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Nahost

"Es wird bergab gehen mit dem IS"

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat Teile des Iraks und Syriens erobert. Immer mehr Gleichgesinnte wollen sich dem IS anschließen. Nahost-Experte Udo Steinbach glaubt trotzdem nicht an eine weltweite Ausdehnung.

Deutsche Welle: Die Terrorgruppe Islamischer Staat ist in Syrien und im Irak aktiv. Dazu kommen diverse Al-Kaida-Ableger in mehreren Staaten wie die Al-Nusra-Front in Syrien und Abu Sayyaf auf den Philippinen. Könnten sich diese Terrororganisationen zu einer breiten Koalition zusammenschließen?

Udo Steinbach: Ein Netzwerk im formalen Sinne wird es nicht geben, aber es ist natürlich ein Netzwerk von Gleichgesinnten. Es ist die gleiche Ideologie, es ist der gleiche dschihadistische Hintergrund. Diese Menschen sind meist aus ihren Gesellschaften herausgefallen. Sie leben in Regionen, in denen Armut herrscht. So gesehen haben wir hier ein Grundklima, aus dem diese Sumpfpflanzen wachsen: Sie haben eine ähnliche Strategie, sind ideologisch vergleichbar und richten sich gegen die eigenen Gesellschaften - aber auch gegen Menschen aus dem Westen.

Hat IS-Chef Abu Bakr al-Bagdadi unter diesen diversen Terrorgruppen ein Gemeinschaftsgefühl geschaffen?

Es ist völlig undenkbar, dass man gemeinsam arbeitet. Dazu sind die Gebiete, in denen diese Bewegungen operieren, zu unterschiedlich. Und es gibt es auch zu viele Friktionen zwischen ihnen. Wir haben das im Falle der Al-Nusra-Front und dem IS in Syrien erlebt. Erst gingen sie zusammen und auf einmal arbeiteten sie gegeneinander. Wenn wir diese islamistischen Organisationen in den letzten drei Jahrzehnten überblicken, dann sehen wir, dass sie sich ständig neu formieren. Zwar bleibt die ideologische Grundeinstellung die gleiche, aber es gibt viel zu viele Rivalitäten - insbesondere auch zwischen den Führern.

Nahost-Experte Udo Steinbach (Foto: DW)

Nahost-Experte Udo Steinbach

Hat der "Islamische Staat" Al-Kaida also in seiner Popularität abgelöst?

Ja, so kann man das sehen. Al-Kaida ist nicht mehr das ganz große Erfolgsmodell. Das, was Bagdadi getan hat und was er tut, scheint vielversprechend zu sein: Er verschafft sich über eine maßlose Radikalisierung, über eine maßlose Brutalisierung, eine Anhängerschaft.

Sie sind also der Ansicht, dass die Strategie der Terrorgruppe Islamischer Staat lokal begrenzt bleibt?

Wir werden erleben, dass es mit dem "Islamischen Staat" sehr schnell bergab gehen wird, wenn sich jetzt erst einmal eine Allianz bildet, die die Menschen selbst aus der Region umfasst. Und die absolute Mehrheit der Menschen dort ist gegen diesen "Islamischen Staat" und gegen diese Radikalität. Wenn sie sich zusammenschließen, sich militärisch besser organisieren, dann werden wir sehr schnell erleben, wie diese Organisationen militärisch besiegt werden.

Das heißt nicht, dass die Ideologie irrelevant wird, das heißt auch nicht, dass damit der globale Schrecken aufhört, den diese Organisation verbreitet. Aber es wird eben keine "Superorganisation", kein zentralisierter Staat werden, sondern es wird ein loser Strauß von Organisationen sein, die in den Regionen operieren, in denen das möglich ist. Das sind sehr unterschiedliche Bedingungen. Von daher ergeben sich auch Grenzen, übergreifende Strukturen zu entwickeln.

Das Anti-IS-Bündnis der USA kommt spät und setzt bislang im Kern auf Luftschläge gegen IS-Stellungen. Ist das die richtige Strategie, um den IS zu bekämpfen?

Dass dies nicht ausreicht, weiß man in Washington, in Ankara, in Paris und auch in den Niederlanden, die sich jetzt dem Kampf gegen den IS anschließen wollen. Die Luftschläge können nur unterstützende Funktion haben für eine Operation am Boden. Diese wird letzten Endes von den Menschen in den Ländern gestellt, in denen sich der IS eingenistet hat.

Wer soll das denn am Boden übernehmen? Die syrischen Truppen von Baschar al-Assad oder die irakischen Truppen?

Es geht ja schon bei den Kurden los, und die Kurden sind ja gar nicht so erfolglos. Immerhin sind sie stark genug gemacht worden, um das Schlimmste zu verhindern. Wir erleben jetzt auch langsam wie die syrische Opposition wieder salonfähig gemacht wird. Sie soll in Saudi-Arabien und Jordanien ausgebildet werden. Und wenn die Türkei ihr gewaltiges militärisches Arsenal einsetzt, entsteht eine Streitmacht, der weder der IS noch die Al-Nusra-Front in Syrien gewachsen ist. Es kommt wirklich darauf an, die Menschen zu mobilisieren. Sie sind verschreckt über das Ausmaß an Gewalt, das sie niemals für möglich gehalten hätten. Die Luftschläge sind nur eine Maßnahme, um das Vorrücken der Terrorgruppe zu verhindern und Zeit zu gewinnen, bis sich die Allianz gegen sie verstärkt hat.

Dann müssten sich aber auch die Erzfeinde Saudi-Arabien und der Iran annähern, um effektiv gegen den IS vorzugehen.

Ich glaube, das geschieht schon. Die Töne, die wir aus Teheran vernehmen, insbesondere vom iranischen Außenminister Zarif, sind versöhnlich. In Saudi-Arabien kommt das noch nicht so richtig an. Aber auch die Saudis wissen, dass man den Irak gegen den IS nur stärken kann, wenn der Iran mit an Bord ist, denn in Bagdad sitzt eine schiitische Führung. Saudi-Arabien und der Iran sitzen im selben Boot.

Udo Steinbach ist Experte für den Nahen Osten. Er leitet das "Governance Center Middle East/North Africa" an der "Humboldt-Viadrina School of Governance" in Berlin. Zuvor hat er am Zentrum für Nah-und Mitteloststudien an der Philipps-Universität in Marburg unterrichtet.

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