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Kultur

Die Schindler-Liste als Rettung vor dem Tod

Am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, wird seit 1996 in Deutschland den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Stella Müller-Madej ist eines dieser Opfer. Sie ist Zeugin unsagbarer Gräueltaten geworden.

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Oskar Schindler (Archivbild von 1967) half Stella Müller-Madej

Stella Müller-Madej überlebte das Krakauer Ghetto und die Konzentrationslager von Plaszow und Auschwitz. Sie hatte Glück, eine von "Schindlers Juden" zu sein. Oskar Schindler, jener deutsche Unternehmer und NSDAP-Mitglied, der nach dem Überfall auf Polen nach Krakau kam, um Geschäfte zu machen, und der dann bis Ende des Krieges damit beschäftigt war, Menschenleben zu retten.

Die Autobiographie von Stella Müller-Madej ist eines von wenigen authentischen Zeugnissen über Schindlers Taten und das einzige autobiographische Buch eines von ihm geretteten Juden. 1100 Krakauer Juden verdanken dem Unternehmer ihr Leben. "Sogar die frömmsten Juden beten statt zu Gott noch heute zu Schindler", sagt Stella Müller-Madej. Sie ist nicht religiös, sagt jedoch jedes Mal ohne zu zögern, voller Überzeugung wie aus dem Gebet: "Das biologische Leben verdanke ich meinen Eltern, das zweite Leben ist mir gegeben von Oskar Schindler."

Schreiben als Hilfe

Der Weg von Stella Müller-Madej zu Schindlers Fabrik, wo sie die letzten neun Monate bis zum Ende des Krieges in relativer Sicherheit verbrachte, war lang. Er führte über das Krakauer Ghetto und die zwei Konzentrationslager Plaszow und Auschwitz, wo sie mehrmals wie durch Wunder dem Tode entkam. Sie war neun Jahre alt, unbekümmert und frech, als der Krieg ausbrach. Bei Kriegsende war sie 15 und konnte sich die Freiheit nicht vorstellen.

Um sich in das neue Leben nach dem Krieg hineinzufinden, schrieb Stella Müller-Madej. Der Impuls kam durch einen Kinobesuch. Ihr Vater schaute sich mit ihr einen Kriegsfilm an. Stella war schockiert. Nach dem Leben, das sie gelebt habe - mit allgegenwärtigen Läusen, in Dreck und Unrat, mit Hunger und Mord -, sei dieser Film irgendwie zu sauber gewesen, sagt sie. "Es gab dort Frauen in gestreifter Häftlingskleidung, es gab dieses entsetzliche Gebrüll der Aufseherinnen und so weiter. Aber für mich, die persönlich Tag für Tag verurteilt war, am Untergang teilzunehmen, an der Zerstörung der Menschen durch andere Menschen, war dieser Film nicht akzeptabel."

Gedenken als Pflicht

Stella war zugleich über die Reaktionen des Publikums erschüttert. Sie hörte Schluchzen von den einen und zugleich Kommentare von anderen: "Das ist völliger Unsinn, absolut ausgeschlossen, dass so etwas passiert ist", sagten sie. Das sei ihr Anfang der 1950er Jahre in Krakau passiert. Seit diesem Zeitpunkt versteht Stella Müller-Madej es als Pflicht, das Gedenken an all diejenigen wach zu halten, die vor ihren Augen malträtiert, erschossen, erhängt und vergast wurden: "Ich darf nie versuchen zu vergessen, denn diese Menschen, die umgekommen sind, haben nicht verdient, vergessen zu werden", sagt sie.

Rettung durch die Schindler-Liste

Stella Müller-Madej selbst ist durch die so genannte "Schindler-Liste" gerettet worden, die 1944 angesichts der Liquidierung des KZs Plaszow entstand. Stella, ihre Eltern und ihr Bruder gerieten durch einen von vielen Zufällen, dem sie das Leben verdanken, auf die rettende "Schindler-Liste". Zunächst wurde dort ihr Onkel von Kollegen eingesetzt. Er fürchtete jedoch die Rache für sich und seine Familie durch den wegen Grausamkeit berüchtigten Ammon Göth, den Lagerkommendanten, der ihn hasste. Daher bat er, anstelle seiner Familie die Verwandten auf die Liste zu setzen.

Durch diese Liste konnten viele jüdische Familien gerettet werden, denn sie konnten in Schindlers neuer Fabrik im böhmischen Brünnlitz bis Ende des Krieges arbeiten. Schindler selbst sorgte unter Einsatz seines Vermögens und auch seines Lebens so gut er konnte für ihr Wohl und ihre Sicherheit. Zum Abschied bekam er von seinen Schützlingen einen goldenen Ring mit dem eingravierten Satz aus dem Talmud: "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt."

"Wir waren überrascht über jede einzelne Stunde, die wir überlebten, denn wir wussten alle, dass wir zum Tode verurteilt sind, sei es durch Vergasung, sei es durch Erschießung. Wir hatten einfach keine Lebensberechtigung", sagt Stella Müller-Madej. Auf der jungen Generation der Deutschen laste keine Schuld für Taten ihrer Großväter und Väter, sagt sie. "Es hat lange gedauert, doch jetzt kann ich mit tiefer Überzeugung sagen, dass ich das deutsche Volk, die Nachkriegsgenerationen, nicht mehr für potenzielle Feinde halte."

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