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Filme

Deutscher Monsterfilm: "Der Nachtmahr"

Nach mehreren Festivaleinsätzen kommt der ungewöhnliche Film "Der Nachtmahr" jetzt ins Kino. Regisseur Akiz verrät im DW-Gespräch, was hinter der Idee des Films steckt und wovon er sich inspirieren ließ.

"Ganz klar, das ist mein Debüt", sagt Regisseur Akiz im Gespräch mit der Deutschen Welle. Hinter dem Künstlernamen Akiz verbirgt sich Achim Bornhak. Der wurde 1969 geboren und hat bereits einige Filme gedreht. Warum also spricht der Regisseur von seinem Debüt? Die bisherigen Filme seien Auftragswerke gewesen, erklärt Akiz. Auch einen relativ teuren Kinofilm wie "Das wilde Leben" über die '68er-Ikone Uschi Obermaier, den er 2007 ins Kino brachte, ordnet der Regisseur unter der Rubrik "Auftragswerk" ab.

Akiz: "Eigentlich bin ich Bildhauer und Maler"

Mit "Der Nachtmahr" hat sich Akiz nun neu erfunden: "Ich bin eigentlich Bildhauer und Maler, da mache ich die Sachen so, wie ich sie für richtig halte, ich diskutiere nicht darüber und rechtfertige sie nicht, muss sie auch nicht erklären." So habe er seinen Film "Der Nachtmahr" auch konzipiert: "Ich wollte eine klare Trennung." Eine Trennung zwischen dem Auftrag von irgendeinem Fernsehsender oder einer Film-Produktionsfirma und einem selbstgewählten Stoff.

Szene aus Der Nachtmahr (Foto: Koch Films)

Zuerst gibt's Partys, dann folgt das Grauen: Tina (Carolyn Genzkow, r.) bei einem nächtlichen Gelage

Sein "Debüt" ist also ein Film, bei dem Akiz als Regisseur alle Fäden in der Hand behalten hat, sich nicht von Fördergremien oder Fernsehredakteuren hat reinreden lassen. Tatsächlich akzeptierte das Nachwuchsfestival "Max Ophüls Preis" im Januar Akiz ganz persönliche Definition eines Debütfilms und lud ihn nach Saarbrücken ein.

Auszeichnungen beim "Max Ophüls Preis"

So fand sich der Mittvierziger wieder zwischen Kolleginnen und Kollegen, die alle viel jünger waren. An einen Preis habe er deshalb auch nicht geglaubt, sagt Akiz. Wohl auch, weil er mit seinem Film schon zuvor bei einigen anderen Festivals zu Gast war, unter anderem in Locarno. Doch das Festival überraschte Akiz positiv. Er verließ Saarbrücken gleich mit zwei Preisen: dem der Jugendjury und dem der Ökumenischen Jury.

Von der Skulptur zur Filmfigur

Die Entstehungsgeschichte von "Der Nachtmahr" fällt aus dem Rahmen vergleichbarer Projekte. "Normalerweise schreibt man zuerst die Geschichte und überlegt sich dann, welche Momente man braucht, um sie herzustellen", erklärt Akiz. Bei ihm sei das umgekehrt gewesen. Nicht ein Buch oder ein Manuskript hätten am Anfang von "Der Nachtmahr" gestanden, sondern eine Skulptur: Jenes Wesen, das im fertigen Film scheinbar nur im Kopf eines jungen Mädchens herumspukt.

Akiz (Foto: Isaiah Trickey)

Regisseur Akiz

"Der Nachtmahr" erzählt vom 17-jährigen Mädchen Tina, von deren Ängsten und Visionen. Meistens nachts bekommt Tina Besuch von einem kleinen fötusähnlichen Monster, das ein wenig an "E.T." von Steven Spielberg erinnert, und das sich am liebsten vor dem Kühlschrank in Tinas Elternhaus aufhält und dort ausgiebig Nahrung verspeist.

Symbol für verschüttete Ängste

Er habe 2001 angefangen die Figur aus verschiedenen Materialien zu bauen, am Strand von Venice bei Los Angeles, wo er damals gelebt habe, erinnert sich der Regisseur. Viele Jahre später nun sei diese Skulptur im Spielfilm "Der Nachtmahr" zur Titel-Figur geworden. Und zum Symbol für die verschütteten Ängste und das Unterbewusste einer jungen Frau.

Tina wächst in einem gutbürgerlichen Elternhaus auf, geht auf Partys, tanzt zu Techno-Musik, raucht und schmeißt sich auf Partys Pillen ein. Sie hat Freundinnen, ist zunächst ein ganz normales Mädchen. Doch dann beginnt sich etwas zu verändern. Tina wird von Visionen heimgesucht. Oder eben auch nicht: Akiz überlässt es dem Zuschauer, ob das geheimnisvolle Wesen, der Nachtmahr, nur im Kopf des Mädchens existiert oder ganz real ist. "Ein Kritiker hat mal gesagt, dass ich das Unterbewusste ans Steuer meines Films gesetzt habe - diese Interpretation hat mir gefallen", so der Regisseur.

"Das Gefühl, nicht perfekt zu sein"

Er habe in seinem Film ein Gefühl verfilmen wollen: "Die Momentaufnahme eines Gefühls, das ich dann auf 80 (Film-)Minuten gedehnt habe: das Grundgefühl, nicht perfekt zu sein." Das kenne doch jeder, gibt sich der Regisseur überzeugt.

Szene aus Der Nachtmahr (Foto: Koch Films)

Verliert sich beim Tanz und dann in ihrem Unterbewussten: Tina (Carolyn Genzkow)

Bei den Geldgebern in der Filmszene sei das allerdings nur auf Ablehnung gestoßen. In Deutschland gebe es nur drei bis vier Genres, die gefördert würden, kritisiert Akiz die Kinoszene hierzulande: Kinderfilme, Komödien und Historienfilme mit NS- oder Ost-West-Thematik. Seine ungewöhnliche Film-Idee hingegen hätten viele "als Ohrfeige empfunden".

Deutsche Horrorfilmtradition

Dabei sieht sich der Regisseur in einer großen Tradition. Akiz erinnert an berühmte Stummfilme aus Deutschland: "Das Cabinet des Caligari", "Der Golem" oder die Filme von Friedrich Wilhelm Murnau. Er selbst sieht seinen Film jedoch nicht als Horrorfilm, weil es nicht in erster Linie darum gehe, den Zuschauer zu erschrecken. Sein Film sei vielmehr ein Monsterfilm. Das sei ein wichtiger Unterschied.

"Der Nachtmahr" ist für Akiz ein Monster, von dem keine Gefahr ausgeht. Am Ende steht Tina im Film zu dem Wesen, hat es akzeptiert. Besonders stolz sei er auf die Reaktion einer großen feministischen Plattform in den USA, erzählt Akiz. Die hätten den Film vor allem gelobt, weil hier eine Frau nicht vor "dem Monster wegrennt, sondern sich ihm stellt."

Szene aus Der Nachtmahr (Foto: Koch Films)

Der Nachtmahr schleicht sich an: Tina schläft und das Wesen ist ganz real da ...

Kein Sozialdrama, keine Klischees

Und noch etwas hatte der Regisseur im Sinn: "Mir war es wichtig, dass der Film sich nicht einreiht in das klassische deutsche Sozialdrama, eine Milieustudie, bei der man sagt: 'Der Vater säuft und die Mutter geht auf den Strich, klar, was dann rauskommt'." So zeige der Film zwar ungewöhnliche Konstellationen und überraschende Wendungen, aber keine Klischeefiguren.

"Der Nachtmahr" entstand mit einem Budget von nur 100.000 Euro. Der Erfolg gibt Akiz heute recht. Der Film wurde zum A-Festival nach Locarno eingeladen und war seitdem bei Festivals rund um den Globus zu sehen. Jetzt können sich auch die deutschen Zuschauer auf einen sehr ungewöhnlichen Film freuen. Es dürfte einer der originellsten deutschen Spielfilme des Jahres 2016 sein.

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