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Wirtschaft

Die Ich-AGs verschwinden - was kommt danach?

Im Sommer 2002 war sie in aller Munde und wurde zum Unwort des Jahres gekürt - die Ich-AG. Sie sollte Arbeitslosen den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern. Nun wird die Ich-AG wieder ausrangiert.

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Das Unwort des Jahres 2002

Seit Januar 2003 war die Ich-AG, ihr offizieller Name lautet Existenzgründungszuschuss, ein Bestandteil der deutschen Arbeitsmarktreformen. Die so genannten Hartz-Gesetze sollten die Kosten senken und die Vermittlung von Arbeitslosen in neue Jobs effizienter machen. Das Ergebnis waren höhere Kosten, Kompetenzwirrwarr zwischen den Behörden und mehr Bürokratie - weswegen das Instrument am Freitag (30.6) wieder abgeschafft wird. Von der Ich-AG erhoffte man eine Welle von Unternehmensgründungen. Doch viele der Neu-Unternehmer mussten schon nach kurzer Zeit wieder aufgeben.

Eine Ich-AG der ersten Stunde war die Existenzgründung von Johanna Ismayr: "Das erschien mir damals als das unbürokratischste. Ich hatte unheimlich viele Vorbereitungen zu treffen, hatte unheimlich viel Arbeit und da konnte ich keine großartigen Unternehmenskonzepte oder Businesspläne erstellen, sondern habe schlichtweg nebenbei diese Ich-AG beantragt." Johanna Ismayrs Konzept, einer Strandbar mitten im Berliner Regierungsviertel, ging auf. Sie wusste ihre Ich-AG erfolgreich als Marketinginstrument einzusetzen und wurde eine von Berlins Vorzeige-Existenzgründerinnen. Obwohl oder gerade weil sie schon bald auf die Förderung verzichtete: "Damals durfte man mit Förderung noch keine Leute einstellen und ich hab's dann auch einfach gar nicht mehr gebraucht."

Gründungsboom ließ Kosten explodieren

Logo der Agentur für Arbeit Arbeitslosigkeit p178

Existenzgründungen sollten Arbeitslosen neue Perspektiven eröffnen

Im Unterschied zum bereits seit 1986 bestehenden Förderinstrument für Arbeitslose, dem Überbrückungsgeld, bekamen Ich-AG-Gründer eine finanzielle Unterstützung über einen Zeitraum von drei Jahren. Sonderkonditionen in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung gewährleisteten die soziale Absicherung. Der Zugang war einfach und unbürokratisch. Einen ausgefeilten Business-Plan brauchten die Neu-Gründer nicht, um an das Fördergeld zu kommen. Hier sieht der Unternehmensberater Michael Geiger einen großen Fehler in der Umsetzung der Ich-AG: "Weil letztlich ist es ja auch ein Stück Energieverlust, ein Stück Verlust der Vision, wenn man nach ein oder zwei Jahren so eine Sache wieder in den Sand setzt und dann wieder dort steht, wo man zu Beginn stand."

Also wurde nachgebessert: Wer die Förderung in Anspruch nehmen wollte, musste nun seine Geschäftsidee zu Papier bringen und sich die wirtschaftliche Tragfähigkeit seines Unternehmens bescheinigen lassen. Zwar brachte der Gründungsboom eine vielfältige Dienstleistungslandschaft mit sich, von einer neuen Gründungskultur wurde gesprochen, doch damit stiegen auch die Kosten für die Förderung beträchtlich.

Das Institut für Arbeitsmarktforschung wies jedoch auch auf Erfolge hin. Eine Untersuchung der "Abbrecher" ergab, dass sich von diesen nur etwas mehr als die Hälfte wieder arbeitslos gemeldet hatten und 30 Prozent waren sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Geiger-Unternehmensberatung sammelte ähnliche Erfahrungen und macht dafür das aus der Existenzgründung und der begleitenden Beratung erwachsene Selbstbewusstsein verantwortlich: "Die Leute sind aus Ihrer Selbstständigkeit angesprochen worden und in Arbeitsverhältnisse gekommen. Das heißt die Selbstvermarktung hat durch diesen Schritt geklappt."

Abschließende Bewertung noch nicht möglich

Hannelore Belle sah 2003 den Existenzgründungszuschuss als letzte Chance für sich, denn sie hatte nur noch einen Monat Anspruch auf Arbeitslosengeld: "Und da hab ich gedacht, du musst eine Ich-AG machen. Sonst wäre ich im Sozialhilfebereich gewesen und das wollte ich auf keinen Fall, also da geht es in meinem Kopf immer weiter nach unten."

Peter Kees Ich AG Ausstellung Kunst Berlin

Ab Ende Juni Geschichte: Die Ich-AG

Doch mit der Ich-AG ging es auch nicht bergauf. Persönliche Schicksale raubten ihr die Energie, ihre Geschäftsidee, eine besondere Art der Stadtführung, erfolgreich umzusetzen. Die heute 58jährige ist froh, dass sie schuldenfrei aus der Förderung geht. Bei etwa einem Drittel der Abbrecher, so das Institut für Arbeitsmarktforschung, war der Ausflug in die Selbstständigkeit mit Schulden verbunden. Und in dieser Situation können auch kleine Beträge schnell zu einer großen Belastung werden.

Eine abschließende Bewertung des Förderinstruments Ich-AG ist noch nicht möglich, doch die Forschung sieht sowohl in der Ich-AG als auch im Überbrückungsgeld ein erfolgreiches Instrument der Arbeitsmarktpolitik. Nun sollen beide Instrumente zusammengelegt werden. Dann muss der Gründer nach 15 Monaten auf eigenen Füßen stehen. Eine Milliarde Euro Einsparung erhofft sich die Regierung vom so genannten Gründungszuschuss - und zumindest der Name dieses Förderinstruments hat wohl keine Chance, zum Unwort des Jahres gewählt zu werden.

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