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Kultur

Kino-Visionen: "Von Caligari zu Hitler"

Deutschlands Kino feierte in den '20er Jahren Welterfolge - Hollywood wurde blass vor Neid. Eine Dokumentation wirft einen Blick auf die Filmepoche, die - so die These eines Kritikers - den Nationalsozialismus voraussah.

Das Programm der zurückliegenden Filmfestspiele in Cannes hat mit seinem Verzicht, deutsche Filme zu zeigen, wieder einmal schmerzhaft daran erinnert: Vor knapp 100 Jahren wäre kein Festival der Welt am deutschen Film vorbeigekommen. Als das Kino noch in Kinderschuhen steckte, als Regisseure und Kameramänner mit vielfältigen Formen experimentierten, ganze Genres neu erfanden, als die siebente Kunst sich etablierte und selbstbewusst einen Platz neben Literatur, Musik und Theater einnahm, da blickte die Welt des Films nach Deutschland.

Von Deutschland nach Hollywood

Regisseure wie Fritz Lang und Ernst Lubitsch, Friedrich Wilhelm Murnau und Billy Wilder setzten Maßstäbe. Viele von ihnen gingen in den 1920er und '30er Jahren nach Hollywood, ließen sich von den großen Studios anlocken, flohen aber vor allem vor Hitlers Schergen. Doch ihre großen Werke, Filme wie "Metropolis" oder "M - eine Stadt sucht einen Mörder", "Nosferatu - Symphonie des Grauens" oder "Anna Boleyn", hatten sie noch in Deutschland gedreht. Bis heute hat diese Ära des deutschen Kinos nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Auch in den USA werden die Filme immer wieder gezeigt.

Filmszene aus Fritz Langs Film 'Dr. Mabuse', Teil 1 aus dem Jahre 1922 (Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung)

Verrückter Manipulator Dr. Mabuse in Fritz Langs Film "Dr. Mabuse - Der Spieler", Teil 1, aus dem Jahre 1922

Siegfried Kracauer, der bekannteste Filmkritiker der Zeit, begleitete das deutsche Filmwunder in jenen Jahren mit unzähligen Schriften und Texten. Auch Kracauer verließ 1933 das Land, um vor dem Nationalsozialismus zu fliehen. Er ging in die USA und schrieb dort unter anderem ein wegweisendes Buch über das deutsche Kino: "Von Caligari zu Hitler". Darin entwickelte er die These, deutsche Regisseure hätten in jenen Jahren viel von dem vorweggenommen, was später zwischen 1933 und 1945 zur Realität wurde: Tod und Terror, grausame Tyrannen und bestialisches Morden.

Der Film läuft rund um den Globus

Rüdiger Suchsland hat über das deutsche Kino der Zeit und die These Kracauers eine eindrucksvolle Dokumentation gedreht: "Von Caligari zu Hitler" feierte im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Venedig Weltpremiere und läuft derzeit auf vielen Festivals rund um den Globus. Am 28. Mai startet er auch in den deutschen Kinos. Wir trafen den Regisseur zum Gespräch.

Deutsche Welle: Herr Suchsland, wie kam es zum Buch Kracauers?

Rüdiger Suchsland: Siegfried Kracauer war der wichtigste und führende Filmkritiker der Weimarer Republik. Er hat gewissermaßen für Deutschland überhaupt die Filmkritik erfunden in der Zeit unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg. Genau über diese Periode hat Kracauer, ein Feuilletonist der damals wichtigsten Tageszeitung "Frankfurter Zeitung", geschrieben.

Interview nach Premiere des Dokumentarfilms Von Caligari zu Hitler (Foto: Jochen Kürten)

Regisseur Rüdiger Suchsland (M.) und Ernst Szebedits (r.) von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung im DW-Gespräch

Kracauer hat als Jude, als Liberaler, als linker Autor, Deutschland im März 1933 verlassen. Er war zunächst im Pariser Exil, das Buch hat er dann im amerikanischen Exil geschrieben. Im Untertitel heißt das Buch: "Eine psychologische Geschichte des deutschen Films".

Mit Freud im Kino...

DW: Es ging also um mehr oder weniger unbewusste Wahrnehmungen der Regisseure?

Das sagt eigentlich genau das, was er meint: Er nimmt das deutsche Kino und versucht psychologische Botschaften daraus zu lesen. Auch mit der Methode Sigmund Freuds, der Psychoanalyse. Er analysiert das Verborgene, das nicht Offensichtliche dieser Filme.

Andererseits untersucht er das Kino als Massenmedium, als eine Art Indikator, als Seismograph eines kollektiven Bewusstseins und nicht zuletzt auch als eines kollektiven Unterbewusstseins. In diesem Sinn untersucht er diese Filme: Was zeigt sich in diesen Filmen von dem späteren Faschismus, was überhaupt von totalitären Gesinnungen? Was von Gewaltbereitschaft, von Krieg, vom Genozid, von der Ermordung der europäischen Juden?

Filmszene 'M', 1931 Gustav Gründgens als 'Der Schänker' Kameramann: Fritz Arno Wagner (Foto: Präsens Film Zürich)

Verschlagene Filmfigur: Gustav Gründgens als Der Schänker in "M" von Fritz Lang

Diese These war ja auch nicht unumstritten!

Manche haben ihm vorgeworfen, dass, als er 1942 angefangen hat mit seinem Buch, es ja einfach gewesen wäre die These aufzustellen: Man habe ja damals gewusst, was rauskommt. Aber so primitiv war die These natürlich nicht. Kracauer hat erst mal die Filme untersucht, die einzelnen Werke. Er hat nicht nur eine grobe These aufgestellt.

Er hat herausgefunden, dass wir in den deutschen Filmen - viel mehr als in allen anderen Filmen der Zeit aus anderen Ländern - viel mehr Massenmörder haben, viel mehr tyrannische Gestalten, verrückte Wissenschaftler, autoritäre Väter. Wenn man an "Metropolis" denkt, an "Das Cabinet des Dr. Caligari": Solche Figuren haben wir im deutschen Kino viel, viel mehr als in irgendwelchen anderen nationalen Kinematografien.

Das muss man irgendwie erklären: Warum diese Faszination für Mörder, für Gewalt, für Manipulation, für Hypnose? Egal wie man über das deutsche Kino der Zeit denkt - Man wird irgendwie erklären müssen, warum es diese Figuren gibt.

Filmszene 'Fräulein Else', 1929 mit Elisabeth Bergner (Foto: Cineteca di Bologna)

Der Schrecken stand den Protagonisten der Filme oft im Gesicht: "Fräulein Else" mit Elisabeth Bergner

Wie bekannt ist denn Kracauers Buch gewesen? Wie ist heute die Kenntnis davon - auch in anderen Ländern?

Sehr verbreitet. Das hat mich überrascht. Es ist in Deutschland weniger bekannt. Wenn man im Ausland darüber spricht, ob das in Amerika ist, im spanischen, im ganzen romanischen Sprachraum, dann ist das Buch sehr bekannt. Es gilt als Standardwerk, als Standardwerk über das Kino der '20er Jahre und das deutsche Kino. Filme wie "Nosferatu" oder "Berlin, Sinfonie einer Großstadt", "Der blaue Engel", "Metropolis" oder wie "M - eine Stadt sucht einen Mörder" sind extrem berühmt.

Die sind im Ausland, wo es manchmal mehr Geschichtsbewusstsein gibt, noch berühmter. Da weiß man: In den '20er Jahren war das deutsche Kino das wichtigste Kino der Welt. Zum Teil wichtiger als Hollywood. Hollywood hat ja im Grunde seinen Aufstieg erst begonnen mit den Emigranten aus Europa, auch schon mit Filmemachern wie Ernst Lubitsch oder Friedrich Wilhelm Murnau, die schon vor Hitler und vor 1933 emigriert sind. Und mit Fritz Lang, der dann 1933 in die USA ging.

Das Gespräch führte Jochen Kürten

"Von Caligari zu Hitler" von Rüdiger Suchsland lief nach seiner Welturaufführung in Venedig unter anderem bei Festivals in Süd-Korea, im Iran, in Brasilien, Argentinien, Hong Kong, Holland und Schweden. Demnächst ist Suchslands Film noch bei Festivals in Jerusalem, Shanghai, in Rumänien und in Portugal zu sehen.

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