in der Nähe von Funkmasten aufgehalten. Der Arzt zeigte ihm eine Studie von 1932: Die dort Untersuchten hatten ähnliche Symptome wie Ulli - und sie lebten in der Nähe von Kurzwellensendern.

Ein kleines Experiment im Wald

Ulrich Weiner wollte herausfinden, ob diese Vermutung die Lösung des Problems ist. Er fuhr mit seinem Auto in den Wald und blieb zwei Tage lang dort. Wichtig war dabei: Die Stelle im Wald lag in einem Funkloch. "Nach zwei Tagen war ich topfit und konnte wieder arbeiten. Und dann hat es bei mir klick gemacht", erinnert er sich. Für Ulli war das ein starkes Indiz dafür, dass Strahlung die Ursache für seine Symptome war.

Ulrich Weiner kniet mit einer Gießkanne an einer Quelle (Foto: Miriam Klaussner)

Das Wasser für seine Dusche holt Weiner aus einer Quelle

Doch geholfen hat ihm diese Erkenntnis nicht. Als Funktechniker ohne Strahlung zu arbeiten geht nicht. Krankschreiben lassen konnte er sich auch nicht, denn bis heute kann er nicht beweisen, dass ihn die Strahlung krank macht - zumindest nicht mit Messungen, die die Krankenkasse akzeptiert. "Erst habe ich die Gesundheit verloren, dann den Job, dann die Heimat und seither bin ich auf der Suche nach einem neuen Zuhause." Mittlerweile ist Ulli 32 Jahre alt.

Vorträge im Astronautenanzug

Seit sechs Jahren lebt er im Wohnwagen und ist auf der Suche nach Funklöchern. Die zu finden, ist nicht immer einfach. Es gebe nur noch wenige und nicht alle sind frei zugänglich: "Dann findet man eine Stelle, die ist aber im Staatsforst. Dann kommt natürlich irgendwann der Förster oder die Behörde und sagt: 'Sie dürfen da nicht stehen, das ist Naturschutzgebiet.'" In seinem Wohnwagen hat Ulli immer ein Notfallset parat, falls er kein Funkloch findet. Bekomme er zu viel Strahlung ab, müsse er sich an eine Infusion hängen, sagt er.

Sein neuer Job sei es zurzeit, Vorträge zu halten, erzählt Ulli. Jeden zweiten Tag steht er vor einer Schulklasse und erklärt Kindern, was Handy-Strahlung und WLAN verursachen können, wenn man zu viel davon abbekommt. Für den Vortrag, der außerhalb des Funklochs ist, zieht er einen Schutzanzug an, der die Strahlung reflektiert. Trotzdem ist er nach einem solchen Tag immer erschöpft.

Sein Ziel: Staatlich ausgewiesene "funkfreie Zonen"

Weiner sitzt im Wohnwagen vor seinem Laptop (Foto: Miriam Klaussner)

Seinen Job als Funktechniker kann Weiner nicht mehr ausüben

Den Alltag kann er nur mit Hilfe von Freunden bewältigen. Sie fahren ihn zu den Vorträgen, kaufen für ihn ein, verschicken seine Emails, bringen Gasflaschen für den Herd vorbei. In seinem Funkloch lebt er wie ein Einsiedler - obwohl er eigentlich ein geselliger Mensch ist.

Doch Ulrich Weinert kämpft dafür, dass sich seine Situation ändert. Mit seinen Vorträgen will er mehr Menschen auf das Problem der Strahlung aufmerksam machen. Außerdem hat er einen Anwalt engagiert, mit dem er staatlich ausgewiesene Funklöcher erstreiten will. "Wenn die dann sind, muss man gucken ob es die Möglichkeit gibt, dort ein Häuschen zu bauen."



Autorin: Miriam Klaussner

Redaktion: Julia Kuckelkorn

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