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Die Drachme ist keine Alternative

Schlaue Ökonomen, unter ihnen Ifo-Chef Hans Werner Sinn, wollen den Griechen schon seit langem die Rückkehr zur Drachme schmackhaft machen. Aber ist das wirklich eine Alternative?

Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, der so genannte Grexit, wird immer wahrscheinlicher, und er wird sich vermutlich sehr unspektakulär zunächst auf technischer Ebene abspielen. Wenn sich ein Zahlungsausfall Griechenlands abzeichnet, sind auch die Staatsanleihen, die von griechischen Banken gehalten werden, wertlos. Diese haben sie bislang als Sicherheiten hinterlegt, um überhaupt noch an Euro-Bargeld zu kommen.

Ohne die wertlosen "Sicherheiten" muss die Europäische Zentralbank auch die Liquiditätszufuhr über ELA-­Notkredite an die griechischen Banken kappen, die sie noch am Sonntag nach einer Telefonkonferenz des Zentralbankrates verlängert hat. Denn der EZB ist es nicht erlaubt, ein Bankensystem am Leben zu erhalten, das nicht mehr solvent ist. Griechenland wäre "abgeknipst" von der Euro-Liquidität und damit faktisch aus der Währungsunion ausgeschieden.

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Abwerten und exportieren?

Andererseits könnte Griechenland versuchen, die Drachme wieder einzuführen. Viele Experten sehen darin die beste Möglichkeit, mit einer drastischen Abwertung von ungefähr 50 Prozent die dauerhafte Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands wiederherzustellen. Reisen würden dann deutlich günstiger und damit die für das Land so wichtige Tourismusindustrie gestärkt. Und auch billige Exportprodukte könnten die heimische Wirtschaft ankurbeln. Waren und Dienstleistungen allerdings, die Griechenland aus dem Ausland importiert, würden deutlich teurer. Und das wird sich schnell bemerkbar machen in einem Land, das knapp die Hälfte seiner Lebensmittel und vier Fünftel seiner Energie importiert.

Der rührigste deutsche Griechenland-Versteher, Hans Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Instituts, behauptet seit Beginn der Krise, allein die Rückkehr zur Drachme könne die griechische Wirtschaft retten: "Schon nach ein bis drei Jahren würde sich das Blatt wenden, und die Arbeitslosigkeit ginge zurück." Mithilfe einer billigen Drachme könnte Griechenland "konkurrenzlos billige Produkte auf den europäischen Markt werfen und Touristen wie Investoren anlocken".

Abwertung wertet Schulden auf

Allerdings hätte auch die neue Drachme einen eklatanten Geburtsfehler. Denn egal, was passiert: Die Schulden Griechenlands würden nicht etwa gestrichen, sondern blieben unverändert bestehen ­- und zwar in Euro. Die aufgenommenen Schulden würden aber im Zuge der Abwertung der neuen eigenen Währung drastisch steigen, wenn die Griechen mit der billigen Drachme die alten Schulden in Euro zurückzahlen müssten. Den Gläubigern ­- und das wird vor allem den griechischen Banken zum Verhängnis werden -­ droht damit ein Totalausfall ihrer Forderungen.

Auch den Griechen selbst stehen harte Zeiten bevor. Das Land müsste sich bemühen, die Sozialsysteme aufrecht zu erhalten und Beamte und Rentner irgendwie weiter zu bezahlen, zunächst einmal mit einer hausgemachten Ersatzwährung, nämlich simplen Schuldscheinen. Die Einschnitte würden aber auch die öffentliche Infrastruktur, die Krankenhäuser, den öffentlichen Nahverkehr, die Müllabfuhr und das Bildungssystem betreffen.

Keine gute Idee

Bei genauerem Hinsehen ist die Wiedereinführung der Drachme keine wirkliche Option. Denn ob sich - nach der notwendigen Abwertung der neuen Währung - tatsächlich bald erste Exporterfolge abzeichnen werden, ist mehr als fraglich. Griechenland hat außer Oliven und Zement keine wirklich weltmarktfähigen Produkte anzubieten. Um aber eine Industrie aufbauen zu können, die Produkte mit hoher Wertschöpfung für den Export herstellen könnte, müssen die wichtigsten Investitionsgüter importiert werden - was mit einer inflationären Drachme kaum zu machen ist.

Ein Artikel in

"Le Monde diplomatique"

beschreibt "drei weitere Aspekte, die in der rein ökonomische Grexit-Debatte ignoriert werden - besonders von Experten, die sich mit neoliberalen Modellen, aber nicht mit Griechenland auskennen." Der erste Aspekt betrifft die Organisation des Übergangs zur eigenen Währung. Sie setze, so der Autor Niels Kadritzke, " generalstabsmäßige Planung und Umsetzung voraus, mit der die griechische Bürokratie völlig überfordert wäre, zumal unter einer Regierung, die wenig administrative Erfahrung mitbringt. Und sie erfordert ein Maß an Disziplin und Verschwiegenheit, das der gesamten politischen Klasse fremd ist."

Riesige Vermögensumverteilung

Auf den zweiten Aspekt verweist der deutsche Griechenland-Kenner Jens Bastian: Er sieht die starke Euro-Bindung der meisten Griechen - 70 Prozent der Griechen wollen im Euroraum verbleiben - auch im Misstrauen gegen die eigenen Eliten begründet: Die Leute wollen nicht, "dass staatliche Repräsentanten abermals die Hände an die Gelddruckmaschine legen können, um die eigene Gefolgschaft in Landeswährung zu bedienen".

Den dritten Aspekt beschreibt Kadritzke so: "Die Rückkehr zu einer inflationären Drachme würde die sozial ausgemergelten Bevölkerungsschichten einer Kaste von Euro-Besitzern ausliefern, die das Land buchstäblich aufkaufen würden - vorweg seine touristisch verwertbaren Immobilien. Das Ergebnis wäre die größte Vermögensumverteilung in Europa seit dem Einzug des Kapitalismus in die ehemalige Sowjetunion."

Die Bundesregierung allerdings hält einen Austritt Griechenlands inzwischen für verkraftbar -­ vor allem, da andere Krisenstaaten wie Spanien, Portugal und Irland mittlerweile wieder auf einem guten wirtschaftlichen Weg sind. Zudem haben Europäische Union und die EZB Maßnahmen getroffen, um ein Überspringen der Krise von Griechenland auf andere Euro­-Staaten zu verhindern. Dazu gehört zum Beispiel der Europäische Stabilitäts­-Mechanismus (ESM), der Staaten im Notfall mit bis zu 500 Milliarden Euro unterstützen kann.

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