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Politik

Die Verantwortung des Westens

Ein Ziel haben die Geiselnehmer von Moskau zweifelsohne erreicht: Der Konflikt in ihrem Land steht wieder international auf der Tagesordnung – doch dessen Lösung liegt noch immer in weiter Ferne.

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Geisterstadt Grosny

Das Geiseldrama von Moskau ist blutig zu Ende gegangen, der zwei Jahrhunderte lange Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien geht aber weiter. Seit 1994 führt Russland einen brutalen Krieg gegen die abtrünnige Kaukasusrepublik. Bei so genannten Säuberungsaktionen sollen russische Soldaten Dorfbewohner vergewaltigt, verschleppt und getötet haben. Aus Moskau heißt es, diese "Säuberungen" seien notwendige Maßnahmen im Anti-Terror-Kampf.

Präsident Wladimir Putin kündigte an, der Kampf gegen den
Terrorismus werde auch in der nationalen Sicherheitsdoktrin Russlands festgeschrieben. Falls Terroristen das Land mit Massenvernichtungswaffen bedrohen sollten, werde Moskau mit gleichen Mitteln zurückschlagen.

Zehntausende Menschen wurden bei den Kämpfen zwischen russischen Soldaten und tschetschenischen Rebellen bisher getötet - die meisten von ihnen Zivilisten. Viele tschetschenische Dörfer und die Hauptstadt Grosny liegen in Schutt und Asche. Russlands Präsident Wladimir Putin rechtfertigt das harte Vorgehen seiner Armee mit dem Begriff "antiterroristische Operationen". Tschetschenische Rebellen ihrerseits versuchten immer wieder, mit Entführungen und Geiselnahmen ein Ende des Tschetschenien-Krieges zu erzwingen.

Kein Status Quo für die Ewigkeit

Gazan Gusejnow, Russland-Experte und Journalist, ist der Überzeugung, dass man es bei dem Krieg in Tschetschenien mit einer "verspäteten Entkolonialisierung" zu tun habe – und der werde sich noch lange hinziehen. "Man versucht die ganze Zeit, den Status Quo so zu betrachten, als sei er für die Ewigkeit gedacht", gibt er zu bedenken. "Das ist nicht der Fall."

1991 hatte Tschetschenien sich für unabhängig erklärt. Russlands Antwort kam drei Jahre später: Moskau schickte 60.000 Soldaten in das Land im Kaukasus. Die meisten Russen sind gerade nach dem Geiseldrama von Moskau von der Richtigkeit dieses Vorgehens überzeugt: Ihrer Ansicht nach haben in Tschetschenien Terroristen das Sagen. Präsident Putin bringt die tschetschenischen Geiselnehmer im Moskauer Musical-Theater sogar mit Osama bin Ladens Terror-Netzwerk Al-Kaida in Verbindung.

Verbrecherisch, aber nicht wahllos

Doch Gazan Gusejnow sieht Unterschiede zwischen den tschetschenischen Terroristen von Moskau und der Al-Kaida: Er sieht in der Geiselnahme ein Versuch, die Aufmerksamkeit auf das konkrete Vorgehen der russischen Armee in Tschetschenien zu lenken - zwar mit absolut verbrecherischen Mitteln, aber ohne "die wahllose Vernichtung" von Menschenleben. Die Wurzeln des Geiseldramas seien weniger im internationalen Terrorismus, als konkret in Moskaus Krieg gegen Grosny zu suchen, meint Gazan Gusejnow.

Und er kritisiert den Westen: Der habe nach den Terroranschlägen vom 11. September zu lange zu Putins so genanntem Anti-Terror-Kampf in Tschetschenien geschwiegen: "Man ist gegenüber Russland zu tolerant, zu heuchlerisch. Damit missachtet man die russischen Demokraten." Putin habe in den letzten Jahren das Land entpolitisiert und die Opposition zum Schweigen gebracht – und gerade deshalb müsse der Westen eine klare Linie ziehen.

Lösung nur aus dem Westen

Nur mit Hilfe der westlichen Staatengemeinschaft, meint Gazan Gusejnow, könne eine politische Lösung des Konflikts zwischen Russland und Tschetschenien überhaupt noch gefunden werden: "Meiner Meinung nach ist die einzige vernünftige Alternative heute eine internationale Vermittlung. Eine sehr stark von der europäischen Gemeinschaft, überhaupt vom demokratischen Westen verlangte Vermittlung." Russland habe in den letzten zehn Jahre bewiesen, dass es das Problem mit eigenen Mitteln nicht lösen könne – und schon gar nicht politisch.

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