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Kultur

Weltpremiere: "Von Caligari zu Hitler"

Aus deutscher Sicht drehte sich bei den 71. Internationalen Filmfestspielen in Venedig alles um Fatih Akins Armenien-Drama "The Cut". Ein wenig im Schatten stand die Dokumentation "Von Caligari zu Hitler". Zu Unrecht.

Es war schon eine kleine Sensation: Die Welturaufführung des Dokumentarfilms "Von Caligari zu Hitler" fand ausgerechnet bei einem der wichtigsten Filmfestivals der Welt statt. Dass es sich dabei um das Debüt eines Filmkritikers handelt, und dieser Film in der Reihe "Venice Classics" neben restaurierten Meisterwerken der Kinogeschichte wie "Mouchette" von Robert Bresson oder François Truffauts "Geraubte Küsse" lief, machte die Sache für Rüdiger Suchsland noch schöner.

Eine legändere These

In "Von Caligari zu Hitler - Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen" beschäftigt sich Suchsland mit der großen Zeit des deutschen Films in den 1920er und frühen '30er Jahren. Er setzt sich mit der berühmten These Sigfried Kracauers auseinander, die deutschen Regisseure hätten damals in ihren Werken das Phänomen Nationalsozialismus vorausgeahnt. Wir trafen den Regisseur in Venedig zum Gespräch.

DW-Interview in Venedig mit Rüdiger Suchsland (M.) und dem Präsidenten der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Ernst Szebedits (Foto: J. Kürten)

DW-Interview in Venedig mit Rüdiger Suchsland (M.) und dem Präsidenten der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung Ernst Szebedits

Deutsche Welle: Herr Suchsland, war es eigentlich eine Überraschung, dass Sie zu den Filmfestspielen eingeladen wurden?

Rüdiger Suchsland: Ja, ich war sehr überrascht. Es ist ja ein Erstlingsfilm. Wenn man als Filmkritiker einen Film macht und keine Ausbildung gemacht hat, dann weiß man auch nicht, wie dieser Film ist. Ich nehme auch mal an, dass ich die Einladung nach Venedig ein bisschen der Tatsache zu verdanken habe, dass es wunderbares, tolles Filmmaterial von großen Kameraleuten wie Karl Freund enthält. Es sind bekannte Filme wie "Metropolis" oder "Nosferatu" zu sehen. Das hat also nicht so wahnsinnig viel mit meiner Regie zu tun.

Berühmtes Umfeld

Der Film läuft in der Reihe "Venice Classics", in der vor allem restaurierte Meisterwerke und Wiederentdeckungen der Kinogeschichte zu sehen sind.

Es laufen aber auch viele Dokumentarfilme über das Kino. Man hat beim Kino nicht so ein historisches Bewusstsein, wie man das zum Beispiel in der Literaturgeschichte hat, wo die Neuauflage eines Buches von Fontane oder Schiller wie selbstverständlich im Literaturteil einer Zeitung besprochen und mit anderen Ausgaben verglichen wird. Diesen vertrauten Umgang mit der Geschichte des Mediums hat man beim Kino, beim Fernsehen und beim bewegten Bild eigentlich überhaupt nicht. Das liegt natürlich daran, dass es das jüngste Medium ist. Dieses Bewusstsein müsste man eigentlich vielmehr haben, weil die ganzen neuen Filme auf den Klassikern fußen. Heute fängt das Wissen, auch an den Filmhochschulen, für viele erst bei Quentin Tarantino an.

Die Augen des Bösen: Rudolf Klein-Rogge als Dr. Mabuse in Fritz Langs gleichnamigen Film (Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung)

Die Augen des Bösen: Rudolf Klein-Rogge als Dr. Mabuse in Fritz Langs gleichnamigen Film

"Von Caligari zu Hitler" - was steckt dahinter?

Das ist zunächst einmal der Titel eines Buches von Sigfried Kracauer. Er war der wichtigste und führende Filmkritiker der Weimarer Republik. Kracauer hat gewissermaßen für Deutschland überhaupt die Filmkritik erfunden in der Zeit unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Genau über diese Periode hat Kracauer, ein Feuilletonist der damals wichtigsten Tageszeitung "Frankfurter Zeitung", geschrieben. Kracauer hat als Jude, als Liberaler, als linker Autor, Deutschland 1933 ziemlich schnell verlassen. Er war zunächst einmal im Pariser Exil, das Buch hat er dann im amerikanischen Exil geschrieben. Im Untertitel heißt es: "Eine psychologische Geschichte des deutschen Films".

Blick in das Unterbewusstsein der Deutschen

Das sagt eigentlich genau das, was er meint: Er nimmt das deutsche Kino und versucht psychologische Botschaften daraus zu lesen. Auch mit der Methode Sigmund Freuds, der Psychoanalyse. Er analysiert das Verborgene, das nicht Offensichtliche dieser Filme. Andererseits untersucht er das Kino als Massenmedium, als eine Art Indikator, als Seismograph eines kollektiven Bewusstseins und nicht zuletzt auch als eines kollektiven Unterbewusstseins. In diesem Sinn untersucht er diese Filme und fragt: Was zeigt sich in ihnen vom späteren Faschismus, was überhaupt von totalitären Gesinnungen? Was von Gewaltbereitschaft, von Krieg, vom Genozid, von der Ermordung der europäischen Juden?

Die Augen des Bösen: Rudolf Klein-Rogge als Dr. Mabuse in Fritz Langs gleichnamigen Film (Foto: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung)

Verrückt, gewalttätig, böse - eine filmische Vision: "Dr. Mabuse"

Diese These war ja nicht unumstritten!

Manche haben ihm vorgeworfen, dass, als er 1942 angefangen hat mit seinem Buch, es ja einfach gewesen wäre: Man habe ja damals gewusst, was rauskommt. Aber so primitiv war sie natürlich nicht die These. Kracauer hat erst mal die Filme untersucht, die einzelnen Werke. Er hat nicht nur eine grobe These aufgestellt.

Ein deutsches Phänomen

Er hat herausgefunden, dass wir in den deutschen Filmen - viel mehr als in allen anderen Filmen der Zeit aus anderen Ländern - viel mehr Massenmörder haben, viel mehr tyrannische Gestalten, verrückte Wissenschaftler, autoritäre Väter. Wenn man an "Metropolis", an "Das Cabinet des Dr. Caligari" denkt. Solche Figuren haben wir im deutschen Kino viel, viel mehr als in irgendwelchen anderen nationalen Kinematografien.

Das musste man irgendwie erklären: Warum diese Faszination für Mörder, für Gewalt, für Manipulation, für Hypnose? Egal wie man über das deutsche Kino der Zeit denkt - man wird irgendwie erklären müssen, warum es diese Figuren gibt.

Wie bekannt ist denn Kracauers Buch gewesen? Wie ist heute die Kenntnis davon, auch im Ausland?

Sehr verbreitet. Das hat mich überrascht. In Deutschland ist es eigentlich weniger bekannt. Wenn man im Ausland darüber spricht, ob das in Amerika ist, im spanischen, im ganzen romanischen Sprachraum, dann ist das Buch sehr bekannt. Es gilt als Standardwerk über das Kino der '20er Jahre, als Standardwerk über das deutsche Kino. Filme wie "Nosferatu" oder "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt", wie "Der blaue Engel", "Metropolis" oder wie "M - eine Stadt sucht einen Mörder", sind extrem berühmt.

Split-screen Marlene Dietrich - Split-screen Marlene Dietrich, (Foto: Deutsche Kinemathek Berlin)

Klassiker deutscher Filmkunst: "Der blaue Engel"

Die sind im Ausland, wo es manchmal mehr Geschichtsbewusstsein gibt, berühmter. Da weiß man: In den 20er Jahren war das deutsche Kino das wichtigste Kino der Welt, zum Teil wichtiger als Hollywood. Hollywood hat ja im Grunde seinen Aufstieg erst mit den Emigranten aus Europa begonnen. Auch schon mit Filmemachern wie Ernst Lubitsch oder Friedrich Wilhelm Murnau, die schon vor Hitler und vor 1933 emigriert sind. Und mit Fritz Lang, der dann 1933 in die USA ging.

Rüdiger Suchslands Dokumentation "Von Caligari zu Hitler - Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen" wird in den kommenden Monaten bei Festivals gezeigt, unter anderem auch beim "Jerusalem Filmfestival". Im nächsten Frühjahr kommt der Film in die deutschen Kinos.

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