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Spielzeug

Die Puppe zum Ausspionieren

Mit neuartigem "intelligentem Spielzeug" können Konzerne, Eltern und Fremde Kinder wunderbar ausspähen. Datenschützer und Kinderrechtler schlagen Alarm.

Puppe My Friend Cayla (picture alliance/PA Wire/N. Ansel)

Die Puppe "My Friend Cayla"

Das Christkind wird auch dieses Jahr sicher wieder viele neue Puppen unter den Weihnachtsbaum legen. Manche können laufen, manche sprechen, andere weinen und lachen. Ein bestimmtes Modell, knapp 50 Zentimeter groß, blond, blauäugig, mit Jeansjacke und rosa Rock, "My Friend Cayla", kann vor allem eins: Zuhören. 

Cayla sieht genauso unschuldig aus wie ihre Puppenkolleginnen, ist aber alles andere als harmlos. EU- und US-Verbraucherschützer warnen, die Puppe gehöre zu einer Gruppe von Spielzeug, das Kinder und ihre Umgebung "ausspioniert" und dabei eine ganze Reihe von Persönlichkeits- und Datenschutzrechte verletze. Über eine App und eine Bluetooth-Verbindung können Kinder der Puppe Fragen stellen. Die gesprochene Sprache wird dann in Text umgewandelt, und die App sucht im Netz eine passende Antwort, worauf die Puppe dem Kind auf die Frage antwortet.

Der europäische Verbraucherschutzverband BEUC und amerikanische Verbände wie EPIC haben jetzt Beschwerde gegen die Hersteller Mattell und Genesis Toys eingelegt. Neben der Puppe "My Friend Cayla" geht es um anderes sogenanntes intelligentes Spielzeug. Dazu gehören auch die Puppe "Hello Barbie" sowie der Roboter "i-Que". "Dieses Spielzeug ist so angelegt, dass es die Unterhaltung von Kindern ohne jede Beschränkung der Erfassung, der Nutzung oder der Weitergabe dieser persönlichen Informationen aufnimmt", heißt es in der Beschwerdeschrift mehrerer amerikanischer Verbraucherschutzorganisationen.

Lauschangriff (Fotolia)

Heute kann man seine Kinder viel leichter aushorchen

Hacker haben's leicht

Nach Untersuchungen des norwegischen Verbraucherrates, der die Nutzungsbedingungen der drei Spielzeuge untersucht hat, "wird alles, was das Kind der Puppe sagt, an die in den USA ansässige Firma Nuance Communications übertragen, die sich auf Spracherkennungsprogramme spezialisiert hat". Der Verbraucherrat fand ebenfalls heraus, dass über das Spielzeug eine versteckte Vermarktung stattfindet. Dank bestimmter einprogrammierter Standardsätze erzählt Cayla ihrer Besitzerin zum Beispiel nur zu gern, dass sie besonders Disney-Filme mag. Es überrascht nicht, dass der App-Anbieter eine enge geschäftliche Verbindung zu Disney unterhält.

Nils Christian Haag, Datenschutzexperte bei der Firma Intersoft Consulting, sagte der Deutschen Welle, die Gefahr eines möglichen Missbrauchs dieses Spielzeugs sei enorm groß. Mit der ständigen technischen Weiterentwicklung des Spielzeugs müsse man es auch sicherer machen, fordert Haag. Zumindest müsse es eindeutige Hinweise geben, "welche Daten weitergegeben werden, an wen und wofür sie verwendet werden". Die mitgelieferten umfangreichen und schwierig zu verstehenden Nutzungsbedingungen hält Haag für keinesfalls ausreichend. Und der Verbraucherschutzexperte fügt hinzu, dass bei Verwendung einer Bluetooth-Verbindung auch immer die Gefahr besteht, dass sich ein Hacker einklinkt. "Bei Smartphones wird einem geraten, die Bluetooth-Funktion immer auszuschalten, wenn man sie nicht braucht", sagt Haag.

Mitten in der Privatsphäre des Kindes

Mädchen liegt unter der Bettdecke und liest ein Buch (picture-alliance/ blickwinkel)

Oft vertrauen Kinder ihren Puppen und Kuscheltieren ihre größten Geheimnisse an

Die europäische Verbraucherschutzorganisation BEUC glaubt, dass man bei intelligentem Spielzeug nicht nur über die Frage des Datenschutzes diskutieren muss. BEUC zitiert aus der Untersuchung des norwegischen Verbraucherrats: "Mit einigen einfachen Schritten kann jeder dieses Spielzeug über ein Mobiltelefon kontrollieren. So ist es möglich, von außen über das Spielzeug dem Kind zuzuhören und zu ihm zu sprechen." Luise Schmidt, beim Kinderhilfswerk zuständig für Kultur und Medien, meint, bei intelligentem Spielzeug tue sich eine riesige Sicherheitslücke auf. "Man muss kein Experte sein, um sich über Bluetooth einzuschalten", so Schmidt, was das Tor für Mobbing und sexuellen Missbrauch weit aufstoße.

Das Spielzeug verstoße auch gegen das Recht auf Privatsphäre. Nach Artikel 16 der UN-Kinderrechtskonvention hat jedes Kind das Recht auf Privatsphäre. Bei einigen dieser intelligenten Spielzeuge können Eltern über den App-Zugang hören, was das Kind gesagt oder gefragt hat. "Kinder vertrauen ihren Puppen oft Dinge an", sagt Luise Schmidt. "Sie erzählen ihnen Dinge, die sie nicht unbedingt ihren Eltern erzählen würden." Wer als Eltern über eine solche Puppe seine Kinder aushorche, verletze daher das Recht des Kindes auf Privatsphäre.

Spielzeug "für den Markt ungeeignet"

Zu all diesen Problemen kommt noch der langfristige Zweck der gespeicherten Sprachaufnahmen hinzu. Luise Schmidt vom Kinderhilfswerk warnt, in Zukunft werde man mit den Daten ein vollständiges Persönlichkeitsprofil erstellen können. "Alles ist miteinander verbunden. Aufnahmen von den Puppen, IP-Adressen, von den Eltern hochgeladene Kinderfotos, alles könnte in einem Ordner gesammelt werden", so Schmidt, "egal ob es das Kind - wenn es älter ist - will oder nicht." Statt sich in ihrer Suche nach Antworten auf das Leben an "Cayla" zu wenden, rät Luise Schmidt Eltern, Kinder beim Surfen im Netz immer zu begleiten. "Dieses Spielzeug sollte einfach nicht auf dem Markt sein." 

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