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Kultur

DW-Projekt "Afro.Deutschland" geht an den Start

Wie ist es als schwarzer Mensch, in Deutschland zu leben? Was heißt es, in der eigenen Heimat ausgegrenzt zu sein? Darüber diskutierten prominente Gäste zum Start des DW-Multimediaprojektes "Afro.Deutschland" am 9. März.

"Früher wollte ich weiß sein", sagt Jana Pareigis im Gespräch mit dem Rapper Samy Deluxe. Ob es ihm auch so gegangen sei, will sie wissen. "Als Kind ja", antwortet er, "aber als Teenie wollte ich richtig schwarz sein."

Es ist eine Szene aus dem Film "Afro.Deutschland".Fernsehmoderatorin Jana Pareigis ist durch ganz Deutschland gereist, um schwarze Menschen zu besuchen und ihre Geschichten zu erfahren. Geschichten darüber, wie es ist, als schwarzer Mensch in Deutschland zu leben. Die Leute haben ihr erzählt, wie sie aufgewachsen sind, durch welche Identitätskrisen sie gegangen sind und warum sie heute stolz auf ihre schwarze Hautfarbe sind.

DW Filmpremiere Afro.Deutschland (DW/T. Kleinod)

Jana Pareigis bei der Vorstellung des Films

Dabei hat Jana Pareigis Prominente wie den Fußballstar Gerald Asamoah oder den Künstler Robin Rhode getroffen. Sie war mit dem Flüchtling Issa Barra aus Burkina Faso unterwegs und hat sich mit Indira Paarsch unterhalten, die als Baby von ihrer weißen Mutter zur Adoption freigegeben wurde, weil sie "zu schwarz" war. Dabei hat Pareigis auch viel von ihrer eigenen Geschichte preisgegeben. Wie sie selbst von weißen Eltern adoptiert wurde, wie sie im Kindergarten wegen ihrer Hautfarbe gehänselt wurde und wie ihr auch heute noch immer wieder Leute ungefragt in die Haare greifen.

Rassistische Begriffe dürfen nicht "normal" werden

Bei der Filmpremiere zum Auftakt des DW-Multimediaprojektes "Afro.Deutschland" hat sie eingeräumt, dass es für sie mit ihrer dunklen Hautfarbe nicht einfach war, so offen mit der eigenen Geschichte umzugehen. "Das kostete Überwindung, die alten Fotos zu zeigen, aber in einer aufgeheizten Zeit, wo Leute angefeindet werden, die Flüchtlingen helfen, in so einer Zeit muss man etwas dagegen halten und darf sich nicht einschüchtern lassen."

Das bekräftigte auch Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, Gewalt- und Konfliktforscher der Universität Bielefeld, in einem kurzen Abriss über das Thema Rassismus: "Es gibt viel zu tun, jetzt wo die Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind", sagte er. Das größte Problem sind für ihn sogenannte "Normalisierungsprozesse". Etwa wenn sich Begriffe wie "völkisch", die im Nationalsozialismus geprägt wurden, wieder in den "normalen" Sprachgebrauch einschlichen. "Alles was 'normal' wird, kann man ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr problematisieren", meint der Soziologe. Wenn die rechtspopulistische Partei AfD solche Begriffe immer wieder verwende, würde man irgendwann keinen Anstoß mehr daran nehmen. "Deshalb müssen wir diese Art der 'Normalität' aufspüren. Sonst wird die Würde des Menschen irgendwann antastbar sein", befürchtet Heitmeyer.

Als Deutsche schämt man sich für den Alltagsrassismus

DW Filmpremiere Afro.Deutschland (DW/T. Kleinod)

Regisseurinnen Susanne Lenz-Gleißner und Jana Pareigis mit Moderatorin Elizabeth Shoo (von l. nach rechts)

Eigentlich sei Deutschland ein tolerantes Land, hob DW-Intendant Peter Limbourg bei seiner Begrüßung hervor. "Das Grundgesetz verbietet jede Art von Diskriminierung, aber ist deshalb alles ok?" Wenn alte Männer den Fußballer Jerome Boateng nicht als Nachbarn akzeptierten, und wenn junge Männer Flüchtlinge verprügelten, dann sei eben doch nicht alles ok, meint Limbourg.

"Wir sind noch lange nicht da, wo wir hinwollen, deshalb freut es mich, dass wir diesen Film gemacht haben."

Die Idee zu dem Film hatte Susanne Lenz-Gleißner zusammen mit Kulturchef Rolf Rische entwickelt. "Es sollte ein schöner Film werden, aber wir wollten auch über die Gewalt sprechen", sagte Susanne Lenz-Gleißner auf der Veranstaltung. Offene und subtile Gewalt, der schwarze Menschen, die in Deutschland leben, tagtäglich ausgesetzt sind. "Wir wollten nicht nur politische Statements zeigen, sondern Alltagsrassismus, für den man sich als Deutsche auch immer wieder schämt."

Rassismus hat eine lange Geschichte

Seit 400 Jahren leben schwarze Menschen in Deutschland. Mittlerweile sind es rund eine Million. Einer von ihnen ist Theodor Wonja Michael. Seine Familie ist seit über 100 Jahren mit Deutschland verbunden. Er selbst ist in Deutschland aufgewachsen und mittlerweile 92 Jahre alt. Der afrodeutsche Autor und Schauspieler hat viele Arten des Rassismus kennengelernt. In den Zwanziger Jahren musste er im Baströckchen auf Völkerschauen auftreten. Während des Nationalsozialismus war er dann Komparse für Filme, die die Kolonialzeit verherrlichten.

DW Filmpremiere Afro.Deutschland (DW/T. Kleinod)

Theodor Wonja Michael musste als Kind in Völkerschauen auftreten

 "Man brauchte keinen Judenstern, man sah ja sofort, ah, ein Artfremder", erzählt er im Film. Doch solange er sich duckte und den Mund hielt, war er als Komparse geduldet. "Es hat sich natürlich viel geändert seitdem", erzählte er beim Podiumsgespräch, die Grundgeschichte sei aber die gleiche geblieben: "Schwarzsein ist auch heute noch fremd in Deutschland. Wir haben immer noch zu kämpfen." Theodor Wonja Michael hat seine Lebensgeschichte als Buch veröffentlicht und erzählt sie immer wieder vor Schülern. "Ich möchte, dass die Leute sich mit dem Rassismus beschäftigen und das tun sie auch."

Mehr Schwarze sollen sich politisch engagieren

Das will auch Dr. Karamba Diaby, der seit 2013 als erster Schwarzer für die SPD im Bundestag sitzt und damit seinerzeit für Schlagzeilen in den Medien sorgte. Seine Bekanntheit nutzt er, um sich gegen Rassismus stark zu machen. "Wann immer man mir ein Mikrofon hinhält, dann sage ich was dazu." Er wünscht sich, dass sich noch mehr Schwarze politisch engagieren. "Die Mehrheit muss aber auch begreifen, dass Deutsche nicht nur weiß sind", betont er.

DW Filmpremiere Afro.Deutschland (DW/T. Kleinod)

Peter Limbourg mit Dr. Karamba Diaby


Ein wichtiges Thema ist für Diaby das "Racial Profiling", wenn etwa Schwarze bei Polizeikontrollen nur wegen ihrer Hautfarbe nach dem Ausweis gefragt werden oder – wie es Theodor Wonja Michael immer wieder erlebt – bei der Passkontrolle im Flughafen aufgehalten werden, während weiße Menschen einfach durchgewunken werden. Auch Diaby hat solche Szenen erlebt. "Das ist diskriminierend, das tut weh", sagt er auf dem Podium.

Ob es denn irgendetwas Positives gäbe, Afrodeutscher beziehungsweise Afrodeutsche zu sein, fragt Moderatorin Elizabeth Shoo am Schluss der Veranstaltung in die Gesprächsrunde. "Es ist schön, dass ich zur Vielfalt beitrage", sagt Karamba Diaby. "Wenn es uns nicht gäbe, dann wären alle hier sehr blass." Am Filmende bringt es Gerald Asamoah auf den Punkt: "Wir Schwarzen sind schon cool!" 

Der Film "Afro.Deutschland" wird am 26. März über DW TV ausgestrahlt. Auf der deutschen Seite www.dw.com/afrodeutschlandund der englischen Seite www.dw.com/afrogermany gibt es weitere Interviews und Hintergrundberichte zum Thema Rassismus und über das Engagement der Filmprotagonisten.

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