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Nahost

Der rasante Aufstieg des "Islamischen Staates"

Für die Öffentlichkeit kam die IS-Terrormiliz wie aus dem Nichts. Doch die Dschihadisten waren schon sehr lange im Nahen Osten aktiv. Daran ist der Westen nicht ganz unschuldig.

Viel ist über Ibrahim al-Badri nicht bekannt. Nur, dass er in Bagdad aufgewachsen ist und aus ärmlichen Verhältnissen stammt. Das ist heute wohl anders: Unter Geldmangel leidet er nicht mehr, nennt sich Kalif und ist Anführer einer eigenen Armee, die sich Islamischer Staat (IS) nennt und zu Beginn noch mit dem Zusatz "im Irak und Syrien" (ISIS) aufgetreten ist.

Der Erfolg des militanten Islamistenführers, der sich seit 2010 Abu Bakr al-Bagdadi nennt, ist genau so rasant erfolgt wie der Aufstieg der Terrormiliz, die seit 2013 auch im syrischen Krieg mitmischt und sich als neuer Feind des Westens positioniert hat. Der IS verbreitet Angst und Schrecken, ist für sein barbarisches Vorgehen bekannt und tritt zudem auf wie ein Staat, der sein Gebiet ausweiten will.

Abu Bakr al-Bagdadi (Foto: AP)

Nennt sich Kalif des IS: Abu Bakr al-Bagdadi

Es begann im Irak

In jenem Sommer, als in Syrien der Krieg schon mehr als zwei Jahre tobte und der Westen sich immer noch nicht für ein Eingreifen entscheiden konnte, häuften sich die Berichte verschiedener Menschenrechtsorganisationen über Morde und Massaker durch die IS-Milizen: Menschen wurden im Schlaf ermordet oder wegen Nichtigkeiten einfach erschossen. Seit gut einem halben Jahr hält der IS die gesamte Welt in Atem, spätestens seit der Veröffentlichung verschiedener Videos, in denen die Hinrichtungen westlicher Journalisten, Helfer und oppositioneller Kämpfer für die Welt dokumentiert werden. Ein Messer, orangefarbene Overalls, ein Henker mit britischem, manchmal auch französischem Akzent: Mit der Enthauptung vor laufender Kamera demonstriert der Islamische Staat auch noch auf brutale Art und Weise seine Medienkompetenz.

In der Region sind die Extremisten allerdings schon seit über zehn Jahren aktiv. Denn dort ging der IS aus einem Ableger der Terrorgruppe Al-Kaida im Irak hervor: Als 2003 die Amerikaner in den Irak einmarschierten, stürzten sie Diktator Saddam Hussein und verdrängten alle seine sunnitischen Anhänger aus dem öffentlichen Dienst - von den republikanischen Garden bis hin zum Geheimdienst. Viele wurden inhaftiert und saßen seither im Gefängnis. Hunderttausende sunnitische Iraker - unter ihnen Generäle, Offiziere, Soldaten und Beamte - gerieten immer mehr ins Abseits. "Ohne diese Entwicklung nach dem Einmarsch der USA hätte es den IS nicht gegeben", sagt Günter Meyer vom Zentrum für Forschung zur Arabischen Welt an der Universität Mainz.

Nutzen aus dem Syrien-Krieg

Im Widerstand gegen die US-Truppen formierten sich einige ehemalige Hussein-Anhänger. Unter Abu Musab al-Sarkawi gründete sich "Al-Qaida im Irak" (AQI). Das Land wurde immer mehr zum Magnet für Dschihadisten, die sich 2006 nach der Ermordung Al-Sarkawis in "Islamischer Staat im Irak" (ISI) umbenannten.

Anfang 2013 nutze ISI das in Syrien entstandene Machtvakuum, expandierte und benannte sich um in "Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS)". Es kam zum Bruch mit der bis dahin erfolgreichsten Al-Kaida-Miliz in Syrien, mit der Al-Nusra-Front. Diese verweigerte Abu Bakr al-Baghdadi, der mittlerweile das Kommando übernommen hatte, die Gefolgschaft. Seither arbeitet er gemeinsam mit seiner Miliz an der Errichtung eines Kalifats - möglichst in Syrien, dem Irak, dem Libanon und in Palästina. Den Terroristen gelang es bereits Ende 2013 sich in der nordöstlichen Provinz Rakka festzusetzen, um von dort ihre Eroberungsfeldzüge zu starten.

Machtübernahme in Mosul

"Der Fall von Mosul im Juni 2014 war die eigentliche Geburtsstunde der Expansion der Terrormiliz", so Nahost-Experte Meyer im Gespräch mit der DW. Mosul galt als Hauptrückzugsgebiet alter Saddam Hussein Anhänger. Als der IS die Kontrolle dort übernahm, schlossen sich ihm gleich hochqualifizierte sunnitische Ex-Generäle und Kämpfer an, die sich an der Politik der Diskriminierung durch den damals amtierenden schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki rächen wollten. Zudem plünderte der IS die in Mosul ansässige Zentralbank und erbeutete Millionenbeträge.

Organisation des Islamischen Staats (Foto: DW)

Der IS drang 2014 schnell in Richtung Bagdad vor, denn die überforderte irakische Armee war aus Angst vor der Terrormiliz geflohen und hinterließ ihr kampflos modernste Technologie und Waffen. In den eroberten Gebieten rief Al-Baghdadi ein Kalifat aus, benannte seine Miliz um in IS und hob damit für ihn und seine Anhänger alle Landesgrenzen auf. Zudem führte er die Rechtsprechung nach der Scharia ein, Andersgläubige wie Christen oder

Jesiden

werden entweder getötet oder versklavt. "Wir haben es hier mit einer Bewegung von Aufständischen zu tun mit der klaren Zielsetzung, ein Territorium zu besetzen", sagt Experte Günter Meyer. "Die Ausrufung eines Kalifats hat eine enorme Ausstrahlung in die gesamte islamische Welt."

Sammelbecken für radikale Muslime weltweit

Und nicht nur in die: Aus ganz Europa sind bereits junge Muslime und Konvertiten nach Syrien und in den Irak gezogen, um an der Seite des IS zu kämpfen. Auch aus Deutschland sollen nach Angaben des Bundesverfassungsschutzes mittlerweile 550 Kämpfer dabei sein (Stand November 2014). Insgesamt sollen 50.000 Männer an der Front für den IS kämpfen. "Das sind alles überzeugte Muslime, die ihre Glaubensbrüder im Kampf gegen die Schiiten verteidigen wollen. Und in der Gefolgschaft von IS lockt zudem ein hohes Einkommen", sagt Günter Meyer.

Denn der IS hat bei seinen Eroberungsfeldzügen in den vergangenen Monaten zahlreiche

Öl- und Gasfelder

besetzt, erhebt Zölle und Steuern, erpresst Schutz-und Lösegelder. Daher kann er sich mittlerweile gut finanzieren und ist nicht mehr auf Unterstützung durch reiche Golf-Araber angewiesen. Unterschiedlichen Schätzungen zufolge soll der IS täglich zwischen einer und drei Millionen Euro umsetzen.

Vormarsch stoppen - aber wie?

Durch ihre finanziellen Mittel kann der IS problemlos für Waffennachschub über die Türkei und über den Libanon sorgen und gilt als ernstzunehmende militärische Macht. Die Bewaffnung der kurdischen Peschmerga-Kämpfer im Nordirak durch den Westen, unter anderem auch durch Deutschland, der Kampf der kurdischen PYD-Kämpfer im Nordosten Syriens und auch das Bündnis aus arabischen Staaten um die USA herum, das seit Monaten Stellungen des IS bombardiert, haben die Terrormiliz aufgehalten, noch weitere Landstriche für sich einzunehmen.

"Der Vormarsch konnte zwar gestoppt werden", sagt Günter Meyer. "Und auch ist das ideologisch-attraktive Ziel eines islamischen Staates vor dem Hintergrund der vielen Exekutionen verblasst. Aber die Luftangriffe führen auch zu Verlusten bei der einheimischen Bevölkerung, und das erhöht auf der anderen Seite wieder die Attraktivität - aus Rache."

Daher sind sich Experten einig, dass nur die gemäßigten Sunniten in der Region dauerhaft den IS besiegen können. "Die absolute Mehrheit der Menschen dort ist gegen diesen "Islamischen Staat" und gegen diese Radikalität. Wenn sie sich zusammenschließen, sich militärisch besser organisieren, dann werden wir sehr schnell erleben, wie diese Organisation militärisch besiegt wird",

sagt Udo Steinbach

, Leiter des "Governance Center Middle East/North Africa" an der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin.

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