Die Bombe, die aus dem Paradies kam | 1945: Ende und Aufbruch | DW | 06.08.2015
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1945: Ende und Aufbruch

Die Bombe, die aus dem Paradies kam

Das "Manhattan Projekt" war ein Kraftakt, fast so teuer wie die Mondlandung. Mehr als 125.000 Menschen arbeiteten fieberhaft daran, die Atombombe vor den Deutschen zu bauen. Nur wenige der Forscher hatten Selbstzweifel.

Ein Atompilz über den Wüste von New Mexiko.

Beim Trinity-Test am 16. Juli 1945 wurde die erste Kernwaffe gezündet.

Keiner weiß, wie oft Robert Oppenheimer die Straße von Santa Fe hinauf nach Los Alamos gefahren ist. Sie ist eine der schönsten Strecken New Mexikos und führt durch eine spektakuläre Landschaft, von der Oppenheimer hoffte, sie werde die Wissenschaftler inspirieren. Unter blauem Himmel fährt man zwischen geschwungenen Hügeln, schaut hinunter in Schluchten und immer wieder tun sich atemberaubende Blicke auf.

Brillante Wissenschaftler

Los Alamos ist ein Paradies und gleichzeitig der Tatort für die Entwicklung der ersten Massenvernichtungswaffe. In dieser Idylle steuerte Robert Oppenheimer das "Manhattan Projekt", mit dem US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Wettlauf um den Bau der ersten Atombombe gegen Hitlers Deutschland gewinnen wollte. Der Physiker habe eine "spektakuläre, noch nie dagewesene Ansammlung brillanter Geister" für das militärische Forschungsprojekt nach Los Alamos geholt, erzählt Heather McClenahan, die Direktorin des örtlichen Historischen Museums.

Darunter befanden sich Nobelpreisträger wie Enrico Fermi, Niels Bohr und Hans Bethe. Am Ende waren es 6000 Wissenschaftler und ihre Familien, die hier lebten. In den über das ganze Land verteilten Labors und Produktionsstätten hätten mehr als 125.000 Menschen für das Manhattan Projekt gearbeitet, sagt McClenahan. Im abgeschiedenen Los Alamos aber liefen die Fäden zusammen, genau genommen im edlen Gebäude der Los Alamos Ranch School, einer renommierten Eliteschule, die man 1943 eigens für das Projekt ausquartiert hatte. Weil die Idee zum Projekt im New Yorker Stadtviertel Manhattan entwickelt wurde, nannte man das Vorhaben "Manhattan Engineering District". Später sprach man nur noch vom "Manhattan Projekt".

Alle nannten ihn "Oppi"

In der holzvertäfelten Aula, die den Wissenschaftlern als Mensa und Versammlungsraum diente, erinnert sich mehr als 70 Jahre später William Hudgens, der als Chemiker in Oppenheimers Team arbeitete. "Jeder kannte jeden. Es gab keine Hierarchien", schwärmt er im Gespräch mit der Deutschen Welle. Und beim Mittagessen konnte man unversehens neben Robert Oppenheimer sitzen. Der sei "total nett" gewesen, alle hätten ihn nur "Oppi" genannt.

Das Gebäude der Los Alamos Ranch School, das Robert Oppenheimer und den Forschern in Los Alamos als Büro- und Versammlungsort sowie Mensa diente. Die Außenfassade des Gebäudes ist weitgehend aus Holz gebaut.

Die Los Alamos Ranch School, in der Oppenheimer und seine Kollegen forschten.

Es war hier eine junge Truppe versammelt, das Durchschnittsalter lag bei 26 Jahren. William Hudgens erinnert sich an viele Partys und noch mehr Alkohol. Doch gleichzeitig war die Atmosphäre sehr angespannt und das Arbeitspensum hart. “Wir alle waren sehr besorgt, dass die Deutschen die kriegsentscheidende Atombombe zuerst haben würden,“ so Hudgens.

Teuerstes Projekt nach Mondlandung

Das Manhattan Projekt hatte für die US-Regierung absolute Priorität. Die Ressourcen waren praktisch grenzenlos. Was 1940 mit einem Budget von 6000 Dollars begann, summierte sich fünf Jahre später auf 2 Milliarden Dollar. "Das teuerste Forschungsprojekt nach der Mondlandung", schätzt Heather McClenahan. Los Alamos hatte neben seiner zentralen Funktion dabei eine weitere entscheidende Aufgabe: "Es war die Waffenschmiede des Projektes", so McClenahan.

Die Aufgabe war, auf der Grundlage aller verfügbaren wissenschaftlichen Ergebnisse über Urananreicherung und die chemische Reinigung von Plutonium eine funktionierende Waffe zu fertigen. Man arbeitete parallel an zwei Bomben, der Uraniumbombe und der Plutoniumbombe.

White Sands Missile Range

Am 16. Juli 1945 war es dann soweit. An diesem Tag sollte die Atombombe getestet werden. Man wählte dafür die Plutoniumbombe aus, da sie noch komplizierter war als die Uraniumbombe. Auf deren Test verzichtete man schon deswegen, weil nicht genügend angereichertes Uranium für eine zweite Bombe verfügbar war. Testgelände war die gut 200 Meilen entfernte White Sands Missile Range, ein gewaltiges Areal genauso groß wie Pennsylvania, Rhode Island und Washington DC zusammen.

Eine Porträtaufnahme des 90jährigen Chemikers Hudgens, der am Manhattan-Projekt mitgearbeitet hatte.

Der 90jährige Chemiker Hudgens.

60 Rancher mussten ihr Land damals an die US-Armee abtreten, erzählt Öffentlichkeitsarbeiterin Lisa Blevin bei der Tour durch die unendlichen Weiten von White Sands. Nur einmal im Jahr öffnet das US-Militär die Tore für eine Besichtigung der historischen Stätte. "Erwarten Sie nicht Disneyland", versucht Lisa Blevin die Erwartungen der kleinen Besuchergruppe zu dämpfen, die hauptsächlich aus Physik- und Chemiestudenten aus Los Alamos besteht.

Nach einer knapp 45minütigen Fahrt zu Ground Zero wird klar, was die Public Relations Frau meint. Dort, wo die erste Atombombe detonierte, erinnert eine unscheinbare Steinstehle an den historischen Augenblick. Lisa Blevin bestätigt, dass die Strahlungen hier immer noch 10mal so hoch sind wie gewöhnlich. Doch auf einem vierstündigen Flug seien die Menschen stärkeren Strahlungen ausgesetzt.

Schwärmen vom Atompilz

Von einem Krater ist kaum etwas zu bemerken. Das Gelände verläuft nur leicht abschüssig zur Stehle. Am umgebenden Sicherheitszaun sieht man lieblos gehängte Bilder von der Explosion, die Oppenheimer und der für das Gesamtprojekt verantwortliche General Leslie R. Groves aus sicherer Entfernung verfolgten. Damals schwärmten die Augenzeugen von der Schönheit, den der Atompilz und das Leuchten der Explosion verbreiteten.

Oppenheimer und General Groves stehen vor der Stelle, an der die Bombe gezündet wurde.

Oppenheimer und General Groves an der Explosionsstelle.

Heute stellt der 23-jährige Physikstudent Kodi Summers fest: "Es ist halt nur ein Explosionskrater. Da ist nicht viel mehr. Aber es war schon cool das hier zu sehen." Der ein Jahr ältere Max aus Deutschland sagt: "Ich mag Atomwaffen nicht." Es wäre wohl besser gewesen, wenn die Atombombe nicht gebaut worden wäre, sagt er. Doch sei es eine gute Sache, dass der Kalte Krieg durch die Atombombe "deeskaliert" worden sei, schließlich habe es keinen Krieg zwischen Ländern gegeben, die über die "nuklearen Möglichkeiten" verfügten.

Überrascht, dass es funktioniert

Nur einen Monat nach der Testexplosion warfen die Amerikaner die Bomben über Nagasaki und Hiroshima ab. Viele der beteiligten Wissenschaftler erfuhren das aus dem Radio - und waren überrascht. Manche hatten bis zuletzt Zweifel, ob die Bomben überhaupt funktionieren würden. "Das vorherrschende Gefühl war Erleichterung, aber es gab keine große Feier", sagt William Hudgens über die Reaktionen in den Labors von Los Alamos. "Uns war nicht danach das zu feiern, was so viele Menschen tötete." Doch der Abwurf habe das Leben von Millionen von Menschen gerettet, da er den Krieg abgekürzt hätte. In dieser Einschätzung weiß er sich mit vielen der beteiligten Wissenschaftler einig.

Eine etwa drei Meter hohe Stele aus Steinquadern steht am Explosionsort.

Die Erinnerungs-Stele am Explosionsort..

Für Hudgens war die Arbeit in Los Alamos "eine rare Gelegenheit und das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte". Schließlich habe diese Bombe die Welt verändert. Robert Oppenheimer bewertete das anders. Nun habe er Blut an den Händen, soll er später gegenüber US-Präsident Truman bei einem Gespräch im Weißen Haus gesagt haben. Die tiefen Zweifel ließen ihn bis zu seinem Tod nicht mehr los.

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