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Kultur

Der Mythos von der "russischen" Krim

Im kollektiven Bewusstsein der Russen ist die Krim fast so typisch russisch wie der Rote Platz in Moskau. Doch eigentlich ist die Halbinsel kosmopolitisch und seit Jahrhunderten ein multikulturelles Territorium.

Schwalbennest Burg auf der Aurora-Klippe

Das "Schwalbennest" gilt als typisch russisch, ist aber eine deutsche Hinterlassenschaft

Die Krim-Krise ist in vollem Gange und alle Welt spricht von den politischen und ethnischen Aspekten des Konflikts. Sogar auf die Geschichte greift man zurück - allerdings nur, um daran zu erinnern, in welchem Jahr die Krim zu Russland kam und wann sie der Ukraine zugeschlagen wurde. Dabei lohnt es sich durchaus, zu schauen, welche Kulturen auf der Halbinsel ihre Spuren hinterließen. Dann kommt man schnell darauf, dass es im Falle der Krim um mehr geht als die Frage: Russland oder Ukraine? Die Krim ist nämlich seit Jahrhunderten ein multikulturelles Territorium. Im 1. Jahrhundert nach Christus zählte der römische Historiker Plinius der Ältere hier 30 Völker.

Dementsprechend vielfältig ist das über Jahrhunderte gewachsene historische und kulturelle Erbe der Krim. Wenn heutige pro-russische "Verteidiger" der Halbinsel sich als "Bürger der Krim" bezeichnen, ist das ziemlicher Nonsens. Richtigerweise müssten sie sich als "Weltbürger" bezeichnen, schließlich ist die Krim von jeher kosmopolitisch. Griechen, Armenier, Juden, Tataren, Türken, Bulgaren, Italiener, Deutsche, die beiden jüdisch-tatarischen Völker der Karäer und Krimtschaken, selbstverständlich Russen und Ukrainer und sogar Nachfahren der ostgermanischen Goten trugen bei zur einzigartigen Kultur der Halbinsel, die man so oft für einen festen Bestandteil der russischen Kultur hält. Tatsächlich aber hat die gegenseitige Beeinflussung all dieser Völker, die über Jahrhunderte hinweg so eng nebeneinander existierten, die monokulturellen Schranken durchlässig gemacht.

Als Nationalität und Religion noch keine Rolle spielten

Gemälde Iwan Aiwasowski Das Schwarze Meer 1881

Maximilian Woloschin: ein russischer Dichter

Es gab Zeiten, da wäre auf der Krim niemandem in den Sinn gekommen, Menschen nach ethnischen, politischen oder religiösen Erwägungen zu sortieren. Für das Neben- und Miteinander steht sinnbildlich das Haus des Dichters Maximilian Woloschins im Dorf Koktebel an der Südostküste der Krim. Woloschin versammelte dort Anfang des 20. Jahrhunderts die literarischen Größen seiner Zeit. Das Haus war offen für alle, ein magischer Anziehungspunkt. In Koktebel wurde eine Vielzahl großartiger Gedichte und Romane geschrieben, die zu den Schätzen der modernen russischen Literatur gehören.

Zu den bedeutendsten ukrainischen Dichtern des 20. Jahrhunderts gehört Lesja Ukrainka, die bürgerlich Laryssa Petriwna Kossatsch hieß. Auch ihr Name ist eng mit der Krim verwoben. Eigentlich kam sie 1890 auf die Halbinsel, um sich von der Tuberkulose zu kurieren. Sie verbrachte zwar nur einige Monate auf der Krim, doch sie verliebte sich für immer in diesen Landstrich. Besonders hatte es ihr die Bucht Balaklawa angetan, die damals noch nicht von rostenden russischen U-Booten verunziert war. Während ihres Aufenthalts schrieb Ukrainka die zauberhaften Gedichte"Erinnerungen an die Krim", die zum Besten zählen, was die ukrainische Literatur jener Zeit hervorbrachte.

Deutsche Spuren auf der Krim

Auch in der Malerei ist die Krim verewigt. Der Marinemaler Iwan Aiwasowski war Mitte des 19. Jahrhunderts fasziniert von der Küste der Halbinsel. Seine gewaltigen Werke hängen beispielsweise im russischen Museum in St. Petersburg. Die wenigsten wissen, dass der Künstler ursprünglich Owanes Aiwasjan hieß und Armenier ist.

Gemälde vom Schwarzen Meer

"Das Schwarze Meer" von Iwan Aiwasowski

Und noch etwas vermeintlich "typisch Russisches", das in Wahrheit typisch für den Multi-Kulti-Mix der Krim ist: Das "Lastotschkino gnesdo", zu deutsch "Schwalbennest", ist so etwas wie das Brandenburger Tor für Berlin, nämlich DAS architektonische Wahrzeichen für die Krim schlechthin. Ein pittoreskes Schloss in der Nähe des Dorfes Gaspra an der Südostküste der Insel, erbaut auf einer Klippe, die gefährlich weit über das Meer hinauszuragen scheint.

Das "Schwalbennest" erinnert gleichermaßen an eine italienische Villa und eine mittelalterliche Burg am Rheinufer. Beileibe kein Zufall: Gebaut wurde das romantische Schlösschen im Auftrag des Ölbarons Paul Steinheil, eines Baltendeutschen, der in Baku sein Vermögen gemacht hatte. Im Schwalbennest war auch sein Cousin Fjodor (Theodor) Steinheil gern gesehener Gast. Er war seit 1906 ein Parlamentsabgeordneter in Kiew, und aktiver Verfechter der nationalen Autonomie der Ukraine und wurde deswegen von der zaristischen Regierung sogar zu Gefängnishaft verurteilt.

Das Schwalbennest nicht die einzige deutsche Hinterlassenschaft in der Architektur der Krim. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts gründeten deutsche Siedler eine Reihe von Kolonien, vor allem in der Steppenregion im Innern der Halbinsel. In den Dörfern, die damals Neusatz, Friedenthal und Rosenthal hießen, kann man sogar heute noch jene Häuser und Katen sehen, die eigentlich typisch sind für Süddeutschland. Heute heißen die Dörfer übrigens Krasnogorje, Kurortnoje und Aromatnoje, allesamt sprechende Namen, die übersetzt soviel heißen wie Rotberg, Kurortthal und Aromahausen. In Aromahausen - wer sich wohl diese Namen ausgedacht hat?! - gibt es übrigens ein gut erhaltenes katholisches Gotteshaus aus dem Jahr 1867, das allerdings schon vor geraumer Zeit der russisch-orthodoxen Kirche übereignet wurde. Die Deutschen verschwanden aus der Krim in den 1930er Jahren. Damals wurden sie von Stalin vertrieben, ebenso wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Krim-Tataren.

Ein Russe, eine Polin, eine Georgierin und ein Krim-Khan

Schwarz-weißes Porträt von Lesja Ukrainka

Auch Lesja Ukrainka machte die Krim bekannt

Die bedeutendste Hinterlassenschaft der Krimtataren in Geschichte und Kultur der Halbinsel ist das Schloss Bachtschissaraj, was soviel bedeutet wie Palast der Gärten. Hier residierten die Khane, die die Krim rund drei Jahrhunderte lang beherrschten. Im Schlosspark steht ein kleiner Brunnen, der Legende ist. Das liegt an Alexander Puschkin, jenem Dichter, der in Russland den Stellenwert eines Goethe in Deutschland hat.

1820 war der Dichter gerade mal 21 Jahre jung und vom Zar in den Süden verbannt worden. Als er nach Bachtschissaraj kam, war er unglücklich verliebt. Der Brunnen inspirierte ihn zu einer romantischen Ballade. Diese handelt von zwei Frauen: der Polin Maria, die die Schande, Haremsdame des Khans Girej zu sein, nicht erträgt. Und der Georgierin Sarema, einer Geisel des Khans, die an Liebeskummer leidet, weil Girej sie verstieß. Das Gedicht "Der Brunnen von Bachtschissaraj" endet mit dem tragischen Tod beider Frauen. Und mit der Anordnung des Khans, zu Ehren von Maria im Schloss einen Brunnen zu errichten, mit dem Namen "Brunnen der Tränen". Nach den Motiven Puschkins entstanden Filme, Ballettstücke und Opern. Die bekannteste ist die Oper "Sarema" des Österreichers Alexander von Zemlinsky. Das Libretto schrieb von Zemlinsky zusammen mit Arnold Schönberg.

Ohne Zweifel hat auch die Krim einen "eigenen" berühmten Komponisten vorzuweisen: Alexander Spendiarow (1871-1928), der Jahrzehnte auf der Halbinsel verbrachte. Sein richtiger Familienname lautet Spendiarian, wieder ein eindeutig armenischer Name. Spendiarow/Spendiarian wurde zu einem der Gründerväter der armenischen klassischen Musik. Die Krim ist also auch in musikalischer Hinsicht kosmopolitisch. Übrigens entstand auf der Krim ein in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion überaus populäres Volkslied "Proschtschanije slawjanki" - "Der Abschied des slawischen Mädchens". Eine russische Volksweise? Eine ukrainische? Oder eine slawische? Spielt das wirklich eine Rolle?

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