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Kultur

Erinnern auf deutsch

Mahnmale, Gedenktafeln und Stolpersteine. Geschichte wohin man auch sieht. Das Erinnern hat in den letzten Jahren Konjunktur in Deutschland. Die Frage ist: Gigantisch oder lieber unauffällig?

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Stolpern gegen das Vergessen

Verrostete Stahlpfähle, Tümpel voller Regenwasser und morsche Holzbaracken. Dort, wo einst die Machtzentrale der Gestapo stand und an Schreibtischen Vernichtungspläne entworfen wurden, laufen heute manchmal sogar Hühner herum. Diese trostlose Bauruine zwischen Brandenburger Tor und dem edlen Gropius-Bau sollte eigentlich die "imposanteste NS-Gedenkstätte Europas" werden.

Gesicht des Grauens und Ort der Erinnerung

Aus aufwändigen Weißbetonstäben wollte der Schweizer Architekt Peter Zumthor dem Grauen ein Gesicht und den Menschen ein Ort der Erinnerung geben. Doch die "Topographie des Terrors" entpuppte sich als ein erinnerungspolitisches Fiasko.

Zwei Betonbaufirmen gingen pleite, endlose Debatten über die komplizierte Konstruktion versandeten, und nach zehn Jahren erklärten Bund und Land: der Entwurf sei ein Kostenrisiko und deswegen nicht realisierbar. Zumthor muss gehen, das Projekt wird neu ausgeschrieben und die 15 Millionen Euro, die das Vorhaben bislang verschlungen hat, werden unter dem Stichwort "Berliner Sumpf" verbucht.

Erinnerung im Dreiklang

Dabei sollte mit Zumthors Projekt eine "Trias der Erinnerung" vollendet werden. Das Jüdische Museum von Daniel Libeskind, Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal und Zumthors Museum sollten die neue Hauptstadt zu einem europäischen Glanzlicht in der Vergangenheitsbewältigung machen. Ihre Gemeinsamkeit: gigantisch und medienwirksam Geschichte in Beton zu gießen. "Man glaubt durch riesige Monumente der Größe der Schuld angemessen zu reagieren", vermutet Gerald Echterhoff. Er ist Psychologe und beschäftigt sich seit Jahren mit der Erinnerungskultur in Deutschland.

Symbolisch aufgeladener Monumentalismus sei zwar sehr imposant, aber meistens auch redundant und anonym. "Eine psychologische Verarbeitung der Shoah führt nur über die Emotionalisierung. Und die ist durch abstrakte Bauwerke oft nicht zu gewährleisten. Die prallen oft an den Einzelschicksalen ab. Stattdessen muss man im Kleinen anfangen", erklärt Echterhoff.

Stolpern über Vergangenheit

Der Initiator eines dieser "kleinen" Projekte ist Gunter Demnig. Der Grafiker hat seit 1990 mehr als 1200 Erinnerungspunkte in Köln geschaffen. 10 mal 10 Zentimeter große Steine mit den Namen und - soweit rekonstruierbar - Lebensdaten der Opfer, die Demnig in ebenso große Messingplatten graviert hat. "Hier lebten Elsa und Max Reichhardt - 1941 ermordet in Auschwitz" steht auf einem drauf.

Es sind keine Grabsteine, auf die man nicht treten darf, sondern Steine über die Menschen stolpern, innehalten, sich erinnern sollen. "Je öfter die Leute über diese kleinen Stolpersteine gehen, desto blanker werden sie und der Text ist leichter zu lesen", erklärt Gunter Demnig. Man begegnet diesen kleinen Erinnerungspunkten überall - vor Supermärkten, Wohnhäusern oder Spielplätzen. Unauffällig aber trotzdem unausweichlich sind sie in Bürgersteige eingelassen. Nicht bombastisch, sondern leise versuchen sie Erinnerung zu schaffen.

Kleine Erfolgsstory

Während die gigantischen Großprojekte in Berlin durch Finanzprobleme und bürokratische Hürden jahrelang brach liegen und nur sehr mühsam realisiert werden, sind die "Stolpersteine" eine kleine Erfolgsstory. Inzwischen hat sich Demnigs Erinnerungsarbeit weit über die Kölner Stadtgrenzen hinaus herumgesprochen. Sie wird von Spenden, Paten und dem Künstler selbst finanziert. Im Gegensatz zum Berliner Holocaust-Mahnmal etwa, findet sie sowohl bei Juden, als auch Deutschen eine breite Zustimmung.

Der 57-Jährige fährt mit seinem roten Lieferwagen durch ganz Deutschland. Seine "Stolpersteine" gibt es inzwischen auch in Hamburg, Düsseldorf oder Freiburg. Selbst aus Amsterdam oder Paris würden Anfragen kommen. "Die Erinnerung an die Shoah sollte man nicht aus dem Alltag bannen und nur in ritualisierten Formen und bestimmten Plätzen zulassen. Sie muss erfahrbar sein. Ganz persönlich und überall", sagt Gunter Demnig und graviert dabei schon den nächsten Namen in einen seiner "Stolpersteine" ein.

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