Ein Leben als Gesamtkunstwerk: Yoko Ono feiert ihren 85. Geburtstag | Kunst | DW | 18.02.2018
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Kunst

Ein Leben als Gesamtkunstwerk: Yoko Ono feiert ihren 85. Geburtstag

Als Ehefrau von John Lennon sorgte sie stets für Aufsehen. Aber sie ist mehr als nur seine Witwe. Yoko Ono gilt als Pionierin der Konzeptkunst, engagierte sich für den Frieden - und blieb dabei doch stets unnahbar.

Es ist ungerecht, einen Menschen vor allem über sein Verhältnis zu einer anderen Person zu definieren. Andererseits hat Yoko Ono den Bekanntheitsgrad ihres dritten Ehemanns bereitwillig dazu genutzt, ihre eigene Berühmtheit auszudehnen. Der Zusatz ihres Namens lautet daher meist: Witwe von John Lennon. Viele sehen in ihr zudem die Frau, die die Beatles auseinander brachte. Aber sie hat auch eine eigene Geschichte zu erzählen. 

Als Kind aus einem reichen Tokioter Familienhaus avancierte Yoko Ono Anfang der 1960er Jahre in New York zum vielversprechenden Talent der künstlerischen Avantgarde. Zu ihren bekanntesten Performances zählt "Cut Piece" aus dem Jahr 1964: Die Künstlerin saß mit einem feinen Kleid auf der Bühne, vor ihr ausgebreitet lagen mehrere Scheren, die dem Publikum schließlich dazu dienten, Teile aus ihrer Kleidung zu schneiden. Ihre unnahbare Aura schien immer auch Teil einer Gesamtperfomance zu sein.

Längst wird Ono als Pionierin der Konzeptkunst mit Ausstellungen in den bedeutendsten Museen der Welt gefeiert. An ihrer Rolle als prägende Figur der Fluxus-Bewegung im New York der 1960er Jahren wird nicht gezweifelt. Zu ihren bedeutenden Einflüssen zählten die Arbeiten des Objektkünstlers Marcel Duchamp und des Komponisten John Cage, einem Erfinder neuer Hörerfahrungen und Vorreiter der Neuen Musik. Die beiden lernten sich in New York kennen, durch dessen Studenten Toshi Ichiyanagi - Onos ersten Ehemann.

Die Biennale in Venedig ehrte sie 2009 für ihr Lebenswerk, es heißt, sie sei häufig nur deshalb missverstanden worden, weil sie ihrer Zeit stets voraus gewesen sei. Sogar ihr musikalisches Schaffen findet inzwischen Anerkennung. Nur für die Herzen der Menschen hat es nie wirklich gereicht. Das mag auch an ihrer, inbesondere für die damalige Zeit, sehr rigoros ichbezogenen Einstellung zum Privat- und Familienleben liegen, auch hier schien sie unnahbar zu sein.

Verlust der Tochter

In späteren Interviews räumte Yoko Ono ein, zu ihren beiden Kindern - Kyoko Chan Cox aus ihrer zweiten Ehe mit Anthony Cox und Sean Lennon aus der Ehe mit Ex-Beatle John Lennon - ein eher distanziertes Verhältnis zu pflegen. Ihre erste Schwangerschaft sei nicht geplant gewesen und habe ihr das Gefühl der Freiheit genommen. Die bekam sie nach der Trennung von Cox auf drastische Weise zurück: Sie überließ dem Ex-Mann die Tochter, um sich der neuen Beziehung zu Lennon widmen zu können. 1971 tauchte Cox, der sich einer Sekte angeschlossen hatte, schließlich mit dem Mädchen unter. Erst Mitte der 1990er Jahre nahm Kyoko Kontakt zu ihrer Mutter auf.

John Lennon traf sie 1966 in London, als der Musiker eine ihrer Ausstellungen besuchte. Zwei Jahre später begannen sie eine Affäre und Ono begleitete Lennon zu den Aufnahmen für das "White Album" der Beatles ins Studio, womit er den bislang geltenden Kodex brach, keine Partnerinnen mitzubringen. Bald zeigte sich, wie notwendig dieser Kodex gewesen war: Ono mischte sich - durch Lennon ermutigt - in die Aufnahmen ein.

Beatles (picture-alliance/AP)

Die Beatles im Jahr 1968

"Ich bin in sie verliebt", sagte Lennon Ende der 1960er Jahre der versammelten Presse, während Yoko Ono daneben saß und zu diesem Thema schwieg. Schnell machte der Verdacht die Runde, der Musiker sei seiner sieben Jahre älteren Partnerin hörig. 1969 heirateten die beiden, ein Jahr später kündigte Paul McCartney an, die Beatles zu verlassen, nicht ohne zu erwähnen, dass Johns Hang zu Yoko durchaus einen Anteil an seiner Entscheidung hatte. Ob und wie weit sich die Bandmitglieder schon vor dieser Beziehung voneinander entfernt hatten, musikalisch wie menschlich, das blieb offen. Die Öffentlichkeit war einverstanden, der Stempel, der Sargnagel der berühmtesten Band der Geschichte zu sein, trübt seitdem das Image von Yoko Ono.

Karikatur mit Hakenkreuz-Armbinde 

Zwar begnadigte McCartney Yoko Ono Jahrzehnte später in einem TV-Interview mit David Frost, als er sagte, dass Onos ständige Anwesenheit bei den Studioaufnahmen der Band nicht der Grund für deren Auflösung gewesen sei. Dass die anderen Beatles Yoko Ono argwöhnisch beäugten, widerlegte er aber nicht. Angeblich mutmaßten die früheren Pilzköpfe aufgrund Onos stechendem Blick, sie könne Gedanken lesen. Umgekehrt ist von Ono überliefert, sie habe es als Partnerin von Lennon mit drei Schwiegermüttern zu tun gehabt: Paul, George und Ringo. In der Beatles-Parodie "The Rutles – All You Need Is Cash" wird Yoko Ono als deutsche Künstlerin mit Hakenkreuz-Armbinde karikiert.

Auch die Beziehung von Ono und Lennon hatte zeitweise etwas von einer Kunstinszenierung: die "Bed-Ins" im Hotelbett, mit denen sie Frieden verkaufen wollten, oder die achtzehnmonatige "Lost Weekend"-Periode, eine Ehe-Auszeit, die Ono verordnet hatte, indem sie ihren Mann zusammen mit ihrer Assistentin nach Los Angeles schickte, wo er sich Alkohol, Groupies, Drogen und eben jener Assistentin hingab.

Berühmte Protestfotos (picture alliance/AP Images)

In Bed with Lennon: Mit der berühmten Protestaktion "Bed-in" warben Yoko Ono und ihr Mann für den Frieden

Zwei Jahre später wurde Yoko Ono, damals 42, schwanger. Ihre Begeisterung soll sich in Grenzen gehalten haben. Später bezeichnete sich Ono als Frau, die nicht zu Hause beim Kind bleiben wollte, als Verlasserin und Macho. Vater John soll dem gemeinsamen Sohn Sean in den folgenden Jahren Brot gebacken haben, die Mutter kümmerte sich um die Geldanlagen und Vermarktung ihres Mannes.

Als John Lennon und Yoko Ono am 8. Dezember 1980 von Studioaufnahmen zurückkehrten, erschoss der obsessive Fan Mark David Chapman sein Idol Lennon vor dem Dakota Building in New York, in dem Ono heute noch lebt. Dass Kunst für sie keine Grenzen kennt, bewies Ono 1981, als sie auf dem Cover ihres Soloalbums "Season of Glass" die vom Attentat blutbespritzte Brille ihres Mannes abbildete.

In letzter Zeit machte Yoko Ono wieder von sich reden, als sie gegen einen Hamburger Kneipenwirt klagte, der seine Bar 19 Jahre zuvor "Yoko Mono" genannt hatte. Sie sah ihre Namensrechte verletzt. Altersmilde ist Yoko Ono anscheinend auch mit 85 Jahren noch nicht geworden.

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