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Afro.Deutschland

"Die jungen Leute sind die Zukunft" - Gerald Asamoah an der Rosa-Parks-Schule

Gerald Asamoah war ein Fußballstar in der deutschen Nationalmannschaft. Jetzt setzt er sich mit Jugendlichen gegen Rassismus ein. Für die Rosa-Parks-Schule in Herten ist er ein wichtiger Pate.

Vor kurzem ist er mal wieder da gewesen, der große Fußballstar Gerald Asamoah. In der Rosa-Parks-Gesamtschule in Herten hatten ihn schon alle sehnsüchtig erwartet. Er schafft es nicht oft, zu kommen, aber wenn, dann bringt er Zeit für die Kinder mit. "Er ist den Schülern sehr zugewandt und hat einen total guten Umgangston", sagt Stephanie Brzoza, die als didaktische Leiterin   Ansprechpartnerin für Schulprojekte ist. "Wenn er da war und mit den Schülern gesprochen hat, dann lieben sie ihn."

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Gerald Asamoah: "Wir sind alle gleich!"

Und diesmal hat er sogar mit ihnen gesungen. Ein Geburtstagsständchen für die Namensgeberin der Schule, die US-amerikanische Bürgerrechtlerin Rosa Parks, deren Geburtstag hier jedes Jahr gefeiert wird. Unter jungen Leuten zu sein, das genießt Gerald Asamoah immer wieder. "Das ist sehr schön. Du siehst, dass sich die jungen Leute engagieren", erzählt der Fußballprofi aus Ghana im DW-Interview. "Sie sind bereit zu lernen und zu akzeptieren, wo jemand herkommt."

Was Gerald Asamoah mit der Rosa-Parks-Schule verbindet

Von außen sieht die Rosa-Parks-Schule nicht besonders einladend aus. Ein großer grauer Betonbau aus den 70er Jahren, ein wenig aufgefrischt durch gelbe Fensterrahmen und Wandmalerei. Doch noch bevor man die Schule betritt, weiß man schon, wofür sie steht. Auf der einen Seite des Eingangs hängt ein Logo, das besagt, dass dies eine Schule "ohne Rassismus" und "für  Courage" ist. Und gleich über dem Eingang prangt ein Leitsatz von Rosa Parks: "Ohne Mut und Inspiration werden Träume sterben, die Träume von Freiheit und Frieden."

Gerald Asamoah ist einer von drei Paten, die die Rosa-Parks-Schule in ihrem Engagement gegen jegliche Diskriminierung unterstützen. Murat Turcan, der jetzt in der elften Klasse ist, erinnert sich noch, wie sich die Schüler vor vier Jahren im Unterricht auf den ersten Besuch des Fußballers vorbereitet haben. "Wir waren fasziniert von seinem Buch, wo er beschreibt, wie er beschimpft und beleidigt worden ist. Er hat es allen gezeigt, dass man sich trotz anderer Hautfarbe durchsetzen kann. Er hat sich nicht unterkriegen lassen."

Die ganze Klasse hatte damals gegen ihre Lehrerin Stephanie Brzoza gewettet, dass so ein Star wie Asamoah kaum an die Schule kommen würde, um mit der Klasse über seine Rassismuserfahrungen zu sprechen. Die Kinder haben die Wette verloren. "An dem Tag, als Asamoah dann kam, war die Nervosität sehr groß", sagt Murat. "Das kribbelt immer noch im Bauch, wenn ich daran denke."

Couragiert gegen Ausländerfeindlichkeit

Aktive Schüler gegen Rassismus: die derzeitige Schülersprecherin Sarah Ates links, in der Mitte Johannes Cronauer, rechts Florian Thielemann, ehemaliger Schülersprecher der Rosa-Parks-Gesamtschule in Herten (Foto: DW/G.Reucher)

Engagiert gegen Rassismus: Sarah Ates, Johannes Cronauer, Florian Thielemann

Der ehemalige Schülersprecher Florian Thielemann hat sich besonders dafür stark gemacht, dass sich die Rosa-Parks-Schule offiziell "Schule ohne Rassismus" nennen darf. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um Gerald Asamoah als Schulpaten zu gewinnen. "Asamoah steht für Toleranz und gegen Rassismus, und das ist ja in unserem Sinne gewesen." Mit Briefen und guten Gründen haben die Schüler ihn überzeugt. "Wir haben einen sehr hohen Migrantenanteil, und da ist es unumgänglich, couragiert aufzutreten."

Die 62.000-Einwohner-Stadt Herten liegt mitten im Ruhrgebiet. Rund 14 Prozent der Bevölkerung kommen aus dem Ausland. Die Arbeitslosenquote liegt bei 12 Prozent. Das spiegelt sich auch in der Schule wider. Der Anteil der Schüler aus anderen Kulturen liegt bei 50 bis 60 Prozent.

"Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage"

"Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" ist ein europaweites Projekt für Toleranz und Aufklärung, unterstützt von der Europäischen Union. Schulen, die den Titel tragen wollen, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllen. "Die Schüler mussten sich dazu verpflichten, rassistische Vorgänge nicht zu tolerieren, sondern dagegen vorzugehen", sagt Schuldirektor Thomas Aehlig.

Lehrerinnen (links Renate Tellgmann, rechts Stephanie Brzoza) stehen mit Schülern und Schülerinnen der Rosa-Parks-Schule Herten vor einem Plakat der Namensgeberin Rosa Parks (Foto: DW/G.Reucher)

Schüler und Lehrer mit Courage

Mindestens 70 Prozent aller Schüler und Beschäftigten an einer Schule müssen unterschreiben, dass sie sich im Alltag aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzen wollen. Außerdem braucht man geeignete Paten für die Schule und soll jedes Jahr ein Projekt über "Schule ohne Rassismus" gestalten. "Das ist natürlich nicht nur ein Label, das an unserer Schule klebt. Wichtig ist mir, das auch im Unterricht zu leben", betont Schulleiter Aehlig.

Gerald Asamoah war schnell überzeugt. "Ich fand die Idee einer Patenschaft sehr gut, deshalb stehe ich auch wirklich dahinter", sagt der Fußballer, der mittlerweile Pate für fünf Schulen in Deutschland ist. "Einen Erwachsenen kann ich nicht mehr verändern, der hat seine Meinung, auch wenn ich auf ihn einrede. Aber die jungen Leute, mit denen kannst du wirklich reden und ihnen klar machen: Wir sind alle gleich. Die jungen Leute sind die Zukunft."

Jedes Jahr gibt es Projekte zum Thema Rassismus und Courage an der Rosa-Parks-Schule. So haben Schüler in der Vergangenheit einen "Anti-Rassismus-Bus" in Herten gestaltet. In diesem Jahr sollen die Flüchtlingsklassen einbezogen werden. "Wir werden ein großes Plakat mit den Flüchtlingsklassen machen", sagt Schülersprecherin Sarah Ates. "Wir wollen ein Zeichen für Toleranz setzen und damit zeigen, dass wir die Flüchtlinge willkommen heißen."

Rosa Parks als Vorbild

Bushaltestelle der Rosa-Parks-Schule Herten mit einem Graffiti der Bürgerrechtlerin (Foto: Rosa-Parks-Schule Herten)

Rosa-Parks-Bushaltestelle vor der Schule

Der ehemalige Schüler Florian Thielemann bekam für seine Aufklärungsarbeit zum Thema Rassismus den "Rosa-Parks-Preis" der Schule, der jedes Jahr an ihrem Geburtstag verliehen wird. Denn auch Rosa Parks, die am 4. Februar 1913 geboren wurde, setzte sich zu Zeiten der Rassentrennung in den USA gegen die Diskriminierung Schwarzer ein. 1955 wurde die Afroamerikanerin verhaftet, weil sie sich weigerte aufzustehen, um einem Weißen ihren Sitzplatz zu überlassen.

"Der Preis ist nicht nur ein Signal gegen Rassismus, sondern auch für Zivilcourage und Engagement bei Projekten, die das menschliche Miteinander fördern", sagt Renate Tellgmann, die an der Schule für die Koordination interkultureller Projekte zuständig ist. In einem Projekt hat sie mit Schülern und Schülerinnen eines Religionskurses fast drei Jahre lang an der Namensgebung gearbeitet. Seit 2008 darf sich die Gesamtschule Herten nach Rosa Parks benennen. "Durch die Namensgebung fallen den Schülern auch Verbindungen auf, zum Beispiel, dass es in der NS-Zeit diskriminierende Gesetze gab oder auch in Südafrika zur Zeit der Apartheid." Jetzt sei US-Präsident Donald Trump das große Thema und die Flüchtlinge in Deutschland. "Da gibt es ganz praktische Hilfe", sagt Renate Tellgmann. "Darunter eine Gruppe von Oberstufen-Schülern und -Schülerinnen, die den Flüchtlingen in ihren Freistunden Deutschunterricht geben."

Rassismus steckt noch in vielen Köpfen

Jessica Nsanda, Schülerin der Rosa-Parks-Schule Herten, steht vor einer Plakatwand mit Kunstwerken, darunter ein Selbstporträt, das sie im Kunstunterricht angefertigt hat (Foto: Renate Tellgmann)

Jessica Nsanda nervt, wenn Leute sie aufgrund ihrer Hautfarbe falsch einschätzen

Natürlich gäbe es trotzdem auch an der Rosa-Parks-Schule Rassismus und Diskriminierung, sagt Tellgmann, aber es gäbe immer auch Schüler, die dagegen einschritten. Außerhalb der Schule ist das anders. Jessica Nsanda fällt schon wegen ihrer dunklen Hautfarbe auf. Erst neulich in der Bahn habe man sie wieder an den Haaren gezupft, erzählt sie in einer kleinen Gesprächsrunde. Und als eine ältere Dame ihr Handy sah, sagte sie zu ihrer Sitznachbarin: "Die kommen hier gerade nach Deutschland und geben ihr Geld schon für Handys aus." Jessica zuckt mit den Schultern: "Was soll ich da machen, die haben halt so ein Bild von uns." "Mir greifen die Leute immer in die Haare, das mag ich nicht, deshalb trage ich meine Haare jetzt kurz", erzählt Johannes Cronauer, ein ehemaliger Schüler, der aktiv war, als es um die Gestaltung des Anti-Rassismus-Busses ging.

Sozialarbeiter Martin Schwirske bestärkt die Schüler immer wieder in ihrem Engagement gegen Rassismus. Er koordiniert an der Gesamtschule die Arbeitsgruppe "Schule ohne Rassismus" und ist stolz auf die Projekte der Schüler. Natürlich könne man sich auf dem Siegel "Schule ohne Rassismus" nicht ausruhen und müsse sich immer wieder in Projekten mit dem Thema auseinandersetzen und das nach außen tragen, sagt er. Ihm ist klar: "Die Schule ohne Rassismus ist eigentlich das Ziel, kein Zustand."

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